Eklat bei Sika - Saint-Gobain übernimmt Kontrolle

Eklat bei Sika - Saint-Gobain übernimmt Kontrolle

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Sika

Der französische Traditionskonzern Saint-Gobain will bei Sika die Kontrolle übernehmen. Die überrumpelte Führung des Schweizer Bauchemie- und Klebestoffherstellers droht mit Rücktritt. Die Franzosen aber sprechen im betriebswirtschaftlichen Jargon von "win win".

Glauben tut ihnen das vorerst offenbar kaum wer: Die Anleger liefen in Scharen davon. Der Sika-Aktienkurs verlor kräftig und notierte nach Handelsschluss um satte 22 Prozent tiefer auf 3033 Franken.

Saint-Gobain betonte das langfristige Interesse: "Es war ein rationaler Entscheid, der im Sinne ist für Mitarbeiter und Aktionäre", sagte Konzernchef Pierre-André de Chalendar am Montag vor den Medien in Zürich. Dass die Emotionen hochgingen, habe ihn überrascht. Zu ändern scheint es zunächst aber nichts. Die Vertreter des Bauriesen Saint- Gobain sprachen jedenfalls von einem "done Deal", einem gemachten Geschäft. Möglich wurde dies, weil die Sika-Gründerfamilie Burkard-Schenker gemäss unterschriebenen Verträgen ihre privilegierten Aktien an Saint-Gobain verkauft.

Stolze Prämie

Konkret veräussert die Schenker-Winkler Holding, die mit bloss 16,1 Prozent des Aktienkapitals 52,4 Prozent der Stimmrechte hielt, ihre Anteile für 2,75 Milliarden Franken an Saint-Gobain. Analysten errechneten aus diesem Preis eine Prämie von knapp 80 Prozent für die Gründerfamilie gegenüber dem letzten Aktienkurs. Die Familie sei auf Saint-Gobain zugekommen, betonte De Chalendar. Für beide Unternehmen würden sich Synergien ergeben. Beziffert werden die Kostenvorteile auf 100 Millionen Franken im zweiten Jahr, also 2017. Ab 2019 ergibt sich laut den Angaben ein Potenzial von 180 Millionen Euro jährlich. Die beiden Unternehmen seien nicht Konkurrenten, sondern ergänzten sich ideal, sagte der Chef von Saint- Gobain weiter.

Rücktritt angedroht

Bei Sika ist das Management anderer Meinung. Die Konzernleitung und die von der Gründerfamilie unabhängigen Verwaltungsräte drohten am Montagmorgen sogar mit dem Rücktritt, sobald die Transaktion abgeschlossen sei. Verwaltungsratspräsident Paul Hälg sagte in einer kurzfristig einberufenen Medienorientierung, Sika habe sich in den letzten Jahren sehr erfolgreich entwickelt. Unter dem Regime von Saint-Gobain werde Sika ihr über viele Jahre erfolgreiches Geschäftsmodell nicht weiterführen können. Die nun angepeilten Synergien seien ungleich verteilt und zu hoch angesetzt.

Die Konzernspitze wurde in die Übernahmepläne auch nicht einbezogen. "Es gab keine Anzeichen", sagte Hälg. Selbst die Schenker-Winkler Holding, über welche die Familie ihre Aktien hält, habe nichts gewusst. "Seit Freitagabend, 18.30 Uhr, weiss ich Bescheid. Das letzte Wochenende war sehr intensiv", sagte Sika- Chef Jan Jenisch.

Nicht provozieren

Gemäss einem Sprecher der Gründerfamilie wollten die Familienvertreter keine Interessenskonflikte provozieren und diskret auftreten. Eine nachhaltige Unternehmensnachfolge stehe bei dieser Transaktion im Vordergrund, sagte der Sprecher gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Saint-Gobain sei immerhin ein Traditionskonzern mit einer rund 350-jährigen Unternehmensgeschichte. Der Verkauf sei eine logische Folge aus einem Generationenwechsel, denn die weiteren Nachkommen der Familie seien in ihrem Alter und ihren Ansichten sehr unterschiedlich.

Die Transaktion muss noch von den Kartellbehörden bewilligt werden. Saint- Gobain rechnet mit einem Abschluss spätestens in der zweiten Hälfte 2015. Saint- Gobain will die neuen Kontrollverhältnisse im Sika-Verwaltungsrat abbilden, es kommt also zu einer Neubesetzung des Gremiums.

Keine Übernahmeofferte

Die Franzosen betonten, an weiteren Kapitalanteilen von Sika nicht interessiert zu sein. Eine vollständige Übernahme und damit ein öffentliches Angebot für die Drittaktionäre von Sika sind damit nicht geplant.

Für die Sika-Führung würde sich aber eine andere Situation ergeben, wenn Saint- Gobain eine Komplettübernahme anpeilen würde. "Dann würde sich eine industrielle Logik ergeben", erklärten Hälg und Jenisch. Und auf ihre Rücktrittsdrohung würden sie auch zurückkommen, sagte beide. Gemäss Analysten könnte diese das Tagesgeschäft beeinträchtigen. Auch sei nicht bekannt, was Saint-Gobain langfristig mit Sika vorhabe. Sie bewerteten die Transaktion darum eher negativ.

Bereits Sanitas Troesch übernommen

Die Führung von Saint-Gobain betonte indes, Sika erfolgreich in die Zukunft zu führen. Wohl nicht zufällig lud Saint-Gobain auch den Konzernchef von Sanitas Troesch, Michael Schumacher, an die Medienkonferenz. Das Schweizer Traditionshaus gehört seit 2005 zum französischen Konzern. "Eine dezentrale Führung mit viel Freiheiten", beschrieb Schumacher die Zusammenarbeit am Rande der Medienkonferenz gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Die Ängste und das Gefühl von Freiheitsverlust verstehe er aber sehr wohl. (sda)

Quelle: 
Sika
Sika Zürich