Gemeinsinn bauen

Gemeinsinn bauen

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Teaserbild-Quelle: Foto: zvg
Er distanziert sich von einer selbstverliebten Architekturszene mit Hang zu objekthaften Gebäudeskulpturen und baut stattdessen „konkrete Architektur für den Menschen“: der Bündner Gion A. Caminada. Dank seines Engagements als Dorfplaner, Visionär und Architekt ist sein Heimatort Vrin zum Modell einer alpinen Baukultur der Zukunft geworden.
 
Mittwochmorgens um acht, die Stadt nimmt stetig an Fahrt auf. Gion A. Caminada, längst hellwach, schaut von seinem Fensterplatz aus zu, wie sich Zürich zu regen beginnt. Als Treffpunkt hat er sein Stammcafé vorgeschlagen. Dort geht er hin, wenn er aus den Bergen in die Stadt gekommen ist, um zu unterrichten. Caminada, 1957 geboren, lebt und arbeitet in seinem Heimatdorf Vrin, einer 300-Seelen-Gemeinde in Graubünden, 1500 Meter über Meer. In Zürich lehrt er Architektur und Entwurf. Seit 1998 ist er Professor an der ETH.
Jetzt, da er am Caféhaustisch sitzt, Schorle trinkt und auf Fragen wartet, drängt sich das Bild förmlich auf: Baumeister in den Alpen. Er trägt Wolljacke und Bart, die Wangen sind gebräunt. Man hört, dass er Rätoromanisch spricht. «Ja», sagt der Architekt, der auf einem Bauernhof gross geworden ist, «Baumeister in den Alpen, das trifft mich ganz gut.» Den Architekten als Künstler und den Architekten als Dienstleister – beide schiebt er weit von sich. Es gehe ihm nicht um baukünstlerische Selbstinszenierung oder Anbiederung an vorübergehenden Zeitgeist. Architektur, die sich nur um sich selbst dreht, das interessiert ihn nicht. Hinter dem Bauvorhaben muss immer auch ein starkes gesellschaftliches Anliegen, ein spürbares Bedürfnis stehen. «Bauen ist für mich ein soziales Unternehmen: ein gemeinsames Ringen um die ideale Lösung.»
Für sein Streben, im Dialog mit Kulturwissenschaft, Wirtschaft, Politik, Handwerk und Technik Bauwerke von hoher Sinnlichkeit zu schaffen, wurde er soeben mit dem Bündner Kulturpreis 2011 ausgezeichnet. Ein kantonaler, ein regionaler Preis: Das passt zum Architekten Caminada, der auf internationalem Parkett nicht mit spektakulären Entwürfen von sich reden macht, sondern mit einem Baustil, der das Regionale und Spezifische eines Ortes thematisiert. Oder anders ausgedrückt: Er fällt auf mit Bauten, die eigentlich gar nicht auffallen, weil sie die traditionelle Bauweise der Umgebung explizit aufnehmen. «Die Wiederholung finde ich etwas Wunderschönes in der Architektur», betont er. Wiederholung in immer neuen Nuancen, nicht im Sinne von Kopie. «Es ist wie mit einer Schafherde, die viel eindrücklicher und kraftvoller wirkt, als ein einzelnes Tier. Und doch ist jedes Schaf ein Individuum das sich in Details von der Gruppe unterscheidet.»

Bauen im lokalen Kontext

Für dieses Verständnis von Architektur als gesellschaftsbezogenen Akt ist Vrin, die hinterste Ortschaft im Val Lumnezia, im Tal des Lichts, zum Modellfall geworden. Seit den 90er-Jahren hat Caminada hier landwirtschaftliche und gewerbliche Betriebe, Stallungen, Wohnhäuser, eine Telefonzelle und eine Totenstube, Postautogaragen, das Gemeindehaus und die Mazlaria, eine genossenschaftliche Metzgerei, gebaut. Meisterwerke des traditionell ländlichen Holzbaus, die sich ins Dorfensemble einfügen, als seien sie immer schon da gewesen. Die Stiva da morts, die Totenstube etwa, ein weiss lasierter Holzstrickbau mit steingedecktem Walmdach, bildet mit Kirche und Friedhof eine Einheit. Unterhalb des Dorfzentrums schmiegen sich die neuen Ställe mit ihren Pultdächern sanft in den Hang. Das geschlossene historische Ortsbild und die alten bäuerlichen Strukturen zu erhalten, sei ihm wichtig gewesen, sagt der Bündner Architekt. «Der Alpenraum vereint einzigartige Natur- und Kulturlandschaften mit unverwechselbaren Bauformen, die aus einer jahrhundertelangen Anpassung an die geografischen und klimatischen Bedingungen entstanden sind.»
Caminada weiss, dieses kulturelle Erbe bleibt nur erhalten, wenn es mit den Herausforderungen und Bedürfnissen der Gegenwart in Einklang gebracht wird – wenn der Architekt die lokalen Realitäten versteht, wenn er den Kontext miteinbezieht. Der 54-jährige beschreibt, was jedem seiner Entwurfsprozesse zwingend vorausgeht: eine intensive Auseinandersetzung mit sozioökonomischen Rahmenbedingungen. Seine Architektur ist eine aus der Analyse des Ortes, seiner Kultur, Sozialstruktur und Wirtschaftskraft hergeleitete Architektur. Er selbst fungiert dabei als Planer, Mittler, Zuhörer und Visionär.

Die Gemeinschaft als Zukunftsmodell

Was waren die besonderen Bedürfnisse von Vrin, dem Ort, der seit den 80er-Jahren immer mehr Bauern durch den landschaftlichen Strukturwandel, immer mehr Einwohner durch Abwanderung verlor? Wie liess sich der Weiterbestand dieser Berggemeinde auf der Basis ihrer agrikulturellen Struktur sichern? Der Stärkung der dörflichen Infrastruktur nahm sich ein Modellprojekt der Stiftung Pro Vrin an. Als eine der ersten Massnahmen kauften die Einwohner freies Bauland auf und entzogen den Ort damit der Spekulation. Die bauliche Zukunft wurde dem Vriner Gion Caminada anvertraut. In enger Zusammenarbeit mit der Stiftung, mit Gemeindevertretern, Fachleuten und Politikern, erarbeitete er Strategien zur Rettung seines Heimatdorfes. Die Architektur in Vrin – sie wirkt auch deswegen glaubwürdig, weil sie Teil eines grossangelegten Projekts ist. Und weil sie die ¬Voraussetzungen dafür schafft, dass die Bevölkerung hier eine Zukunft hat.
Der Weg des bündnerischen Alpendörfchens hin zur Renaissance führte zu einer Gesamtmelioration in der Landwirtschaft, zu einer Neuorganisation der Bodennutzung und als Ergänzung zu einem Gemeinde-Entwicklungskonzept. Das Ziel: Die wirtschaftliche Grundlage des Ortes als Ganzes langfristig sichern und gleichzeitig das intakte Dorf- und Landschaftsbild erhalten. Solide, gut strukturierte landwirtschaftliche Betriebe sollten entstehen, die Bausubstanz im Dorf zuverlässig erhalten, neue Gebäude sorgfältig konstruiert werden. «Das ist gelungen», sagt Caminada, und man spürt seine Freude über dieses einzigartige Projekt. «Mit dem Bau neuer Güterwege, der Zusammenlegung von Parzellen, sowie der Beibehaltung der traditionellen Hofeinheit von Wohnhaus, Stall und Garten – durch Erweiterungen, Sanierungen und Neubau von Wohnhäusern –, konnten diese Ziele erreicht werden.» Die Landwirtschaft blieb im Dorf und die Einwohner konnten direkt von der sorgfältig geplanten Entwicklung profitieren. Denn die Neuorganisation der landwirtschaftlichen Betriebe und die Förderung des Kollektivs führten zu einer deutlichen Verbesserung der Zusammenarbeit. Das neue Vrin – es hat auch das Zugehörigkeitsgefühl der Menschen, die Solidarität untereinander gestärkt.
Die «Rückeroberung der Gemeinschaft», sagt Gion Caminada dann auch im Gespräch, sei für ihn der Motivator für die Zukunft. «Mit meiner Architektur möchte ich helfen, den verlorenen gegangenen Gemeinschaftssinn zurückzugewinnen.» Für die Gemeinde Valendas im Surselva etwa hat er kürzlich eine architektonische Idee zur Umgestaltung und Erweiterung des historischen Engihuus am Dorfplatz formuliert: Das 300 Jahre alte Gebäude soll zu einem regional geprägten Gastwirtschafts- und Hotelbetrieb ausgebaut werden, «für festliche und profane Zusammenkünfte, für kleine und grössere Ereignisse, für geplante oder zufällige Treffen». Ein Knotenpunkt, ein Ort zur Festigung der Gemeinschaft, «der bis zum letzten Weiler wirkt». Caminada ist überzeugt: «Für die Zukunft unseres Landes, der Alpenregion und für die Stärkung der Solidarität zwischen Stadt und Land sind solche Räume notwendig.»
Die Zeit ist schnell vergangen. Gion Caminada muss los, seine Studenten warten. Gleich um die Ecke vom Café liegt das Blaue Atelier, die ehemalige Architekturwerkstatt des Zürcher Baumeisters Ernst Gisel, das nun dem ETH-Departement Architektur für praxisorientiertes Arbeiten zur Verfügung steht. Was er seinen Schülern denn heute beibringen will? «Dass man als Architekt eine Haltung zum Leben einnehmen muss», sagt er und verabschiedet sich freundlich. Der Baumeister aus den Bergen, er überquert die Strassenkreuzung. Und verliert sich zwischen den Häuserblöcken der Stadt.
 
von Alice Werner