«Es wird eher die Regel sein, zweimal im Jahr umzuziehen»

«Es wird eher die Regel sein, zweimal im Jahr umzuziehen»

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Wie werden wir in 10, 20 oder sogar 30 Jahren wohnen? Was wird sich in unserem Alltag ändern, was bleibt gleich? Bauwelt.ch hat jemanden gefragt, der es wissen muss, den Trendforscher Sacha Willemsen.

Bauwelt.ch (Bw): Herr Willemsen, Sie beschreiben in Ihrem Trendreport verschiedene Zukunftsszenarien. Wie sieht denn die Zukunft in Sachen Wohnen für Herrn und Frau Schweizer aus?

Sacha Willemsen (SW): Das wahrscheinlichste Szenario namens «Living on the go» skizziert das mobile Wohnen. Der moderne Mensch wird sich in Zukunft im Spannungsfeld zwischen Wohnen und Mobilität bewegen, viel unterwegs sein. Es wird eher die Regel sein, zweimal im Jahr umzuziehen als nur zweimal im Leben. Zu diesen zeitgemässen Nomaden passen Möbel, die leicht transportierbar sind.

Bw: Und welches Ihrer Szenarien ist am weitesten von einer heute durchschnittlichen Lebenssituation entfernt?

SW: Das wäre eine Welt, in der private 3-D-Drucker, Smart Home und Augmented Reality für jedermann alltäglich sind. Obwohl das Smart Home teilweise schon heute Realität ist, können oder wollen das viele Leute nicht glauben. Der Gedanke, dass das Internet der Dinge, also die Kommunikation aller Haushaltsgeräte, selbstverständlich wird und unsere Gewohnheiten transparent werden, ja der Mensch zunehmend gläsern wird, stösst uns heute noch ab.

Bw: Stichwort Smart Home - welche Rolle spielen Automation und Co. in der Zukunft?

SW: Um sich in der breiten Masse durchzusetzen, müssen die Technik und ihre Bedienung absolut intuitiv, funktional und sinnhaft sein. Momentan empfinden viele die Automation als Spielerei oder gar Zeitfresser, weil vieles noch nicht ausgereift ist. Es gibt zu viele Knöpfe, die man eh nicht braucht. Im Szenario «Digital Playground 3.0» ist das Smart Home exakt auf die persönlichen Bedürfnisse angepasst, und sämtliche Prozesse laufen unmerklich im Hintergrund.

Bw: Das Badezimmer gilt als ein zentraler Bestandteil jeder Wohnung – wie stellen Sie sich das Bad der Zukunft vor?

SW: Das Bad wird nicht mehr bloss eine Nasszelle sein, sondern in Kombination mit dem Schlaf- und Ankleidezimmer als eine Art zweiter Wohnbereich genutzt. Es dient neben der Körperhygiene auch der Regeneration und ist ein Ort zum Wohlfühlen. Die Badezimmermöbel passen sich den persönlichen Bedürfnissen an, zum Beispiel indem man die Badewanne zur Tagesliege umfunktioniert, auf der man dann entspannt ein Buch liest.

Bw: Wohnen und Arbeiten unter einem Dach - kann diese Kombination aus Ihrer Sicht gut gehen?

SW: Das kommt natürlich sehr auf den Bewohner an. Mit einer intelligenten Planung und beispielsweise Möbeln als Raumtrennern kann man beide Bereiche separieren. Wer aber schon heute zu Hause in erster Linie Erholung und einen Ruhepol zu seinem hektischen Alltag sucht, sollte Wohnen und Arbeiten auch in Zukunft räumlich trennen.

Bw: Ein Trend geht in Richtung offenes Wohnen, gleichzeitig wird in der Schweiz Wohnraum immer teurer. Wie lässt sich beides miteinander vereinbaren?

SW: Sicherlich wird Wohnraum quantitativ knapper werden, weil immer mehr Menschen in Städten und deren Einzugsgebieten wohnen. Die Wohnfläche muss sich qualitativ verbessern. Statt dem eigenen Haus muss in Zukunft der Platz einer 3-Zimmerwohnung genügen und optimal genutzt werden. Dieser «japanische Ansatz» ist bereits heute für viele Menschen Realität.

Bw: Das müssen Sie bitte genauer erklären ...

SW: In Tokio haben sich wegen der enormen räumlichen Spannung und den extrem hohen Quadratmeterpreisen bereits neue Wohnformen herausgebildet. Die privaten Räume ermöglichen lediglich eine Grundversorgung der Bewohner und sind auf deren alltägliche Bedürfnisse angepasst. Kommt zum Beispiel Besuch vorbei, der die eigene kleine Wohnung sprengen würde, weichen viele auf Gemeinschaftsräume aus. Diese Share Economy [Anm. d. Red.: Im deutschsprachigen Raum spricht man von Kokonsum, der Begriff ist eine Kombination der beiden Wörter kollaborativer Konsum], also das Teilen der selten genutzten Räume, spart Platz und ist deswegen auch für Schweizer Städte interessant.

Bw: Sie selbst haben eine Stadtwohnung umgebaut – welche Tipps geben Sie jenen, die Ähnliches vorhaben?

SW: Man sollte niemals die Nerven verlieren – weder ist alles planbar, noch muss alles zu 100 Prozent perfekt sein. Bei solchen Projekten sollte man den Mut haben loszulassen und sich auf die Reise einlassen. Und man sollte schon bei der Planung mit Profis zusammenarbeiten, schliesslich gipst man sich ja auch nicht selbst, wenn man sich ein Bein bricht.

Das Interview führte Elisa Schreiner für bauwelt.ch.