Fusion Holcim und Lafarge: Im Visier der Wettbewerbshüter

Fusion Holcim und Lafarge: Im Visier der Wettbewerbshüter

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Statt sich überall auf der Welt auf die Füsse zu stehen, wollen die Zementhersteller Holcim und Lafarge fusionieren. Im von Überkapazitäten geprägten Baustoffgeschäft bauen sie mit LafargeHolcim einen Giganten. In gewissen Ländern müssen die Partner allerdings Teile des Geschäfts verkaufen.

Zahlreiche Gründe sprächen dafür, dass sich die Schweizer Nummer Eins und die Nummer Zwei aus Frankreich zusammenschliessen sollten, sagte Holcim-Präsident Rolf Soiron bei der Bekanntgabe der Fusionspläne am Montag. Wachstum und Profitabilität könnten verbessert werden, und der neue Konzern würde finanziell stabiler dastehen. "Wir sind nicht - wie in der Leichtathletik - nur die Sprinter oder die Hochspringer; Wir können zusammen zum Zehnkampf antreten", sagte Soiron. Holcim und Lafarge seien sich in den vergangenen Jahren ähnlicher geworden, ergänzten sich aber auch. Synergien von bis zu 1,7 Milliarden Franken könnten erreicht werden.
 
In den Schwellenländern will LafargeHolcim 60 Prozent des Geschäfts machen und dabei vom Bauboom in den Städten profitieren. Mit dem Zusammenschluss sollen beide Unternehmen stärker werden, nachdem die Zementriesen die Finanzkrise von
2008 und die Schuldenkrise danach zu spüren bekommen haben. Hohe Energiepreise sind ebenfalls ein Dauerthema.
 
Unruhe in Frankreich
 
Strenggenommen übernimmt Holcim Lafarge, indem die Schweizer pro Aktie des französischen Konzerns eine eigene Aktie anbieten. Der rechtliche Sitz wird wie bisher bei Holcim in Jona SG sein, der operative Sitz in Zürich. LafargeHolcim will die Aktien in Zürich und in Paris handeln lasen. In Frankreich hat die Ankündigung, dass der Multimilliardenkonzern seinen Sitz nicht in Paris haben soll, für gewisse Beunruhigung gesorgt. Lafarge-Chef Bruno Lafont betonte, das Unternehmen werde Frankreich nicht den Rücken kehren. Zentrale Funktionen würden zwischen Frankreich und der Schweiz verteilt, sagte Lafont, der in der Gruppe als Konzernchef fungieren soll. Rolf Soiron warnte aber vor nationalen Ansprüchen: "Dies ist ein Industrieprojekt, das einen Weltmarktführer schafft. Es kommt nicht nur darauf an, wer wo sitzt."
 
Kritische Wettbewerbshüter
 
Zusammen erreichen Holcim und Lafarge 39 Milliarden Franken Umsatz und erwirtschaften ein Betriebsgewinn von 8 Mrd.Fr. An der Börse wöge LafargeHolcim fast 50 Mrd. Fr. und wäre damit einer der grössten Titel im Schweizer Grosskonzernindex SMI. Ein kritisches Auge auf die geplante Megafusion werden Wettbewerbsbehörden in verschiedenen Ländern werfen. In der EU und in Frankreich haben die Behörden noch keine Stellung bezogen. In der Schweiz dürfte LafargeHolcim indessen nicht gross genug sein, um die Wettbewerbskommission Weko auf den Plan zu rufen. Das Ja der Wettbewerbshüter wird sich LafargeHolcim möglicherweise wegen zu starken Marktgewichts in einigen Ländern mit der Veräusserungen von Firmenteilen erkaufen. Die Konzernleitungen gehen davon aus, dass sie bis zu 15 Prozent des Geschäfts abstossen müssen, um Auflagen zu erfüllen oder Doppelspurigkeiten zu vermeiden.
 
Etwa zwei Drittel der Verkäufe dürften in den alten Industrieländern erfolgen.  Zu einem möglichen Stellenabbau sagten die Manager der beiden Firmen nichts Konkretes: "Es ist kein Deal, bei dem es um Restrukturierungen geht", sagte Bruno Lafont. "Es ist nicht unser Vorhaben, Standorte zu schliessen." Tendenziell dürften die Schweizer Mitarbeiter rechtlich allerdings schlechter gestellt sein als ihre künftigen Kollegen in Frankreich: Die Holcim-Mitarbeiter am Schweizer Hauptsitz sind nicht gewerkschaftlich organisiert, während man bei Lafarge den strengeren französischen Kündigungsschutz in Anspruch nehmen kann.
 
Reitzle übernimmt
 
Rolf Soiron, der als einer der Architekten der Fusion gilt, wird die Gruppe nicht leiten. Für die Zeit nach der Fusion ist eine Konzernführung geplant, welche die Ansprüche der beiden Partner zufriedenstellen soll. Soirons vorgesehener Nachfolger als Holcim-Präsident, der deutsche Industriemanager Wolfgang Reitzle, soll Präsident von LafargeHolcim werden. Der Verwaltungsrat soll aus je 7 Vertretern beider bisherigen Firmen bestehen.  Holcim-Finanzchef Thomas Aebischer soll oberster Chef der Zahlen werden, während der heutige Holcim-Konzernchef Bernard Fontana und Lafarge-Finanzchef Jean-Jacques Gauthier die Details der Fusion überwachen. (Marc Forster/sda)