Fotografieren oder nicht?

Fotografieren oder nicht?

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In einer Innerschweizer Zeitung war letzthin das Zitat eines Gemeindeschreibers zu lesen, der meinte, dass man Brücken ja schliesslich brauche, um darüber zu fahren und nicht zum Fotografieren.
zvg
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SIA
Thomas Müller, Leiter Kommunikation des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins


Geäussert hat dies der besagte Herr im Zusammenhang mit dem Entscheid seines Bezirksrates über die Zukunft der Schrähbachbrücke im Wägital, Kanton Schwyz. Diese ist sanierungsbedürftig und soll deshalb einem Neubau weichen. Nun handelt es sich bei der Schrähbachbrücke aber nicht um irgendeine Brücke, sondern um ein Frühwerk und zudem um die älteste noch erhaltene Stabbogenbrücke des Betonvirtuosen und weltbekannten Brückenbauers Robert Maillart aus dem Jahre 1924. Dies scheint den Bezirksräten aber ziemlich egal gewesen zu sein. Beim Entscheid, wie mit der Brücke umzugehen ist, fackelten sie auf jeden Fall nicht lange. In Erwägung gezogen und verglichen wurden eine Totalsanierung und ein Neubau – insbesondere und eigentlich ausschliesslich deren Kosten. Entschieden hat man sich schliesslich kurz und bündig, wen wundert’s, für den scheinbar günstigeren Neubau. Hingegen wurde über die brückenhistorische und ingenieurtechnische Bedeutung der Schrähbachbrücke kaum nachgedacht. Einzelne Stimmen an der Bezirksversammlung reklamierten zwar die Berücksichtigung der baukulturellen Werte, fanden dafür aber, wie die Äusserung des Gemeindeschreibers eindrücklich untermauert, kein Gehör.

Nun mag der Gemeindeschreiber ja recht haben, dass Brücken primär gebaut werden, um etwas zu überwinden, Letzteres eventuell sogar fahrend. Was seine Aussage aber im Bezug auf das Fotografieren anbetrifft, bin ich anderer Meinung. Brücken sind nicht nur dazu da, auf möglichst kostengünstige Weise Täler oder Gewässer zu überwinden. Vielmehr muss der Bauaufgabe als Ganzes und damit zum Beispiel auch den Besonderheiten des Ortes, der Kultur der Region und den sozialpolitischen Gegebenheiten entsprochen werden. Brücken müssen wie jedes andere Bauwerk, neben technischen und ökonomischen auch hohen sozialen und ästhetischen Ansprüchen genügen. Mit anderen Worten: Das Bauen und Sanieren von Brücken ist eine eminent kulturelle Aufgabe. Wenn also eine Brücke nicht nur überquert, sondern auch noch gerne fotografiert wird, so heisst dies nichts anderes, als dass das Bauwerk gefällt, dass es in vielerlei Hinsicht gelungen ist, und dass ihm eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz entgegengebracht wird.

Was kann uns wichtiger sein als dies? In diesem Sinne, lieber Herr Gemeindeschreiber, sollte es eigentlich erst recht unser aller Anliegen sein, Brücken zu schaffen oder zu erhalten, die gerne fotografiert werden.