Freiburg: Projekte noch und noch

Freiburg: Projekte noch und noch

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Teaserbild-Quelle: Foto: R. Fiorina
Vom Agglomerationsprogramm bis zu den zahlreichen Objekten im Planungs- oder Realisierungsstadium: Freiburg steht in einer wichtigen Entwicklungsphase. Als Stadtarchitekt spielt Thierry Bruttin eine Schlüsselrolle im öffentlichen Auftragswesen und beim Zusammenbringen der verschiedenen Planungsebenen.
 
 
 
Foto: R. Fiorina
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Foto: R. Fiorina
Seit 2009 ist der ausgebildete Architekt Thierry Bruttin Stadtbaumeister von Freiburg.
ach seiner praktischen Tätigkeit als Projektleiter im Büro von Vincent Mangeat amtete Thierry Bruttin, der an der EPFL diplomiert hat, während acht Jahren als Stadtarchitekt in Sitten und übernahm am 1. Januar 2009 die Leitung des Stadtplanungs- und Hochbauamtes der Stadt Freiburg. Im Unterschied zu anderen Städten werden in Freiburg die Funktionen des Architekten und des Gemeindeplaners nicht aufgeteilt, was Thierry Bruttin als wertvollen Vorteil betrachtet. Der Architekt äussert sich im Gespräch über das Freiburger Umfeld, über seine Rolle und die wichtigen Dossiers, die ihn beschäftigen.
 
Im Kanton Freiburg findet seit einiger Zeit ein starkes demografisches Wachstum statt. Wie nehmen Sie dieses Phänomen wahr?
Der Kanton profitiert von seiner Attraktivität und verfügt vor allem im Bereich der Ausbildung über eine Reihe neuer Infrastrukturen und zusätzlicher Kompetenzen. Tatsächlich ist seine Wahrnehmung in starkem Wandel begriffen: Er ist nach wie vor ländlich, aber dies wird nicht mehr als negativ empfunden. Heute wird damit viel eher die Vorstellung von Natur und Grünraum assoziiert. Man sieht darin ein Entwicklungspotenzial.
 
Die Freiburger Agglomeration befindet sich auf der Kultur- und Sprachgrenze zwischen der französischen und der deutschen Schweiz. Beeinflusst diese Tatsache die örtliche Architektur und Stadtentwicklung?
Ich habe den Eindruck, die Architekten in der deutschen Schweiz interessieren sich für Freiburg vor allem, weil sie dort an Wettbewerben für öffentliche Bauten teilnehmen können. Ein Beispiel dafür ist das neue Theater, das Dürig Architekten aus Zürich realisieren. Bei den kürzlich jurierten Wettbewerben war der Anteil an Teilnehmern aus der deutschen Schweiz relativ gross – das gilt übrigens für den ganzen Kanton. Die Nähe der beiden Kulturen wird vor allem auf dieser Ebene spürbar. Ganz anders im Bereich von städtebaulichen Planungen und Überlegungen, da verspüre ich davon nichts. Grundsätzlich funktioniert Freiburg als frankophone Stadt, auch wenn die deutschsprachige Minderheit eine gewisse Aufmerksamkeit geniesst; alle offiziellen Mitteilungen enthalten eine deutsche Kurzfassung.
 
Unter den Siegern der kürzlich auf Gemeindegebiet veranstalteten Wettbewerbe findet man wenig Architekten aus Freiburg …
Ja, aber wenn Sie die letzten kantonalen Wettbewerbe anschauen, befinden sich unter den prämierten Teams mehrere lokale Büros. Umgekehrt bauen Architekten aus Freiburg andernorts in der französischen Schweiz, ja können sich sogar in so kompetitiven Milieus durchsetzen wie Zürich. Die Konfrontation mit auswärtigen Büros lässt einen Wettstreit entstehen, der eben dieser Dynamik des Kantons – und der Stadt – im Bereich der Wettbewerbe zu verdanken ist.
 
Welche Vorgehensweisen unterstützen Sie diesbezüglich als Stadtarchitekt?
Für öffentliche Gebäude wenden wir im Prinzip das Verfahren des offenen Wettbewerbs an. Was ich momentan entwickeln möchte, sind Studienaufträge im Rahmen der Raumplanung, das Agglomerationsprojekt wäre ein Beispiel dazu, oder im Rahmen der Stadterneuerung, wie auf dem Gelände der Zeughäuser. Es geht darum, das Prinzip der Ideendebatte, wie es in der Architektur über den Wettbewerb praktiziert wird, auch in der Stadt- und Raumplanung anzuwenden. In Freiburg scheint mir das ziemlich neu zu sein. Dieses Vorgehen ermöglicht der Stadt die Evaluation mehrerer Vorschläge und einen Austausch mit den Konkurrenten. Ausserdem hegen wir den Wunsch, mit Fragen der Stadtentwicklung an die Öffentlichkeit zu gelangen, damit die Bevölkerung diese aufgreifen und darauf reagieren kann.
 
Genau, wie gehen Sie den Partizipationsprozess an? Dies ist immer eine recht delikate Frage …
Sie ist delikat, aber dennoch wichtig für den Erfolg von ambitiösen Projekten. Die Schwierigkeit besteht in der fehlenden Erfahrung und in der Tatsache, dass das richtige Vorgehen für jeden Fall neu gefunden werden muss. Zwei Beispiele zeigen, wie wir unseres Erachtens vorgehen müssen. Das Erste betrifft die Revision der lokalen Ortsplanung der Stadt (PAL), ein strategisches Instrument, das die Entwicklung der Stadt für die nächste Generation festlegt. Dazu haben wir in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Westschweiz bei einer repräsentativen Gruppe von 2000 Personen eine Sondierung durchgeführt, um herauszufinden, wie sie sich zu Themen stellen wie: die Natur in der Stadt, die Präsenz von Autos im historischen Stadtkern, das Angebot an öffentlichen Einrichtungen und so weiter. Das zweite Beispiel betrifft einen ehemaligen Waffenplatz im Herzen der Stadt, les Grand-Places, der überdauert hat und als städtischer Park wahrgenommen wird. Dieser Ort hat nach und nach an Attraktivität eingebüsst. Nun möchten wir ihn aufwerten im Hinblick auf den starken Bezug, der sich zum neuen Theater ergeben wird. In diesem Fall haben wir mit fünf Gruppen von Betroffenen eine Begehung vor Ort veranstaltet – Nutzer, Eigentümer, Vereinsvertreter, – und haben über 30 Stunden Gespräche aufgenommen, deren Auswertung die Basis für das Programm des geplanten Wettbewerbs bilden wird.
 
Man lässt die beigezogenen Personen also nicht im Glauben, sie würden über die zukünftige Gestaltung bestimmen?
Nein. Der Einbezug der Bürger zeigt die Projektionen der Bewohner auf einen bestimmten Ort. Der Politiker zieht daraus seine Schlüsse. Dem Planer obliegt anschliessend die Weiterführung dieser politischen Stellungnahmen. Die Expertengruppe stellt eine Art Schnittstelle zwischen den Konkurrenten und den Bürgern dar. Die Experten haben das Heft in der Hand, sie geben die Marschrichtung vor.
 
Um auf den Gestaltungsplan zurückzukommen, Sie sprechen von einem Richtinstrument. Geht es nicht schliesslich um den Zonenplan und das Baureglement der Stadt?
Natürlich. Aber es geht darum, eine strategische Vision davon zu haben. Wir wollen verhindern, dass über einen Zonenplan und ein Reglement diskutiert wird, ohne zu wissen, von was man eigentlich spricht. Das Ziel ist ein kritischer Blick auf die Herausforderungen im Bereich der gebauten und nicht gebauten Umwelt. Und da glaube ich, sind wir wirklich dabei, ein neues Modell zu entwickeln.
 
Sie haben die Agglomeration erwähnt. Momentan ein anderes wichtiges Dossier?
Ja genau. Ich versuche mich in dieser politischen und administrativen Struktur einzubringen, wo die Stadt sich mit den anderen betroffenen Gemeinden finden muss. Hier besteht das Risiko, dass die Agglomeration ein Paralleldenken entwickelt, ohne Übereinstimmung mit der Stadt. Man muss deshalb schauen, dass die Überlegungen zur Raumplanung sich treffen, daher ist der Begriff des «timing» so wichtig. Diesen Herbst werden die Resultate der Studienaufträge bekannt gegeben, die im Zusammenhang mit der Agglomerationspolitik des Bundes für das Freiburger Agglomerationsprogramm lanciert wurde. Die Herausforderung besteht darin, im Rahmen der von der Agglomeration getroffenen Entschlüsse strategische Überlegungen zum PAL zu entwickeln. Dies gilt für die Randzonen, die uns mit den Nachbargemeinden verbinden, aber auch für die Entwicklung des Zentrums, in die das Agglomerationsprojekt integriert werden muss.
 
Im Hinblick auf die Komplexität eines solchen Projektes war Interdisziplinarität sicher zwingend?
Ganz und gar. Die teilnehmenden Teams mussten sich aus Architekten, Stadtplanern, Landschaftsplanern und Verkehrsingenieuren zusammensetzen, waren aber frei, noch andere Berufsgruppen beizuziehen. Klar war, dass die Fragen der Mobilität und des Städtebaus simultan behandelt werden mussten. Gemäss meiner Erfahrung empfiehlt es sich, diese Kompetenzen so früh wie möglich zusammen zu bringen, mit dem Ziel, ein vermittelndes Projekt zu erarbeiten, das die Vorgaben und Beiträge der verschiedenen Disziplinen vereinen kann. In einem Kanton wie Freiburg muss man sich an Vorgehensweisen wie Studienaufträge noch gewöhnen. Ich sehe aber nicht ein, weshalb Praktiken, die sich in der Architektur bewährt haben, in der Raumplanung nicht auch funktionieren sollten.
 
Was im Rahmen des Agglomerationsprogramms und des PAL entschieden wurde, wird schlussendlich auf der Quartierebene konkretisiert werden müssen. Was heisst dies zum Beispiel für das historische Zentrum?
Im Rahmen des PAL ist die Altstadt Gegenstand eines Teilplanes, der vor allem den öffentlichen Raum betrifft. Die Bausubstanz ist sehr gut erhalten, während der öffentliche Raum allen Widerwärtigkeiten der Ausbreitung des Autos ausgesetzt war. Er muss deshalb den heutigen Bedürfnissen angepasst werden. Diesbezüglich sind zwei Richtpläne in Bearbeitung, einer betrifft «le bourg», den Altstadtteil, der von der Kathedrale dominiert wird, und der andere die «basse ville», die Unterstadt, die im Tal der Saane liegt.
 
Und das Gebiet der Arsenale, wie steht es mit dem Aufwertungsprozess dieser städtischen Brache?
Dieser Sektor, ein echtes Stück Stadt, in dem Wohnungen, Büros und Läden entstehen werden, war ebenfalls Gegenstand von Studienaufträgen. Wir sind dabei, den Plan zu erarbeiten, der für das Gelände verbindlich sein wird. Der Kanton hat ja bereits einen Wettbewerb für die Realisation von zwei Hochschulen – für die Gesundheit und den Sozialbereich – lanciert und juriert.
 
An Projekten mangelt es offensichtlich nicht.
Nein, wirklich nicht, wenn Sie in zwei Jahren wieder kommen, werde ich Ihnen sicher neue Dinge zeigen können. Ich werde Ihnen aber auch von den verschiedenen Dossiers erzählen können, die sich unterdessen weiter entwickelt haben. Denn in gewisser Weise ist es immer dieselbe Geschichte. Wir agieren langfristig.
Interview von Léo Biétry