Freiburger Münster: Gewagte Renovierung des Turmhelms

Freiburger Münster: Gewagte Renovierung des Turmhelms

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Teaserbild-Quelle: wikimedia, Taxiarchos228, CC-BY 3.0

Kein Aufwand wurde gescheut, um die Ursache für die Risse an den tragenden Ecksteinen des Freiburger Münsters zu finden. Bis hin zum ­originalgetreuen Modell im Windkanal gaben Steinmetze und Wissenschaftler alles, um ihnen auf die Spur zu kommen – und sie möglichst unsichtbar zu beheben.

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Das Münster ist ein weithin sichtbares Wahrzeichen vom Freiburg im Breisgau

Der Kunsthistoriker Jacob Burkhardt bezeichnete den Turm des Freiburger Münsters als den schönsten auf Erden. "Der Turm ist kühn konstruiert und ohne Vorbild“, sagt die Architektin Yvonne Faller, seit 2005 Münsterbaumeisterin in Freiburg im Breisgau, im Interview mit dem Baublatt. "Es war der erste durchbrochene Turmhelm in Europa. Nie vorher oder nachher hat man etwas vergleichbar Durchlichtetes gewagt. Es ist kunstvoll umbaute Luft."

Im Grunde ist das Freiburger Münster eine Dauerbaustelle, weit über seine 350-jährige Bauzeit hinaus. Am Westturm wurde die Lage in den letzten Jahren ­heikel. Ursprünglich wollte man dort nur Steine ersetzen, denen der Zahn der Zeit zu sehr zugesetzt hatte. Als grosses Problem stellte sich dabei der ­Allmendsberger Sandstein dar, der bei Restaurie­rungen in den 1920er-Jahren benutzt worden war. Er zeichnet sich durch hohe Wasseraufnahme und Porosität aus. Die Schwammwirkung erhöht das Schädigungspotenzial für die Nachbarsteine. Man beschloss, diese Steine fast komplett auszutauschen. Über 150 Vierungen waren betroffen.

Mit Zurrbändern stabilisiert

Dann stellte sich heraus, dass dies nicht ausreichen würde – die Ecksteine, die bis zu 40 Tonnen Gewicht tragen, waren teilweise stark gerissen und mussten gesichert werden. Diese Risse im Ringankerbereich waren besorgniserregend. Als Ursache kam Korrosion des Schmiedeeisens in Frage. Um bei der Sanierung Zeit zu gewinnen, bis die bestmög­liche Lösung gefunden war, wurde der Turmhelm 2011 erst einmal mit Zurrbändern stabilisiert. Jede Ebene wurde mit zwei Bändern versehen. Eine zwischen die Bänder gehängte Gewichtswaage half, die Belastungsmomente abzulesen. Durch die ständige Bewegung des Gebäudes durch Temperatur und Windlast war eine kontinuierliche Kontrolle nötig. Nach diesen Sicherungen konnte man sich der ­Untersuchung der Rissbilder in den Ringankerbe­reichen zuwenden.

Hightech des Mittelalters

Die Turmpyramide gliedert sich in acht Streben, die die Hauptkräfte nach unten leiten. Die einzelnen Ebenen werden durch eiserne Ringanker gesichert, die mit Blei ins Gestein eingegossen sind. Hightech des Mittelalters und sehr sorgfältig ausgeführt. Besorgniserregende Rissbilder liessen vermuten, dass sich an diesen Ankern Korrosionsstellen gebildet hatten, die sich aber von aussen nicht feststellen liessen.

Nach zahlreichen Untersuchungen war klar, dass 20 der Ecksteine ertüchtigt werden mussten. Sie sind die Knotenpunkte, auf denen die Verbindung zwischen den vertikalen Streben und den horizon­talen Ringankern stattfindet. Der Turmhelm hat eine Gesamtlast von 620 Tonnen. Auf die unterste Masswerkschicht drückt die Last von rund 80 Tonnen aus der Turmspitze. Hinzu kommen Belastungen durch den Wind. Ein stählerner Baubehelf muss die Kraft während der Phase des Austausches abfangen. Stahlschuhe binden in den Fugen ober- und unterhalb des Ecksteins ein und überbrücken den Lastfluss.

Wochenlange Trocknungszeiten

Beim Austausch der Steine wurden einige Ring­anker freigelegt, mechanisch gereinigt und wieder mit Blei eingegossen. Der frisch verfugte Mörtel nach mittelalterlichem Rezept musste mindestens 28 Tage trocknen, bevor er wieder belastet werden konnte. Erst zwei Monate nach dem Einbau konnte die Entlastung der Hebekonstruktion eingeleitet werden und der Eckstein bekam seine ihm zugedachte tragende Aufgabe. Im Winter noch später, denn dieser Mörtel erreicht seine Frostsicherheit erst nach 90 Tagen. So wurden Stein und Mörtel mit einem eigens entwickelten Heizsystem auf über fünf Grad gehalten und erst dann die Baubehelfskonstruktion entlastet und die Kraft wieder auf den Stein geleitet.

Unsichtbare Verspannung

Bei zahlreichen Ecksteinen sollte der Austausch zudem durch Bandagen aus Titan vermieden werden. Eine Lösung, die allerdings stark sichtbar gewesen wäre, da die Bandage teilweise über Krabbenköpfe hätte verlaufen müssen. Schliesslich konnte die ­Bauhütte die Bandagen vermeiden, indem eine Art innere Verspannung aus Titanstäben mit Titanplatten entwickelt wurde, die mit einem vorgegebenen Drehmoment verspannt werden. Nur zwei kleine ­Titanplatten pro Stein werden auf der Aussenseite sichtbar bleiben, aber kaum stören, da sie passend eingefärbt werden. Die Sanierung soll Ende 2017 abgeschlossen ­sein – und der Turm hoffentlich auf lange Zeit ­wieder gerüstlos Einheimische und Touristen erfreuen. (ava/mgt)

Das Interview mit Münsterbaumeisterin Yvonne Faller und einen Artikel über die Baugeschichte des Freiburger Münsters lesen Sie im Baublatt Nr. 12 vom 24. März