Eröffnung Gotthard-Basistunnel: «Die Zukunft mit Europa gestalten»

Eröffnung Gotthard-Basistunnel: «Die Zukunft mit Europa gestalten»

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle:
Bundespräsiden Johann Schneider-Ammann im Rampenlicht (Bild Urs Rüttimann)

Die Politiker lobten den Gotthard-Basistunnel an der Eröffnungsfeier durchwegs als Bauwerk der Superlative. Viele Redner aus dem Ausland bewunderten den Geist, der den 10 Milliarden Franken teuren Tunnel überhaupt ermöglicht hat. Auch zeigten sie sich erfreut, dass die Schweiz mit diesem Herzstück der Neat Europa mitgestaltet.

Die Eröffnungsfeier des Gotthard-Basistunnels in Rynächt bei Erstfeld UR gab dem nationalen Mythos Gotthard ein neues Gesicht. Lange Zeit stand er für Schrecken, aber auch für Verlockung, wie es ein buntes Ensemble aus Tänzern, Akrobaten und Sängern spektakulär vorführte. Unter der Leitung des Theaterregisseurs Volker Hesse entführten 600 Darstellerinnen und Darsteller aus der Region und anderen Ländern in eine Welt der Sagengestalten, die sie mit derjenigen der Mineure vermischten. Die Laien aus dem Urnerland und die internationalen Künstler vermochten die über 500 Gäste am Nordportal des Gotthard-Basistunnels zu begeistern. Die lange und karge Betonhalle Rynächt bot dazu eine eindrückliche Kulisse. Mitten hindurch führte ein Schienenstrang, auf dem Güterwagen mit immer neuen Szenen des Spektakels hineingeschoben wurden.

Das Herzstück der Neat
Der Pass und das Bergmassiv Gotthard wurden vielen Schweizerinnen und Schweizern in ihrer Schulzeit noch als Mittelpunkt des geeinten Vielvölkerstaates Schweiz eingetrichtert. Jetzt soll der Gotthard zum Symbol der europäischen Zusammenarbeit werden. «Wir haben ein Werk fertiggestellt, das für die Kohärenz von Europa wichtig ist», rüttelte auch Bundespräsident Johann Schneider-Ammann am Mythos Gotthard.

«Ab heute führt der längste Eisenbahntunnel der Welt durch den Gotthard», lobte er das Jahrhundertwerk, an dem – von der Skizze bis zur Planung und zum Bau – Fachleute aus mehreren Generationen mitgewirkt haben. «Freude herrscht», zitierte er Alt-Bundesrat Adolf Ogi, den Vordenker und beharrlichen Förderer der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (Neat). Und nach dem herzhaften Lacher der Zuhörer doppelte er nach: «Dank Weitsicht, Mut, Durchhaltewillen und viel Engagement war es möglich, die Neat mit dem Gotthard-Basistunnel als Herzstück zu verwirklichen.»

Für den Bundespräsidenten ist die Schweiz ein europäisches Land im Herzen Europas, auch wenn sie kein Mitglied der EU ist. «Die Zukunft wollen wir miteinander gestalten. Mit dem Gotthard-Basistunnel hat die Schweiz zum Gedeihen Europas beigetragen.» Ebenso erkannte Bundesrätin Doris Leuthard im Gotthard ein Symbol für Offenheit und Fortschritt. Zusätzlich wies sie auf den Umweltaspekt hin: «Wir können noch mehr Güter von der Strasse auf die Schiene bringen.» Dies diene dem Wohl der Alpen, der Natur und der Bevölkerung. Diese Ansicht habe sich auch in der europäischen Verkehrspolitik durchgesetzt.

Die Schweiz zähle nun darauf, dass die notwendigen Ausbauten in Deutschland und Italien vorangetrieben werden, sagte Leuthard. Bis die Neat als Verbindung der Häfen Antwerpen und Rotterdam mit Genua nämlich funktioniert, sind zusätzlich zum 57 Kilometer langen und 10 Milliarden Franken teuren Gotthard-Basistunnel noch weitere enorme Leistungen erforderlich: In der Schweiz muss bis 2020 der 15 Kilometer lange Ceneri-Basistunnel für 2,2 Milliarden Franken und ein durchgängiger Korridor für Sattelauflieger mit vier Metern Eckhöhe für 990 Millionen Franken fertiggestellt werden. In Deutschland und Italien ist die Neat im Verzug. Der Ausbau der Rheintalbahn für 9 Milliarden Euro soll nicht vor 2035 abgeschlossen sein. In Italien wird derzeit unter anderem ein 37 Kilometer langer Tunnel durch den Apennin gesprengt. Dieser allein kostet 6,2 Milliarden Euro. Seine Eröffnung ist für 2021 terminiert.

«Neue Dimensionen der Freizügigkeit»
«Der Gotthard ist wie das Herz, nun fehlt noch die Aorta», sagte selbstkritisch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Grusswort. «Wir werden mit mehr Elan unsere anstehenden Aufgaben angehen.» Von der direkten Demokratie der Schweiz sprach sie mit einer gewissen Bewunderung. Alle seien beim Bauwerk Gotthard-Basistunnel eingebunden worden, auch die Bevölkerung. «Dabei ist der Tunnel pünktlich fertig geworden», fügte die Bundeskanzlerin hinzu. Demgegenüber hat in Deutschland, nebst den fehlenden finanziellen Mitteln, der Widerstand der Bevölkerung den Ausbau der Rheintalbahn verzögert.

Den Wert des Gotthard-Basistunnels sieht Merkel darin, dass er den Transport von Passagieren und Waren beschleunigt. «Damit wird der Takt unserer Zusammenarbeit und unseres Zusammenlebens erhöht. Das erschafft neue Dimensionen der Freizügigkeit», richtete sie einen Denkanstoss an die Adresse der Schweizer. Sie selbst vertritt klar eine Politik der Öffnung und der freien Märkte: «Zurzeit sprechen wir viel über Grenzen in Europa. Wir müssen unsere Aussengrenzen schützen, aber wir erleben auch, dass unsere Binnengrenzen in ihrer Bedeutung zurückgehen.» Und darin erkennt die Bundeskanzlerin ein Kernelement der europäischen Integration und der Belebung des gemeinsamen Marktes.

Vorbildliche Leistung für Europa
Auch der italienische Premier Matteo Renzi ist sich bewusst, dass die Neat nur funktioniert, wenn in den nächsten Jahren die italienischen Anschlussstrecken ausgebaut werden. Nachdem die Schweiz mit dem Gotthard-Basistunnel ein «Jahrhundertwerk» geschaffen habe, steige der Druck auf Italien, vorwärts zu machen, so Renzi. Seine Regierung habe sich für diese Investition entschieden. «Wir setzen uns dafür ein, dass die Reise bis nach Mailand weitergeht und damit ein Mobilitätskorridor geschaffen wird.» Von Mailand aus führt die Neat dann weiter nach Genua und verbindet letztlich die Nordsee mit dem Mittelmeer.

Für den französischen Präsidenten François Hollande ist «in der Schweiz der europäische Traum Realität geworden». Die Schweizer hätten mit dem Bauwerk mehr getan, als nur ihren eige­nen Interessen zu dienen. Hollande hofft, dass die Mitgliedsländer Europas wieder von diesem Geist ergriffen würden. Für ihn ist der Gotthard-Basistunnel ein Symbol der Öffnung und der Freiheit; er verbinde Räume, die zuvor getrennt waren. «Wir befinden uns alle auf dem gleichen Kontinent», versuchte er auf ein stärker geeintes Europa einzuschwören.

Sankt Gotthard – ein Ausländer
Möglicherweise kann Sankt Gotthard, der Namensgeber des Gotthardmassivs, den Weg zu einem Europa mit offenen Grenzen weisen: Er war ein Ausländer, 960 geboren im Bistum Passau, in Reichensdorf an der Donau. Wie sein Vater wurde Godehard Verwalter des Klosters Altaich. 991 legte er das Ordensgelübde als Benediktinermönch ab und wurde zu einem der führenden Köpfe der damaligen Reformbewegung für die striktere Einhaltung der Gebote und des Gehorsams, im damals zerfallenden Reich der Karolinger. 1131, 93 Jahre nach seinem Tod, wurde er von Papst Innozenz II. heiliggesprochen. Die Zähringer führten Europa in diesem Jahrhundert in eine neue Blütezeit. Zum Passheiligen Sankt Gotthard wurde Godehard ernannt, obschon er die Schweiz vermutlich nie gesehen hat. (Urs Rüttimann)