«Geburtshelfer» für energieeffiziente Gebäude gesucht

«Geburtshelfer» für energieeffiziente Gebäude gesucht

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In seinem dritten Konjunkturpaket hat der Bundesrat 15 Millionen Franken für eine Weiterbildungsoffensive im Energiebereich vorgesehen. Rund 1500 Berufsleute aus dem Ausbaugewerbe sollen neues Fachwissen über Energieeffizienz von Gebäuden erhalten, um das vom Parlament genehmigte Gebäudesanierungsprogramm umzusetzen.
 
Das Ausbaugewerbe hat bei der Sanierung von Einfamilien- und kleineren Mehrfamilienhäusern eine entscheidende Rolle: Geht es um eine wärmetechnische Sanierung der Gebäudehülle oder den Einbau engergieeffizienter Heiz- und Warmwasseraufbereitungssysteme, wenden sich Hauseigentümer lieber an Berufsleute von Handwerksbetrieben mit entsprechenden Fachkenntnissen als an Spezialisten. Der Bundesrat hat dies bereits seit einigen Jahren erkannt. Jährlich sind deshalb zwei Millionen Franken für das von «Energie Schweiz» entwickelte Programm «energiewissen.ch» budgetiert. Im Zusammenhang mit ihrem dritten Konjunkturpaket will die Landesregierung deshalb nochmals Geld in die Aus- und Weiterbildung von Berufsleuten des Ausbaugewerbes stecken, um diesen das notwendige Fachwissen über Energieeffizienz von Gebäuden zu vermitteln.
 
Der Bundesrat plant, ab nächstem Jahr 15 Millionen Franken für eine Aus- und Weiterbildungsoffensive bereitzustellen, sofern das Parlament – voraussichtlich in der Herbstsession – der dritten Stufe der konjunkturellen Stabilisierungs-massnahmen zustimmt. Das Bundesamt für Energie (BFE) erwartet aufgrund von Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA), dass die Energiepreise mit dem kommenden wirtschaftlichen Aufschwung ansteigen werden: Energieeffizienz wird deshalb zu einer «zentralen Herausforderung für unsere Volkswirtschaft», heisst es in einem Arbeitspapier des BFE.

Fachkräfte ausbilden

Da bereits heute ein Mangel an entsprechend ausgebildeten Fachkräften im Ausbaugewerbe besteht und dieser durch das anstehende Gebäudesanierungsprogramm des Bundes sowie durch die Einführung des Gebäudeausweises seitens der Kantone noch verschärft wird, sollen sogenannte Passerellenprogramme für 1200 bis 1500 Berufsleute finanziert werden, welche in ihrem bisherigen Berufsumfeld keine Beschäftigung mehr finden und noch nicht qualifiziert sind für die Anwendung neuer Energieeffizienz-Technologien.

Kooperation mit Branchenverbänden

Die Aus- und Weiterbildungsoffensive des BFE ist auf das Fernziel der 2000-Watt-Gesellschaft ausgerichtet und wird als Verbundaufgabe betrachtet, die zusammen mit den Kantonen anzugehen ist. Um eine möglichst grosse Verbreitung des aktuellen Energie-Know-hows zu erzielen, werden Partnerschaften mit Fachhochschulen, Verbänden und Agenturen angestrebt. Drei Passerellenprogramme (siehe Tabelle) für Haustech-nikinstallateure, für Fachleute Dach, Wand und Fenster sowie für Haustechnikplaner sollen in Zusammenarbeit mit den entsprechenden Branchenverbänden auf die Beine gestellt werden. Diese Weiterbildungsprogramme werden mit Praktikas ergänzt, welche den Einstieg in die neue Sparte erleichtern. Gleichzeitig will das BFE mit branchennahen Organisationen Seminare für Investoren und für betriebliches Energiemanagement aufbauen.
 
Rund die Hälfte der bereitgestellten Mittel, sieben Millionen Franken, sind für die «Passerelle für die Installateure der Haustechnik» vorgesehen. 600 Berufsleuten soll damit der Umstieg ins Installationsgewerbe ermöglicht werden. Die Passerelle wird Grundwissen und Praxis in den Bereichen Solaranlagen, Wärmepumpen und Holzfeuerungen vermitteln. Für die Ausgestaltung der Weiterbildung sind die entsprechenden Branchenverbände verantwortlich. Im Bereich Dach, Wand und Fenster besteht laut BFE ein Bedarf an rund 300 zusätzlichen Fachleuten, namentlich Fassadenbauern, Dachdeckern, Isolateuren und Fensterbauern. Zu diesem Zweck sollen geeignete Fachleute aus dem Bauhandwerk umgeschult werden. Der Bundesrat will drei Millionen Franken dafür bereitstellen. 400 Haustechnikplaner fehlen nach Angaben des SIA und des SWKI (Schweizerischer Verein von Gebäudetechnik-Ingenieuren). Diese Fachleute sollen aus verwandten Gebieten rekrutiert werden, wobei die Weiterbildung ebenfalls durch die Branchenverbände wahrgenommen wird und der Bund vier Millionen Franken zur Verfügung stellt. Eine Million Franken schliesslich will der Bund zur Organisation und Durchführung von Seminaren für Investoren und betriebliches Energiemanagement investieren.

Positives Echo

«Wir begrüssen die Initiative des Bundesrats und sind bereits mitten in der konzeptionellen Phase für die Durchführung eines Aus- und Weiterbildungsprogramms im kommenden Jahr», sagt Benjamin Mühlemann, Kommunikationsleiter und Geschäftsleitungsmitglied von «suissetec» auf Anfrage des «baublatts». Die vom Bund zur Verfügung gestellten Mittel ermöglichen dem Verband, zusätzliche interessante Bildungsangebote zu schaffen. Dies, so Mühlemann, sei eine sehr erfreuliche Entwicklung und helfe, den Mangel an qualifizierten Fachleuten in den Bereichen Gebäudetechnik/Gebäudehülle zu reduzieren. Die vom Bund angestrebte Finanzierung von Weiterbildungsangeboten wird auch vom SIA begrüsst, sagt Kommunikationsleiter Thomas Müller. Der Verband ist im Weiterbildungskonzept des BFE für die Passerelle zum Haustechnikplaner verantwortlich. Müller legt in diesem Zusammenhang aber auch Wert auf die Feststellung, dass der SIA Energieeffizienz nicht nur als technische Aufgabe betrachtet, sondern auch als gesellschaftliche, wirtschaftliche und nicht zuletzt als gestalterische Aufgabe.
 
Laut BFE bildet die enge Zusammenarbeit mit dem Ausbaugewerbe die Voraussetzung für eine «massgeschneiderte und bedarfsgerechte» Ausbildung im Rahmen des Passerellenprogramms. Nur in Kooperation mit dem Ausbaugewerbe kann rasch Wirkung erzielt und die Einführung der Teilnehmer im neuen Arbeitsgebiet sichergestellt werden. Die Ausbildungsaktion erscheint umso dringlicher, als geschätzt wird, dass jährlich 30 000 bis 40 000 Heizungssanierungen und ebenso viele Interventionen bei Fenstern, Dächern und Wänden durchgeführt werden. Von daher sei es dringend, das Ausbaugewerbe mit den neusten Materialien und Techniken vertraut zu machen. Durch die anstehenden Gebäudesanierungsprogramme entstehen parallel dazu zusätzliche Arbeitsplätze, für welche ebenfalls Fachleute weitergebildet werden müssen.
 
Wie genau die einzelnen Weiterbildungsangebote ausgestaltet und welches Profil die Teilnehmer haben müssen, darüber liefen zur Zeit Gespräche mit den Branchenverbänden, heisst es auf Anfrage im BFE. Schliesslich gelte es zu berücksichtigen, dass zuerst das Parlament über die Bewilligung der entsprechenden Gelder entscheiden muss.
 

Gebäude mit Ausweis

Im Herbst führen die Kantone in der gesamten Schweiz den Gebäudeenergieausweis der Kantone (Geak) ein. Dies hat die Konferenz Kantonaler Energiedirektoren (EnDK) beschlossen. Der Geak ist einheitlich und vor allem für private Hauseigentümer freiwillig. Gemäss den neuen Mustervorschriften der Kantone darf ein Neubau nur noch 4,8 Liter Heizöläquivalente an Wärmeenergie verbrauchen, umfassend sanierte Gebäude rund neun Liter Heizöläquivalente. Mit der Einführung des Geak rechnet «suissetec» ab kommendem Herbst mit einem stark ansteigenden Bedarf an Energieberatern. Um Fachleute auf diese neue Aufgabe vorzubereiten, ist eine Zusatzausbildung aufgebaut worden.