Gestalter und Grenzgänger

Gestalter und Grenzgänger

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Teaserbild-Quelle: Foto: Jürg Zimmermann
Seit 20 Jahren lebt der Architekt Charles O. Job in der Schweiz. Er arbeitet als Dozent und Produktgestalter und verbindet Funktionalität und Präzision mit einer Prise Verspieltheit.
 
Zwei Etagen trennen Wohnen und Arbeiten. Ein kleiner Raum im Souterrain ist das kreative Reich von Charles Job. Hier skizziert er, entwickelt Ideen und setzt sie in Modelle um. «Ich mag diesen Ort», sagt der Gestalter. Schnitte und Leimresten auf dem Werktisch weisen auf handfeste Tätigkeit hin. Soll eine Idee, eine Skizze weiterentwickelt werden, greift Job zu Karton und Schere. Hier hat alles angefangen, ganz zufällig. Der Nigerianer hatte an der Uni in Oxford seine spätere Frau kennengelernt und zog nach dem Architekturstudium mit ihr in die Schweiz, wo er sich neu orientieren musste. Ein Vortrag von Santiago Calatrava faszinierte ihn derart, dass er den Stararchitekten mit Sitz in Zürich um Arbeit fragte. Es klappte und er blieb zwei Jahre lang.

Fasziniert von der Schweizer Handwerkszunft

«Es war eine tolle, intensive Zeit», sagt der Gestalter. «Aber ich merkte, dass es nicht mein Ding ist. Ich wollte etwas Eigenes machen.» Er wurde Hausmann, lernte Deutsch und hatte plötzlich viel Freizeit. So begann er im Kelleratelier eigene Produkte zu entwickeln. «Ich skizzierte, baute ein Kartonmodell und ging damit zu einem Schreiner im Kreis 4. Manchmal hätte sich dieser auch geweigert, etwas zu fertigen mit der Begründung, es mache keinen Sinn, dies oder das aus Holz herzustellen. «Seine handwerkliche Kompetenz und Kenntnis des Materials haben mich beeindruckt. Das ist typisch für die Schweiz. In jedem anderen Land hätte der Schreiner das Geld genommen und den Auftrag ohne etwas zu Hinterfragen einfach ausgeführt.»

Sprungbrett Salone Satellite

Nach einer kurzen Anstellung in einem Designbüro, entschied sich Charles Job, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Dabei half ihm seine kommunikative Art. Er rief die gestandenen Gestalter Alfredo Häberli und Hannes Wettstein an in der Hoffnung, Tipps zu erhalten. «Beide rieten mir, Design für mich zu machen und nicht für ein Büro», sagt Job. Sein Mentor wurde schliesslich der Zürcher Orthopäde und Designer Robert Wettstein, der ihn dazu ermunterte, an der Mailänder Möbelmesse auszustellen. 2002 bewarb sich Job für einen Stand auf der Nachwuchsplattform Salone Satellite und wurde zugelassen. Er zeigte fünf Produkte und holte sich die Auszeichnung «Special Mention Design Report Award». Es war die Initialzündung für seine Karriere. Unter den Prototypen, die er in Mailand präsentiert hatte, war unter anderen «Aria», ein Kleinmöbel zum Aufbewahren von Schuhen und einem Fach für Schuhputzzeug. Es besteht aus gelochtem, gefaltetem Karton und kommt ohne Leim oder Nieten aus. Ein einfaches, cleveres Stück, auf das noch viele im selben Geist folgen sollten.
 
«Die Transformation war immer mein Thema», sagt der Gestalter. Die Mechanismen Falten und Klappen charakterisieren viele seiner Objekte. Zum Beispiel «Shu», ein Metallhocker mit einem ausklappbaren Teil, der das Anziehen der Schuhe bequemer macht. Die Idee dafür entstand wie oft bei Job im Alltag. «Meine Frau war schwanger und hatte Mühe beim Schuhebinden. Sie behalf sich mit einem Stapel Bücher und stellte den Fuss darauf, während sie auf einem Hocker sass», erzählt Job. «Als ich das sah, wusste ich: Das ist ein Möbel.» Zunächst fertigte er es aus Holz, in Serie produziert wurde es aber schliesslich aus Metall und das Design wurde dem Material angepasst. Die Schweizer Möbelkollektion Mox hat neben «Shu» weitere Objekte von Charles Job im Sortiment. Etwa den Schirmständer «Via», ein einfacher Entwurf aus gefalteten Blechelementen oder den Zeitungsständer «Bukan» in Form eines gekippten Kreuzes.
 
Die Produkte von Charles Job sind clever konstruiert, haben klare Formen undhaben etwas Verspieltes an sich. So auch «Mirrorbox» für Schönbuch. Der Spiegel gaukelt sozusagen vor, eine dreidimensionale Box zu sein, ist aber flach wie jeder Spiegel. «Als Architekt bevorzuge ich architektonische Formen, das Amorphe ist mir fremd», sagt Job. Für ihn spielt es keine Rolle, ob Häuser oder Produkte gebaut werden. «Es geht immer darum, eine Idee gestalterisch umzusetzen», so der Designer. Ihn interessiert der Weg von der Skizze über Modelle und Prototypen bis zum fertig ausgereiften Produkt.

Rolle als Motivator und Vermittler

Neben dem Produktdesign ist die Architektur weiterhin Teil seines Tätigkeitsfeldes. Nach seiner Mitarbeit bei Calatrava war Job ¬Assistent an der ETH Zürich, und seit 2008 ist er Professor für Entwurfstheorie in der Architekturabteilung an der Berner Fachhochschule. «Architektur hat mit vielen Aspekten wie Material, Licht, Atmosphäre oder Massstäblichkeit zu tun. Ich versuche, die Studenten zu motivieren, über alle Facetten der Architektur nachzudenken», sagt Job über sein Ziel als Lehrer. Dazu gehören praktische Aufgaben, die nur auf den ersten Blick einfach scheinen. Zum Beispiel müssen die Studierenden aus einer Schuhschachtel zwei Räume generieren. Bevor sie das tun, müssten sie diese Räume exakt mit Adjektiven beschreiben. Danach versuchen sie zu erklären, wie sie diese Eigenschaften räumlich umgesetzt haben.
Dann sind da noch die speziellen Projekte wie zum Beispiel die Zusammenarbeit der Schule mit Instituten in Nigeria. Ein Forschungsteam unter der Leitung von Charles Job entwickelte ein Projekt, bei dem Know-how aus der Schweiz und Afrika verbunden werden sollte. Aus landwirtschaftlichen Abfallprodukten wie Maiskolben, Reishülsen oder Nussschalen wurde in gemeinsamer Forschung ein Baumaterial entwickelt. Ein billiger, ökologischer Recyclingstoff, der aber bei den Afrikanern nicht nur auf Begeisterung gestossen ist. «Sie hätten lieber etwas Tolles aus Beton gebaut, wir hingegen wollten ein einfaches Projekt, das viel bewegen kann», sagt Job, der in diesem Fall nicht nur Architekt, sondern als Nigerianer auch Kulturvermittler war. Das konkrete Ziel der Forscher ist es, günstigen Wohnungsbau zu ermöglichen. Und obwohl das neu entwickelte Material, für das zurzeit ein Produzent gesucht wird, ein Konkurrenzmaterial vom in Nigeria beliebten, aber teuren Beton ist, erhielt es eine Auszeichnung des internationalen Holcim Awards. Er wird für Projekte im Bereich nachhaltigen Bauens verliehen.
 
Zum Thema Heimat hat Job einen unverkrampften Zugang. Er sei immer noch Nigerianer, aber genau so Schweizer. In seiner Arbeit ist nichts typisch Afrikanisches zu sehen, obwohl dies manche Firmen gerne hätten. Für die Mailänder Möbelmesse ¬gestaltete Job vor einigen Jahren den Afrikapavillon. In diesem Zusammenhang bat ihn der Hersteller Fontana Arte, eine Leuchte für den Pavillon zu entwickeln, die nachher in Serie hätte gehen sollen. «Aber mein Entwurf war ihnen zu wenig afrikanisch», sagt Job. Auch andere Firmen hätten von ihm gerne Objekte mit afrikanischem Touch, sprich im Ethno-Look, gehabt, doch bei Job sind sie abgeblitzt: «Die Gleichsetzung von afrikanisch und Ethno ist banal», lautet seine Antwort.

Lagos, London, Limmatstadt

Obwohl er nur bis 15 in Nigeria gelebt hat, habe die Kultur selbstverständlich Spuren hinterlassen. «Ich liebe Farben und Dekoration», sagt Job und lacht, denn beides ist verpönt in Architekturkreisen. Dekoration versteht er allerdings zumindest bei seinen Produkten nicht als etwas Aufgesetztes. Stattdessen macht er oft ein Konstruktions- oder Funktionselement bewusst sichtbar, so wird ein Teil des Objekts auch zur Dekoration. Zum Beispiel die Belüftungslöcher in der Schuhschachtel «Aria» oder das knallrote Klappelement beim Hocker «Shu». Ob Lagos, London oder Limmatstadt: Woher die Einflüsse auf seine Arbeit kommen, ist irrelevant. Charles Job verfolgt mit seinem Anspruch an Präzision, mit der Lust am Multifunktionalem, der klaren Formensprache und dem Hauch Poesie einen Ansatz, der global, aber auch persönlich ist – und der sich erst noch in die Tradition des Schweizer Designs einordnen lässt.
von Katrin Ambühl