Gefährdet Erbschaftssteuer Familienbetriebe?

Gefährdet Erbschaftssteuer Familienbetriebe?

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Sagt das Stimmvolk Ja zur Erbschaftssteuerinitiative, dürfte sich dies auf Schweizer KMU gar lebensbedrohlich auswirken. Dies geht aus einer Studie hervor, welche die Economiesuisse bei PwC Schweiz in Auftrag gegeben hat. Der Unternehmensverband warnt vor einer Annahme der Initiative.

Über 80 Prozent der Schweizer Unternehmen befinden sich laut Economiesuisse in Familienhand. Davon wird bis 2020 jedes fünfte an die nächste Generation weitergegeben. Nach Ansicht des Unternehmensverbandes lässt die Erbschaftssteuerinitiative viele Fragen zur künftigen Besteuerung von Unternehmen und Landwirtschaftsbetrieben offen. Diese Ungewissheit blockiere nicht nur deren langfristige Planung, sie sei auch Gift für den Standort Schweiz, teilen Economiesuisse und PwC Schweiz anlässlich der Präsentation der Studie mit.

Als Basis für die Studie dienten die Daten 123 unterschiedlich grosser  Familienunternehmen unterschiedlicher Branchen. Zudem gehen die Autoren von der Annahme aus, dass die Steuer für die Unternehmensübertragung im Unternehmen selbst erwirtschaftet werden muss. Das heisst, sie stammt nicht aus dem Privatvermögen eines Unternehmers. Das Unternehmen muss zudem sicherstellen, dass die Mittel zum Zeitpunkt der Übertragung verfügbar sind oder unmittelbar danach erwirtschaftet werden. Deshalb gehen die Autoren der PwC-Studie davon aus, dass anlageintensive Unternehmen von der Initiative besonders stark betroffen sein würden.

Gewinn um mehr als einen Drittel steigern

Wird ein Unternehmen nicht mindestens zehn Jahre lang von den Erben weitergeführt, entfallen jegliche Steuererleichterungen. Auf dem Unternehmenswert, der zwei Millionen Franken übersteigt, müssten dann 20 Prozent Steuern nachbezahlt werden. „Die Studie zeigt, dass bereits Unternehmen ab durchschnittlich 14 Mitarbeitenden, 4,1 Millionen Franken Umsatz oder einer Bilanzsumme von 3,7 Millionen Franken von dieser Steuer betroffen sind“, wird Marcel Widrig, Partner bei PwC, in der Medienmitteilung von PwC und Economiesuisse zitiert.

Bei einem überdurchschnittlich profitablen Unternehmen greift die Erbschaftssteuer noch früher. Will ein Unternehmer die Steuer während zehn Jahren vor einer geplanten Unternehmensübertragung vorfinanzieren,  muss das Familienunternehmen den aktuellen Gewinn um 30 bis 40 Prozent steigern. Bei gemessenen Eigenkapitalrenditen von 8,8 bis 14,3 Prozent lässt sich dies laut Studie ohne einschneidende Massnahmen im Unternehmen kaum erreichen. Die Zielgrösse von 30 bis 40 Prozent mehr Gewinn setzt die Familienunternehmen daher unter einen massiven Kosten- und Wachstumsdruck. Zudem führt die Vorfinanzierung der Erbschaftssteuer aus zusätzlichen Gewinnen zu einer steuerlichen Mehrbelastung von zehn bis zwölf Prozent. Damit kommen die Studienautoren zum Schluss, dass im Fall einer Vorfinanzierung im Endeffekt nicht 20 Prozent Erbschaftssteuern sondern 30 bis 32 Prozent anfallen.

Wird der Steuerbetrag nicht angespart, verliert das Unternehmen laut Studie im Erbfall 20 bis 50 Prozent des Eigenkapitals, oder das entsprechende Geld wird während zehn Jahren im Unternehmen blockiert. Damit schmelzen Polster für Krisenzeiten oder können erst gar nicht mehr aufgebaut werden. Für Investitionen und Wachstum wird gemäss Studie kaum Spielraum bleiben. Will ein  Unternehmen konkurrenzfähig bleiben und Innovationen vorantreiben ist dieser aber nötig. „Soll also die Weiterentwicklung des Unternehmens nicht leiden, müssen Betriebskosten gesenkt und Arbeitsplätze abgebaut werden“, wird Urs Landolf, Partner bei PwC, in der Medienmitteilung zitiert. Im Vergleich zu nicht familiär gehaltenen Unternehmen sind der hohe Mittelabfluss oder die Blockade von Geldern ein grosser Wettbewerbsnachteil. Dies bedeutet eine Ungleichbehandlung von familiengeführten und nicht familiengeführten Unternehmen.

Kleine Unternehmen werden verkauft

Die Studie zeigt, dass zur Finanzierung der Steuer – falls ein Familienunternehmen nicht von Erleichterungen profitieren kann – zwischen 24 und 32 Prozent des Eigenkapitals herangezogen werden müssen. Auch wenn kleinere Unternehmen über diese Mittel oft auch ohne vorbereitende Massnahmen verfügen, müssen in den Folgejahren aber jährlich bis zu 30 Prozent mehr Gewinn erwirtschaften, um das Loch in der Betriebskasse wieder zu füllen. Aus eigener Kraft wird das kaum gelingen. „In letzter Konsequenz können kleinere bis mittlere Familienunternehmen gezwungen sein, an Konzerne zu verkaufen, um die Erbschaftssteuer zu bezahlen. Eine nachhaltige Schwächung des KMU-Standorts Schweiz durch ein Aussterben der Familienunternehmen wäre die Folge“, prophezeit Landolf.

Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden müssten Darlehen in der Höhe von bis zu 34 Prozent des Eigenkapitals aufnehmen, um die Steuer begleichen zu können. Um die anfallenden Zinsen aufzubringen, muss in den darauffolgenden zehn Jahren im Extremfall ein um 40 Prozent höherer Gewinn erzielt werden. Selbst bei einem Entlastungsszenario von zusätzlichen 20 Millionen Franken Freibetrag auf dem Unternehmenswert und einem Steuersatz auf dem Restwert von fünf Prozent verlieren Firmen mit über 250 Mitarbeitenden laut Studie noch sechs Prozent ihres Eigenkapitals. Um dies wieder wettzumachen, müssen während zehn Jahren sieben Prozent mehr Gewinn erwirtschaftet werden. (mai/mgt)