Erfolgreiche Nieten

Erfolgreiche Nieten

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Teaserbild-Quelle: Massimo Diana
Die Schweiz steht in der Wirtschaftskrise weitaus besser da, als der Rest der europäischen Länder: Dies war die unmissverständliche Botschaft, welche Werner Messmer, Zentralpräsident des Schweizerischen Baumeisterverbands, am Tag der Bauwirtschaft in Zürich ins Zentrum seiner politischen Standortbestimmung stellte. Gastreferent war Bundesrat Ueli Maurer.
 
 
Generalversammlungen sind von einem unausrottbaren Vorurteil belastet: Sie gelten schlicht als langweilig. Ganz anders dagegen der Tag der Bauwirtschaft, an dem die Generalversammlungen des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV) und der HG Commerciale abgehalten werden. Mehr als einer biederen Generalversammlung gleicht das jährliche Stelldichein des Bauhauptgewerbes einer Mischung von Ostermesse in der katholischen Kirche und Opernball: Feierlichkeit, Geselligkeit, gegenseitige Bestätigung in den Überzeugungen und Appelle zur Besinnung auf das Wesentliche wurden am letzten Freitag im Juni in der Zürcher Tonhalle richtiggehend zelebriert.
 
Fast 900 Teilnehmer mit ihren Partnerinnen und Partnern, eine lange Reihe von Ehrengästen, darunter Bundesrat Ueli Maurer und der Zürcher Kantonsratspräsident Gerhard Fischer, Astra-Direktor Rudolf Dieterle, Arbeitgeberverbandsdirektor Thomas Daum, Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler sowie zahlreiche Bundesparlamentarier, machten am Tag der Bauwirtschaft ihre Aufwartung. Der Versammlungsort, die prunkvolle, historizistische Tonhalle mit ihrem Tonnengewölbe, von dem drei mächtige Kronleuchter herabhängen, passte haargenau zur Feierlichkeit dieses Anlasses und der üppige Blumenschmuck auf der Tonhalle-Bühne unterstrichen den Festcharakter. Und Zentralpräsident Werner Messmer begrüsste die anwesenden Bauunternehmer und Bauunternehmerinnen mit «liebe Baumeisterfamilie»: Der Tag der Bauwirtschaft als grosse Familienfeier mit Gästen.
 

Messmer im Amt bestätigt

Das wichtigste statutarische Geschäft des SBV bildete die Wiederwahl von Zentralpräsident Werner Messmer für eine weitere Amtszeit von vier Jahren (2011 bis 2014). Vizepräsident Michel Buro rief in seinem nicht ganz ernst gemeinten Tour d’Horizon in Erinnerung, dass in der Schweiz Kandidaten für höhere Posten viele Kriterien erfüllen müssen, weil unser Land von Kompromissen lebt: drei Sprachen Sprechen, auf der linken Seite einer bürgerlichen Partei positioniert und auch noch umweltfreundlich sein. «Wenn ein solcher Kandidat einen Offroader besitzt, ist es ratsam, gleichzeitig WWF-Mitglied zu werden», feixte Buro. Auch müsse der ideale Kandidat mindestens zwei Bankkonten besitzen, eines bei der UBS für die Schulden und eines bei der Kantonalbank fürs Sparen. Und wenn dieser ominöse Kandidat Mitglied eines Männerchors sei, dann sei es zu empfehlen, auch noch Michael Jackson zu hören. «Zum Glück gilt dies im Schweizerischen Baumeisterverband nicht», schloss Buro und ergänzte: «Werner Messmer ist nicht nur für ein weiteres Mandat bereit, er ist auch voll motiviert.» Mit grossem Applaus und ohne grosse Formalitäten bestätigten die anwesenden Verbandsmitglieder Messmer für eine weitere Amtszeit.
 

Mit Posaunenschall

Bevor der neue alte Zentralpräsident sich in seiner politischen Standortbestimmung daran machte, zu verkünden, was in der Baubranche Sache ist, durften die vier Posaunisten des Slokar Quartet nicht nur mit Stücken von Bach, Mozart und Gershwin zeigen, dass sie ihre Instrumente aus dem FF beherrschen, sondern auch, dass die Akustik der Tonhalle tatsächlich legendär ist. «Ich bin mir bewusst, dass Sie unter meinem Präsidium immer den selben Musikstil anhören müssen, aber ich hoffe, dass bis zum Ende meiner Präsidialzeit auch Sie Fans dieser Musik werden», kommentierte Messmer trocken. Posaunenklängen ähnlich wirkten anschliessend seine Einschätzungen der politischen Situation der Schweiz und der Baubranche: klar, aber auch nuanciert.
 
Er sei immer noch geprägt von den Eindrücken der eben vergangenen Sommersession der Eidgenössischen Räte, rief der Thurgauer FDP-Nationalrat in Erinnerung: «Die Signale aus Bundes-Bern verwirren, erstaunen und verunsichern. Glaubt man den Medien, so besteht unsere Regierung aus Nieten, Pfeifen und Versagern», resümierte Messmer die Stimmungslage der (ver-)öffentlichten Meinung. Er sei sich aber bei der Zeitungslektüre und beim Fernsehen nicht sicher, ob da von selben Land gesprochen werde, in dem er selbst lebe: «Wenn ich mir die Wirtschaftslage unseres Landes vor Augen führe, bekomme ich ein völlig anderes Bild.» Wenn der Bundesrat wirklich aus Nieten und Pfeifen bestehe, könne er sich die Resultate seiner Wirtschaftspolitik nicht erklären:
 
  • Wirtschaftswachstum: Kein europäisches Land verzeichnete 2009 einen geringeren Einbruch des Wirtschaftswachstums (BIP) als die Schweiz. Bei uns ist 2009 das BIP um 1,5 Prozent zurückgegangen, während der Euro-Raum einen Rückgang um 4,1 Prozent verzeichnete oder beispielsweise Frankreich einen solchen um 2,6 Prozent, Österreich 3,5 Prozent, England und Deutschland 4,9 Prozent. Genau gleich sehen in diesen Ländern die Prognosen für 2010 aus.
  • Arbeitslosenquote: Auch in diesem Bereich träumen die wichtigsten EU-Staaten von Schweizer Verhältnissen, weisen sie doch eine doppelt so hohe oder noch höhere Quote aus. (Schweiz 4,0 Prozent, Euroraum 10,1 Prozent).
  • Schuldenquote: Während sich alle wichtigen EU-Staaten massiv neu verschuldeten, konnte die Schweiz in den letzten vier Jahren ihre Schuld um gegen 20 Milliarden Franken senken. Die Schweizer Schuldenquote liegt bei 41,4 Prozent, jene von Deutschland bei 73,2 Prozent, Frankreich bei 77,6 oder Italien bei 115,8 Prozent.
 
«Ist dies der Leistungsausweis einer Regierung, die aus Nieten und Pfeifen besteht?», warf Messmer seinem Publikum entgegen und es war klar, wie für ihn die Antwort lautet. Dem Parlament könne er weit weniger gute Noten austeilen, schob der SBV-Zentralpräsident nach. Mit der zunehmenden Polarisierung in Bern, wo Parteiinteressen gegenüber dem Allgemeinwohl immer wichtiger würden, werde die Schweiz früher oder später verlieren, warnte Messmer: «Wir gefährden die Attraktivität unseres Standortes.»
 

Standortattraktivität erhalten

Die Voraussetzungen für weiteres Wachstum sind für den SBV-Zentralpräsidenten ideal: Die Staatsfinanzen sind geordnet und es herrscht eine gute Konsumentenstimmung, die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte hält an und die Zinsen für Fremdkapital bleiben tief. Um dieses Wachstum zu fördern seien jedoch Kürzungen bei der «sozialen Wohlfahrt» unumgänglich, forderte Messmer. Hinsichtlich Sozialausgaben übertreffe die Schweiz nicht nur den EU-Durchschnitt, sondern auch Länder mit einem gut ausgebauten Sozialen Netz wie Deutschland und Schweden. Deshalb folgerte Messmer: «Wir dürfen keine Hemmungen haben, hier den Hebel anzusetzen, besonders im kommenden Herbst, wenn wir über die Arbeitslosenversicherung abstimmen.»
 
Trotz aller internen Querelen zog der SBV-Zentralpräsident eine positive Bilanz der letzten Monate: «Die Schweiz hat die globale Krise sehr gut überstanden und wir gehen gut gerüstet in die Zukunft.» Von dieser ausgezeichneten Verfassung habe auch die Bauwirtschaft profitiert: Bauhaupt- und Ausbaugewerbe erwirtschafteten letztes Jahr gemeinsam fast 54 Milliarden Franken Umsatz. Rund 18 Milliarden Franken setzte allein das Bauhauptgewerbe um. Der Auftragsbestand Anfang dieses Jahr lag auf einer Rekordhöhe von knapp 11 Milliarden Franken. «Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt», warnte Messmer. Die Schere zwischen Kosten und Preisen stehe weit offen: «Es gelingt unserer Branche einfach nicht, unsere gute Auslastung und unsere guten Umsätze in eine adäquate Rendite umzusetzen.» Um diese immer wieder gehörte Klage mit Fakten zu erhärten, hat der SBV bei seinen Mitgliedern eine Umfrage lanciert. 800 Firmen haben sich an der Erhebung beteiligt. Die definitiven Resultate sollen laut Messmer bald vorliegen: «Die ersten Trendanalysen bestätigen unser Bauchgefühl.»
 

Lieber abbrechen als renovieren

Für die Zukunft erwartet der SBV einen massiven Trend vom Neubau zum Umbau und Unterhalt. Dies werde auch für die Baumeister Auswirkungen haben. Zur Illustration wies Messmer auf den ausgesprochen veralteten Gebäudebestand der Schweiz hin: Rund 650000 Gebäude wurden vor 1919 erstellt, davon wurden bisher nur etwas mehr als 250000 renoviert. Noch dramatischer sieht es bei Gebäuden aus, die zwischen 1960 und 1990 erstellt wurden: Zwischen 75 und 90 Prozent wurden noch nie renoviert. «Wir als Baumeister sind aber überzeugt, dass auch nicht alles renoviert werden müsste», argumentierte Messmer und plädierte dafür, ein Gesetz zu schaffen, dass den Abbruch aller vor 1960 erstellten Bauten vorschreibt, um Neubauten zu erlauben: «Es ist ein völliger Unsinn zu versuchen, Gebäude, welche um die vorletzte Jahrhundertwende erstellt wurden, energietechnisch auf Vordermann zu bringen.» Der SBV-Zentralpräsident ist deshalb skeptisch gegenüber der Subventionierung energetischer Massnahmen an älteren Gebäuden.
 
«Wir müssen akzeptieren, dass die Bevölkerung der Schweiz weiter wachsen wird, ob wir es wollen, oder nicht», rief Messmer in Erinnerung. Und deshalb werde auch die Mobilität zunehmen. Dies bedeute eine Zunahme der Wohnbauten und Infrastrukturen auf begrenztem Raum und mit begrenzten Finanzen. Dazu brauche es intelligente, mutige Lösungen:
 
  • Mehr Nutzfläche auf weniger Landfläche
  • Abbruch und Neubau statt Renovation
  • Hochgeschwindigkeits-Verkehrssysteme zwischen den grössten Schweizer Städten
  • Aufhebung des Lastwagen-Nachtfahrverbots zur Vermeidung von Staus tagsüber
  • Kostenwahrheit bei der Finanzierung von Verkehrsinfrastrukturen statt Anhebung von Steuern und Abgaben
 
Mit einem Appell zur intensiveren Zusammenarbeit innerhalb des fachlich und sprachregional sehr heterogenen SBV schloss Messmer seine Standortbestimmung und erinnerte daran, dass damit vielen unterschiedlichen Anliegen zum Durchbruch verholfen werden könne.
 

Zwischen Pfeifen und Machern

«Ich schätze es, zwischen den verschiedenen Welten zu pendeln; aus der Welt der Pfeifen und Nieten in die Welt der Macher»: So knüpfte Bundesrat und Verteidigungsminister Ueli Maurer an Messmers Standortbestimmung an und eroberte damit sofort die Sympathien der Baumeister. «Die Niete», fuhr Maurer fort, «ist eigentlich eine Erfolgsgeschichte, denn wenn etwas nicht zusammenhält, oder schwierig ist, zusammenzuhalten, macht man eben eine Niete.» Manchmal habe er das Gefühl, in einer Zeit, wo die Orientierung schwierig sei, sei es gar nicht so schlecht, wenn irgendwo eine Niete versuche, das Wesentliche zusammenzuhalten. Maurer konnte es nicht lassen, sich auch zu den Pfeifen zu äussern: «Überall, wo unfair gespielt wird, braucht es Pfiffe.»
 
Maurer betonte, bauen heisse vertrauen. Doch Vertrauen in die Zukunft brauche Freiheit und Stabilität. Weder das eine, noch das andere sei naturgegeben. Beides sei in Gefahr, gab der Magistrat zu bedenken.
 
Die Freiheit werde beispielsweise durch die Gesetzesproduktion gefährdet, die in «Bundes-Bern auf Hochtouren» laufe. Die Stabilität wiederum sieht Maurer in Gefahr, «weil unserem Sicherheitsinstrument Armee die finanziellen Mittel entzogen worden sind, die es braucht.» Mit der Zeit büsse dadurch unser Land an Vertrauenswürdigkeit ein, was nicht ohne Folge bleiben werde für Wirtschaft und Wohlstand. «Das werden alle spüren, insbesondere auch die Baubranche. Denn bauen heisst vertrauen; vertrauen in die Zukunft der Schweiz», warnte der Verteidigungsminister. Eigentlich wollte er sein Referat mit der Binsenweisheit beginnen, «jedes Volk hat die Regierung, die es verdient», doch nach der Lobeshymne des SBV-Zentralpräsidenten sei er fast ein bisschen stolz darauf, ein so gute Regierung zu haben, schloss Maurer schmunzelnd seine Gastrede, für die er lang anhaltenden Applaus erntete. Massimo Diana
 

NACHGEFRAGT BEI UELI MAURER

An der Plenarversammlung von «bauenschweiz» im November haben Sie gestanden, den Kaninchenstall in Ihrem Garten ohne Baubewilligung erstellt zu haben. Haben Sie nun eine nachträgliche Baubewilligung beantragt?
 
Ueli Maurer: Es handelt sich beim neuen Kaninchenstall und den Ersatz einer 20-jährigen Baute.
 
Das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS ist ein guter Auftraggeber für die Baubranche. Wie hoch ist das jährliche Auftragsvolumen für Neubauten und Sanierungen?
 
Das VBS ist vor allem ein schweizweiter Auftraggeber. Wir vergeben an die Schweizer Bauwirtschaft Aufträge für Neubauten sowie Sanierungen und Unterhalt für jährlich rund 300 Millionen Franken.
 
Genügt diese Summe?
 
Klar Nein. Die notwendigen Unterhaltsmassnahmen können wegen fehlenden finanziellen und personellen Ressourcen nicht mehr rechtzeitig realisiert werden. Mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln können deshalb nur die dringlichsten Massnahmen getroffen werden. Die Folgen davon werden für die Armee zur Belastung.
 
Vor einem halben Jahr haben Sie von grotesken Situationen gesprochen, weil der Unterhalt von militärischen Gebäuden vernachlässigt wurde. Können Sie Beispiele solcher Situationen geben?
 
Nehmen wir etwa die Halle 12 in Dübendorf. Diese ist geschlossen wegen der Gefahr von herabfallenden Deckenelementen. Oder - ebenfalls in Dübendorf – der alte Kontrollturm, der unter Denkmalschutz steht. Dieser ist wegen Einsturzgefahr geschlossen. Schweizweit haben rund 30 Mehrzweckhallen das Ende ihrer Lebensdauer erreicht und müssen gesamtsaniert werden. Bei Schneebelastungen müssen die Hallen für jeglichen Zutritt gesperrt werden. Zudem müssen in absehbarer Zeit mehrere Truppenlager und Truppenunterkünfte aus bautechnischen Gründen aber auch aufgrund mangelnder Erfüllung von Hygienevorschriften und Brandschutzvorrichtungen geschlossen werden. Sie sehen: es gibt für die Schweizer Bauwirtschaft noch viel zu tun – sobald ich das Geld dafür erhalte.
 
Sie haben versprochen, die Anliegen der Bauwirtschaft in den Bundesrat zu tragen. Ist Ihnen dies in den letzten sechs Monaten gelungen?
 
Hineinzutragen ja. Für das Hinaustragen sind dann noch sechs andere mitverantwortlich. (md)