Energie-Querschläger aus dem SIA

Energie-Querschläger aus dem SIA

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Mit der Dokumentation «SIA Effizienzpfad Energie» hat der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein SIA vor vier Jahren ein Hilfsmittel zur Umsetzung der 2000-Watt-Gesellschaft publiziert. Ein neues SIA-Merkblatt soll nun die gesamtenergetische Betrachtungsweise um verbindliche Rechnungsmethoden erweitern. Das Vorhaben tönt gut, aber wie es so ist: Die löbliche Absicht ist noch kein Garant für eine gelungene Tat. Aus Sicht der Wald- und Holzwirtschaft geht die Stossrichtung des Merkblattes, wie es der SIA bis Mitte Juli zur Vernehmlassung gestellt hat, in eine völlig falsche Richtung.
 
Die Nutzung von Holz in einer Kaskade – vorab stofflich, am Ende der Lebensdauer energetisch – ist ein vorzügliches Beispiel für die nachhaltige Nutzung erneuerbarer Ressourcen. Das neue SIA-Merkblatt trägt dieser zukunftsweisenden Anwendung von Rohstoffen in keiner Weise Rechnung. Es liegt nicht nur quer zu den Stossrichtungen im Klimaschutz und in der Reduktion des CO2-Ausstosses in der Schweiz, sondern der SIA widerspricht damit auch seinem eigenen Energieleitbild, das verlangt, den Gebäudepark Schweiz konsequent auf ein nachhaltiges Fundament zu stellen und mit der Ressource Energie intelligent umzugehen.
 
Doch der Reihe nach: Der SIA führt im Entwurf seines Merkblatts «SIA Effizienzpfad Energie» neben einer Bewertung der Grauen Energie und der CO2-Bilanz eine Beurteilung der «gesamten Primärenergie» für Baustoffe ein. Dahinter steht die an sich nicht abwegige Annahme, dass alle Materialien Energie zu ihrer Herstellung benötigen und dass auch erneuerbare Energien nicht unendlich sind. Die vom SIA vorgeschlagene Rechnung zur Primärenergie berücksichtigt jedoch die Doppelnatur von Holz als Baustoff und Energieträger nicht: Sie versucht aus dem Primärenergieinhalt beim Rohstoff ohne Differenzierung, ob es um erneuerbare oder nicht erneuerbare Energie geht, ein Mass für Nachhaltigkeit zu destillieren – was die Sachlage bei Holz zur Groteske verzerrt. Denn die im Material Holz enthaltene Sonnenenergie bleibt im Gegensatz zu allen anderen Baustoffen bis zum Schluss seines Lebenszyklus erhalten und kann dann noch durch thermische Verwertung genutzt werden. Dieser methodische Missgriff wiegt um so schwerer, als zu erwarten ist, dass die Anwender in ihren Entscheidungen mit drei Kriterien nicht sicher sein werden, weshalb sie sich in erster Linie auf die Angaben zur Gesamtprimärenergie stützen werden.
 
Das aber wäre fatal. Die Technologien zur Nutzung nachwachsender Rohstoffe sind in stetiger Entwicklung und stehen vergleichsweise am Anfang. Sie stellen ein grosses Potential für die Zukunft dar. Die positiven Effekte haben erst jetzt sozusagen die kritische Masse überschritten und beginnen im Bauwesen einigermassen zu greifen. Sie sind aber bei weitem noch nicht Allgemeingut geworden. Wenn der SIA das neue Merkblatt in der vorgesehenen Form in Kraft setzt, tut er nichts anderes, als die nachweislich positiven Effekte des Einsatzes nachwachsender Rohstoffe auszubremsen.
 
Der Beurteilungsfaktor «gesamte Primärenergie» sollte deshalb schleunigst aus dem Merkblatt «SIA Effizienzpfad Energie» verschwinden. Zumindest ist die Methodik der Berechnung bei den erneuerbaren Anteilen dahingehend anzupassen, dass der in einem Werkstoff gespeicherte Energieinhalt nicht angerechnet wird. Dieser ist mit der Anwendung des Rohstoffes Holz als Baustoff nicht verloren. Die vorgeschlagene Berechnungsmethode führt zu verfälschten Entscheidungsgrundlagen für eine Generation von Bauplanern, die eben erst begonnen hat, «Green Building» zu entdecken. Bremser gibt es genug. Wir brauchen jetzt konkrete Ansätze und Vordenker, um die Chancen erneuerbarer Energien maximal zu nutzen. Der SIA steht in der Pflicht, das Seine dazu zu tun.
 
Christoph Starck, Direktor von Lignum, Holzwirtschaft Schweiz