Experten für Gebäudehüllen

Experten für Gebäudehüllen

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Teaserbild-Quelle: Bild: Swissbau
Im Trend zum energiefreundlichen Bauen hat sich ein neuer Beruf entwickelt: der Polybauer. Ab März wird neben den Ausbildungen zum Polybauer oder Polybaupraktiker eine Umschulung angeboten, die für Interessierte aus technisch-manuellen oder handwerklichen Berufen massgeschneidert ist.
 
 
Am Stand der Polybau an der Swissbau herrschte höchste Konzentration. Hier fanden während der gesamten Messe die ersten Polybauer-Meisterschaften der Schweiz statt. Die Aufgabe bestand darin, ein Gebäude zu errichten, das an ein Gartenhäuschen erinnerte. Zwar stand dabei das praktische Umsetzen von Energieeffizienz und Klimaschutz im Vordergrund. Das Endresultat musste aber noch weiteren Anforderungen genügen: Es sollte auch ein entsprechendes Niveau in Design, Qualität und Projektmanagement aufweisen. Zudem mussten eine begrünte Terrasse und ein Solarsystem in den Minibau integriert werden. Damit diese Aufgaben professionell umgesetzt werden konnten, bestand jedes Team aus fünf spezialisierten Polybauern – Dachdecker, Abdichter, Fassadenbauer, Gerüst- und Storenmonteur – sowie jeweils einem Spengler.

«Wird das eine Sauna?», witzelte ein Messebesucher im Vorbeigehen über die Häuschen, an denen fleissig gebaut wurde. Die jungen Polybauer – darunter zwei Frauen – waren mitten im Wettkampfstress nicht für solche Spässe zu haben, auch wenn sie interessierten Zuschauern ausführlich Rede und Antwort standen. Schliesslich ging es darum, als Team in dieser neuen Berufsdisziplin erstmals einen Meistertitel zu erringen. Fünf Polybauer-Teams beteiligten sich, darunter eines aus der Romandie. Die Ausbildung zum Polybauer wird seit 2002 angeboten. Durchgeführt wird sie von der Polybau, einer Berufsbildungsplattform der Partnerverbände des Berufsfeldes Gebäudehülle (siehe Kasten Info).

Die Polybauausbildung vereinigt sieben Berufe unter einem Dach: Dachdecker, Fassadenbauer, Fassadenmonteur, Gerüstbauer, Bauisoleur und Storenmonteur. Die Handwerker sind im neu geschaffenen Berufsfeld «Gebäudehülle» tätig. «Die Zusammenfassung verschiedener Berufe gibt den Lehrlingen mehr Perspektiven», erklärt dazu Christoph Hensch, Geschäftsführer der Polybau. Aus dem Dachdecker von einst ist heute ein Spezialist für Gebäudehüllen geworden: Er muss neben seinem angestammten Tätigkeitsbereich zunehmend mit Begrünungen, Solaranlagen und Flachdächern umgehen können. «Viele Betriebe können dieses Anforderungsspektrum nicht abdecken», sagt Hensch. Einer der Gründe für die Multiplizierung der Aufgaben ist der starke Trend zum energiefreundlichen Bauen.

Am Anfang der Ausbildung zum Polybauer steht eine zweijährige umfassende Grundausbildung. Danach kann man sich für eine Spezialrichtung entscheiden, das heisst, ob man sein Wissen im Dachdecken, Abdichten, Gerüst- oder Fassadenbau oder im Bau von Sonnenschutzsystemen vertiefen will. Für schulisch schwächere Jugendliche besteht die Möglichkeit, Polybaupraktiker zu werden: Der Polybauer ist nach seiner Ausbildung Spezialist für Gebäudehüllen, und der Praktiker führt im Team und unter Anleitung Arbeiten an der Gebäudehülle aus. Erreichen zukünftige Polybaupraktiker allerdings eine Schlussnote von über 5.0, können sie sich zum Polybauer weiterbilden. «Wir arbeiten auch gerne mit jungen Leuten aus dem schulisch unteren Segment zusammen», führt dazu Christoph Hensch aus. Gute Schulnoten seien nicht alles.

Für Hensch zählen vor allem der Wille und das Engagement der zukünftigen Berufsleute: «Die Einstellung und die Motivation sind für uns entscheidend.» Neben den Fachkompetenzen sind auch andere Fähigkeiten gefragt. «Ein guter Mitarbeiter sollte auch Kommunikations-, Sozial- und Methodenkompetenzen haben», so Hensch.

Mit ihrem Ausbildungskonzept scheint die Polybau auf dem richtigen Weg zu sein. Seit dem ersten Lehrgang im Jahr 2002 ist die Anzahl der Absolventen von 300 auf 900 angestiegen. «Die Resonanz auf die Ausbildung ist phänomenal», freut sich Christoph Hensch. In der Schweiz müssten zurzeit rund 1,4 Millionen Gebäude energetisch saniert werden. Die Arbeit dürfte den Polybauern in den kommenden Jahren nicht ausgehen. «Während den nächsten 20 bis 30 Jahren wird es in diesem Bereich kaum Arbeitslose geben», ist Hensch überzeugt. Gegenwärtig sei sogar einen Mangel an Fachkräften festzustellen.

Deshalb bietet die Polybau ab kommenden März eine «Passerelle» an, die sie gemeinsam mit dem Bundesamt für Energie lanciert hat. Wer einen technisch-manuellen oder handwerklichen Beruf erlernt hat, kann sich in eineinhalb Jahren zum Polybauer umschulen. Für den ersten Lehrgang rechnet die Polybau mit 50 Absolventen. Diese haben ganz unterschiedliche berufliche Hintergründe. Hensch: «Es gibt Leute, die sieben Jahre auf dem Bau gearbeitet haben und keine Qualifikation vorweisen können. Oder auch Arbeitslose aus der Industrie, zum Beispiel Polymechaniker oder Autospengler.»  (Silva Maier) 

Nachgefragt bei Alain Kalbermatter, Coach des Siegerteams

Was war die grösste Herausforderung an der Meisterschaft?
Alain Kalbermatten: Die Fassade musste sauber aussehen und die Aufgabe sauber gelöst werden.
 
Wie haben Sie ihr Team auf die Meisterschaften vorbereitet?
Wir sind während zweier Samstage zusammen gesessen und haben die Pläne studiert. Das Wichtigste dabei war, dass wir den richtigen Arbeitsfortschritt für den richtigen Moment festlegten und dass alle halfen, wenn ein Teammitglied ein bisschen langsamer ist. Beim Wettkampf verhält es sich ähnlich wie bei einem Autorennen: Man geht die Strecke im Kopf durch, überlegt sich, wo die Kurven sind und wo man aufpassen muss.
 
Kann man sagen, dass ohne gute Teamarbeit nichts geht?
Teamarbeit ist das Wichtigste, das müssen die jungen Leute auch lernen. Auf dem Bau ist es ja auch so, es braucht keine Einzelkämpfer, sondern Leute, die im Team arbeiten können. Man kann das mit einer Fussballmannschaft vergleichen.
 
Welche Fähigkeiten muss man haben, wenn man eine Polybau-Ausbildung machen will?
Man muss in der Lage sein, dreidimensional zu denken. Das ist sehr wichtig. Denn manchmal gibt es Details, die auf dem Plan nicht ersichtlich sind, die man aber lösen muss. Es sollte eine gewisse Selbstständigkeit vorhanden sein. Rechnen sollte man auch können und etwas Ahnung von Geometrie haben.
 
Wie sieht es denn mit Frauen in diesem Berufsfeld aus?
Frauen sind unter den Polybauern noch Exoten. Die meisten, die diese Ausbildung gemacht haben,
bilden sich nachher weiter.
 
Was würden Sie jemandem sagen, der sich für eine Polybau-Ausbildung interessiert?
Er muss vor allem Freude an der Arbeit mitbringen, ihm sollte das Wetter nichts ausmachen. Das muss einem bewusst sein. Denn ein Polybauer ist nicht in der Werkstatt, sondern unter freiem Himmel. Aber das ist auch das Schöne daran, wenn man zum Beispiel in den Alpen arbeitet und den ganzen Tag Sicht auf die Berge hat. (mai)
 

Info

Die Polybau ist die gemeinsame Bildungsplattform von fünf Branchenverbänden, die national für das Berufsfeld der Gebäudehülle alle Bildungsdienstleistungen anbietet. Die fünf Partnerverbände sind Gebäudehülle Schweiz – Verband Schweizer Gebäudehüllen-Unternehmen, Abdichtungen Estriche Schweiz (Pavidensa), Verband Schweizerischer Anbieter von Sonnen. und Wetteschutz-Systemen, Schweizerischer Gerüstbau-Unternehmer-Verband (SGUV) und Schweizerischer Fachverband für hinterlüftete Fassaden (SFHF). (pd)