Erste Riesen in der Allee

Erste Riesen in der Allee

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Teaserbild-Quelle: Michael Hunziker
Im Herbst 2012 will die Pädagogische Hochschule Zürich ihren neuen Campus beziehen. In den drei von Architekt Max Dudler geplanten und von den SBB finanzierten Gebäuden an der Europaallee sind Hörsäle, Turnhallen und Gruppenräume für 1800 Studierende untergebracht. Ein Bericht über den Schulbau im entstehenden Stadtviertel.
 
 
 
 

Links zu Beteiligten

 
 
 
 
 
Semesterbeginn in der Zukunft: Scharen von angehenden Lehrerinnen und Lehrern ­strömen aus dem Hauptbahnhof Zürich und sind nach nur wenigen Schritten über grosszügige Treppen an ihrer Wirkungsstätte, der ­Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH). Was noch nach einer futuristischen Szene tönt, ist auf bestem Weg und im Zeitplan. Die drei Hochschulgebäude mit den hellen Fassaden sind schon von Weitem zu sehen. Über ihnen kreisen die Kräne und im Innern hinter den ­grossen Panoramafenstern ist der Innenausbau in vollem Gang. Am 21. September 2012 ist es ­soweit: Der Campus in dem neuen Stadtteil ­Europaallee (siehe ­Hintergrund auf Seite 31) wird in Betrieb genommen.
 
Gerald Frick, Projektleiter bei der Implenia, steht im zehnten Stockwerk des 40 Meter hohen Rohbaus von Gebäude 1 und schaut über die ­Dächer von Zürich und die acht Baufelder der ­Europaallee. Er veranschaulicht die Dimensionen der ersten Etappe dieses Grossprojekts: «Mit ­einer Geschossfläche von rund 108 000 Quadratmetern und einem Volumen von 416 000 Kubikmetern ist der Bau der drei Gebäude für die PHZH auf Baufeld A ziemlich einzigartig im Schweizer Hochbau.» Das Investitionsvolumen beträgt um die 300 Millionen Franken. Für die drei Gebäude koordiniert die Implenia 3000 Material-Anlieferungen verteilt auf 20 Lieferzonen, bei denen jeweils ein Zeitfenster von zehn Minuten besteht. Dazu verwendet man eine Logistikplattform, auf der sich die Lieferanten eintragen können und elektronisch die nötigen Angaben betreffend Ort und Zeit erhalten. «Auf dieser Logistikplattform verwalten wir auch die 1500 Architektenpläne,» erklärt Frick.
 
 
Die spektakuläre Aussicht, die man vom obersten Stockwerk geniesst, über die Stadtkreise vier und fünf bis ins Limmattal, ist im Hochschulbetrieb der Verwaltung der PHZH vorbehalten: Es entstehen Büros und Sitzungsräume. Das Hauptgebäude, das direkt hinter der denkmalgeschützten Sihlpost liegt, bezeichnet Frick als «grossen Apparat». Dieser beherbergt sechs Hörsäle. Der Hauptsaal bietet Platz für 400 Studierende, drei Säle für je 200 und zwei Kleinere für je 50 Personen. Im Eingangsgeschoss befindet sich die Mensa mit Buffets und einer Küche, in der täglich gegen 1000 Menus vom Zürcher Frauenverein (ZFV), der die Kantine führt, aufbereitet werden. Auch die Bibliothek ist im Hauptgebäude untergebracht. Ein Innenhof, der Campusplatz, verbindet den südlichen Bau, in dem sich Unterrichts- und Seminarräume befinden, und das westliche Gebäude, in dem eine Dreifachturnhalle, Werk- und Musikräume und eine Kinderkrippe untergebracht sind, mit dem Hauptgebäude zu einem Ensemble. In den drei Gebäuden korrespondieren 25 Liftanlagen zwischen den Geschossen. Geheizt wird mit Fernwärme und die Hochschule entspricht dem Minergie-Standard.

Black Cherry fängt nicht Feuer

Die obersten vier Etagen des Hauptgebäudes sind um einen grossen quadratischen Lichthof angelegt. Unter den «Büro-Geschossen» und dem Lichthof liegen die Hörsäle. Hier sind Arbeiter gerade daran, diese mit Holzwerkstoffplatten, die mit einem Black-Cherry-Furnier beschichtet sind, auszukleiden. Sowohl brandschutztechnisch als auch was das Schallverhalten betrifft, sind diese Platten laut Frick eine optimale Lösung: «Da wir uns mit unseren 40 Metern bereits in einem Hochhaus befinden, sind die Brandschutzanforderungen sehr hoch. Diese Raumauskleidung ist nicht brennbar. Und zudem bieten sie nicht zuletzt durch ihre Oberflächenstruktur eine gute Akustik». In Zürich gilt ein Gebäude bereits ab 25 Metern als Hochhaus und wird feuerpolizeilich entsprechend anders behandelt. «Wir konnten weder PU-Beläge noch Parkett verwenden.» Als Bodenbelag in den Foyers und auf dem Campusplatz wird zertifizierter Lavastein eingesetzt. «Es ist uns ein Anliegen, ‹ein sauberes› Gebäude zu bauen. Wir beachten die Herkunft und die Produktionsweise aller verwendeten Materialien», sagt Frick. Über Treppengänge, in denen im Brandfall ein Luftdrucksystem via Fassade einen Unterdruck erzeugt, gelangt man in die Bibliothek. Ausleihe und Rückgabe der Medien werden vollständig elektronisch abgewickelt. «Eingangs kommen RFDI-Gates zu stehen, die die Daten der Bücher lesen und weiterleiten. Das bedeutete für uns, dass wir auf den Einbau von Stahlschwellen in der näheren Umgebung verzichteten, um die Signale nicht zu stören.»

Legospiel mit Muschelkalk

Drei der vier Fassaden der Bauten aus Münchner Muschelkalk sind mit 19 Zentimeter Steinwolle gedämmt. Die bis zu vier auf drei Meter grossen Natursteinelemente sind an einer die Gebäudeseiten umfassenden Stahlaufhängung angebracht. «Es war wie Legospielen, einfach mit grösseren Steinen», scherzt Frick zur Konstruktion und unterstreicht die Leistung des Kranführers, der bei dieser Arbeit «viel Fingerspitzengefühl» brauchte.
 
Rechteckige Einlassungen in der Fassade dienen einerseits als Gestaltungselement und andrerseits als «Anflugschneise» der Alpensegler, für die man zwischen Gebäudewand und Fassade Nistkästen angebracht hat. Auf dem Dach des Nachbargebäudes, das die Privatbank Clariden Leu bezieht, soll die Blauflügelige Sandschrecke eine artgerechte Biosphäre finden und sich ansiedeln.
 
Ein Gerüst füllt den Raum der hohen Dreifachturnhalle im Dachgeschoss des westlichen Gebäudes A22 fast vollständig. Über die ganze Fläche ist ein Montage-Boden gebaut, auf dem die Arbeiter die Deckeninstallationen vornehmen. Durch eine Luke werden Materialien hochgezogen. Die Decke der Turnhalle wird von Stahlträgern gestützt. Der Kran, der diese in Position brachte, wurde auf einem 22 Meter langen achtachsigen Lkw antransportiert. «Ein solcher Transport ist an und für sich schon ein Ereignis, wenn dazu noch Zürifäscht ist, wird es kompliziert», erzählt Frick. Mehrere Stunden hätte das Fahrzeug an jenem Tag gebraucht, um an der Europaallee anzukommen. «Das Zürifäscht hatten wir schlicht unterschätzt.»

LED-Decke unter der Schule

Unter der Hochschule wird im Durchgang zum Bahnhof auf Erdgeschossniveau eine Ladenpassage gebaut. Unter dem Motto «Outdoor und Sport» konnten laut SBB bereits Mieter wie Transa, Ochsnersport, Doodah und Coop gewonnen werden. Eine bespielte LED-Decke dient der Passage auf 1200 Quadratmetern als Lichtquelle. «Eine solche Installation ist auch für uns Neuland. Sie ist meines Wissens einzigartig in der Schweiz. Wir übernehmen den Einbau, programmieren werden wir sie aber nicht», so Frick. Neben konventionellen unterirdischen Parkplätzen kommen für das Baufeld A, damit die geforderte Anzahl Stellplätze erreicht wird, Parklifte zum Einsatz. Mit dem Einbau beauftragt ist die Firma Compark. «Dank unseren Systemen, Doppelanlagen mit jeweils vier unabhängigen Stellplätzen, kann die Anzahl der Parkgelegenheiten in der hierfür vorgesehenen Fläche verdoppelt werden,» sagt Geschäftsführer Giuseppe Mangone. Insgesamt sind neun solcher Anlagen für insgesamt 36 Stellplätze im Bau.
 
Im Raum Hauptbahnhof wird derzeit viel gebaut, das erschwert wohl den Baustellenverkehr, was den Aushub auf Baufeld A betrifft, war es aber auch ein Vorteil. Denn durch den unterirdischen Bahnhof, der im Rahmen der Durchmesserlinie gebaut wird, wurde das Grundwasser bereits abgepumpt und stellte kein Hindernis mehr dar. Die Gerüste vom Hauptgebäude der PHZH sind schon seit geraumer Zeit entfernt, der Bau befindet sich in der Endphase, die Bauten der ersten Etappe der Europaallee ragen bereits selbstredend als Vertreter eines neuen Stadtviertels in die Höhe und doch steht laut Gerald Frick die letzte grosse Schwelle noch an: «Das Abnahmekonzept sieht vor, dass die PHZH bereits am Einziehen ist, während wir noch Garantieleistungen erbringen. Da wird unsere Planung noch einmal gefordert sein.» (Michael Hunziker)
 
 

Übrige Beteiligte

Bauherr: Schweizerische Bundesbahnen SBB, Bern
Architekt: Max Dudler Architekten AG, Zürich
Totalunternehmer: Implenia Generalunternehmung AG, Dietlikon