Gestresste Gletscher

Gestresste Gletscher

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Ausdehnung und Volumen der Schweizer Gletscher nehmen in naher Zukunft weiter massiv ab – selbst wenn sich das Klima auf heutigem Niveau stabilisieren würde. Zu diesem Schluss kamen Forscher der ETH Zürich.
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Vergängliche Grösse: Der Aletschgletscher wird laut der Prognose der Wissenschaftler in hundert Jahren vier Kilometer kürzer sein.
 
 
Überall leiden Gletscher unter der Klimaerwärmung. Dennoch weiss man bisher wenig darüber, wie sich ihr Volumen im Lauf der Zeit verändert hat. Denn bisher gibt es nur von wenigen Gletschern so etwas wie „Lebensläufe“. Eine Ausnahme ist die Schweiz. Sie verfügt über weltweit einzigartige, genaue Aufzeichnungen über die Vorstösse und das Zurückschmelzen der Gletscher in den letzten über hundert Jahren. Mit Hilfe dieser Daten konnten Forscher der ETH ein mathematisches Modell entwickeln, das unter Einbezug von Erwärmungs- und Niederschlagsdaten Rückschlüsse über Volumenänderungen ermöglicht. Zudem weiss man auf Grund von Vegetationszeugen, die vor den Gletscherzungen gefunden werden, dass die Gletscher seit Jahrtausenden immer wieder Wachstums- und Rückzugsphasen hatten. Auslöser waren Klimaveränderungen, bei denen der Mensch noch keine Rolle gespielt hat.
 
Das mathematische Modell der ETH-Forscher stellt einen Gletscher vereinfacht durch Volumen und Länge dar, und wird von Veränderungen der Temperatur und des Niederschlages angetrieben. Auf diese Weise konnten sie zum ersten Mal zeigen, dass es möglich ist, aus Längenänderungen die Veränderung des Eisvolumens zu bestimmen. Dies geht aus einem Bericht der Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Journal of Geophysical Research hervor. Die von den Forschern für die Vergangenheit berechneten Volumenänderungen stimmten erstaunlich genau mit Luftaufnahmen und alten Karten überein, was sie dazu veranlasste das Modell auch für künftige Szenarien anzuwenden. Die Resultate zeigen, dass die Gletscher in naher Zukunft weiter massiv an Ausdehnung und Volumen abnehmen, auch wenn sich das Klima nicht weiter erwärmt.

Aletschgletscher ein Drittel kleiner

Laut heutigen Erkenntnissen reagieren Gletscher auf Veränderungen des Klimas ausgesprochen träge und hinken der Klima-Entwicklung um Jahrzehnte bis Jahrhunderte hinterher. Denn die Analyse der Forscher zeigt weiter, dass die unterschiedlichen Längenänderungen der sich zurückziehenden Gletscher nur von ihrer Grösse und Steilheit abhängen. Demnach kann erwartet werden, dass sich steile Gletscher bei einem von nun an konstanten Klima zwar nach einigen Jahrzehnten stabilisieren können. Aber flache und grosse Gletscher hingegen auch nach hundert Jahren noch an Masse und Volumen verlieren. „Für den Grossen Aletschgletscher bedeutet dies, dass er auch bei unverändertem Klima in hundert Jahren vier Kilometer kürzer sein wird und ein Drittel seines Volumens eingebüsst hat“, sagt Martin Lüthi, Glaziologe an der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW) der ETH Zürich und Erstautor der Studie. Unter der prognostizierten anhaltenden Erwärmung des Klimas werde diese Reaktion noch stärker und schneller eintreten.
 
Neben diesen berechenbaren Entwicklungen sind aber immer auch besondere Phänomene denkbar. So wird der schnelle Gletschervorstoss am Ende der kleinen Eiszeit (1810-1850) nicht nur durch Veränderung von Temperatur und Niederschlägen erklärt. Laut Martin Lüthi liegt dem markanten Vorstoss mit grosser Wahrscheinlichkeit eine verminderte Gletscherschmelze zu Grunde. Diese wiederum wurde durch eine vorübergehende Abnahme der Sonneneinstrahlung verursacht. Zwischen 1808 und 1815 gab es mehrere grosse Vulkaneruptionen, deren Partikel in der Atmosphäre die Sonneneinstrahlung stark reduzierten und zu einer globalen Abkühlung führten. (mai/mgt)