Einzigartig andersartig

Einzigartig andersartig

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Teaserbild-Quelle: zvg
Konkurrenzen für Bauwerke, die vor allem dem Verkehr dienen, werden häufig ohne architektonische Begleitung realisiert. Welches Potenzial in einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Planern und Statikern stecken kann, zeigt das Siegerprojekt für eine neue Brücke in Aarau. Eine grandiose Mischung aus Geschichte, Konstruktion und Architektur.
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Schon zur Römerzeit war dieser Ort des heutigen Aare-Übergangs im Mittelland mit einer Pfahlbrücke versehen. Die Lage kommt nicht von ungefähr, denn hier befindet sich eine uralte Wegkreuzung von Aaretalstrasse und den historischen Fuhrwegen zu den Jurapässen Saalhöhe, Staffelegg und Benken im Norden sowie zum Distelberg im Süden.
Im Verlauf der Jahrhunderte wurde die Brücke immer wieder neu gebaut und erhielt im Jahre 1848 ihre bisher markanteste Tragkonstruktion: Zwei monumentale Triumphtore an den Brückenenden dienten als Widerlager für die Ketten, an denen die Fahrbahn aufgehängt war. Erst 1951 wurde diese «Kettenbrücke» abgebrochen und durch ein pragmatisches Tragwerk ersetzt. Heute, rund sechzig Jahre später, steht abermals eine Erneuerung an, und der Kanton Aargau als Bauherr veranstaltete letzten Winter einen öffentlichen einstufigen Wettbewerb für Planerteams. Vor Kurzem wurden nun die Resultate der Konkurrenz vorgestellt.
 Der Veranstalter wünschte sich aber nicht nur einen Ersatz für die alte Brücke. Vielmehr sollten auch die Übergänge beidseits des Ufers neu gestaltet und gleichzeitig die alten Stützpfeiler in das neue Projekt miteinbezogen werden. Erfreulich ist auch die Tatsache, dass der Kanton Aargau explizit auch ein Projekt akzeptieren wollte, das sich nicht in erster Linie über den finanziellen Aspekt definiert: «Die Bauherrschaft ist bereit, für ein gesamthaft qualitativ überzeugendes Projekt, Baukosten über dem denkbaren Minimum zu akzeptieren» (Auszug aus der Wettbewerbs-Ausschreibung).

Eindeutiger Sieger

Knapp 20 interdisziplinäre Teams bestehend aus Architekten, Ingenieuren und Landschaftsarchitekten reichten fristgemäss ihre Vorschläge ein. Nach Prüfung und Beratung aller Objekte durch die zehnköpfige Jury* unter dem Vorsitz von Matthias Adelsbach, stellvertretender Kantonsingenieur, wurde das Projekt «Pont Neuf» der Arbeitsgemeinschaft Christ & Gantenbein (Architekten), Henauer Gugler, (Ingenieure und Planer), Walther Mory Maier (Bauingenieure) und August Künzel (Landschaftsarchitekt) einstimmig zum Sieger gekürt. Und dies, obwohl «Pont Neuf» die höchsten Baukosten aller Preisträger erwarten lässt. Daneben vergab die Jury fünf weitere Preise.

Tradition und Moderne

Das Siegerprojekt besticht nicht nur durch seinen atmosphärischen Ausdruck (die Autoren bezeichnen ihren Entwurf als «romantisches Tragwerk»), sondern vor allem auch durch seine herausragende Einbindung in die Situation. Christ & Gantenbein liessen sich bei ihrem Entwurf stark durch einen alten Torbogen inspirieren, der das Bindeglied zwischen Brücke und Aarauer Altstadt bildet, den sogenannten Zollrain. Die neue Kon-
struktion, die weder federleicht noch tonnenschwer erscheint, zeichnet die Figur des mächtigen Zollrain-Torbogens in fünf neuen Segmenten nach und interpretiert sie neu. So verbindet sich das Bauwerk «Pont Neuf» kongenial mit dem historischen Zollrain und beide zusammen bilden eine spannende, gestalterische Einheit.

Ein Kind unserer Zeit

Zwar erscheint der «Pont Neuf» auf den ersten Blick als monolithische Konstruktion, doch verweisen die Durchbrüche bei den vier neuen Pfeilern auf eine moderne Schalenbauweise aus Beton. Die Bogen bestehen aus einer Druckplatte, vier Längswänden und der im Scheitel mit den Bogen verschmelzenden Fahrbahnplatte. Aus demselben Material wollen die Sieger auch die flankierenden Rampen beidseits der Brückenköpfe bauen. Das erscheint theoretisch schlüssig, in der vorgeschlagenen Dimensionierung aber eine Spur zu mächtig. Im Bericht stellte sich die Jury denn auch die Frage, ob die ausdrehenden Rampenmauern nicht wie schwere Bollwerke gegen die Stadt wirken. Dieser Einwand scheint gerechtfertigt, wenn man sich die Visualisierung der Architekten anschaut (vorherige Doppelseite). Weiter werfen die Juroren die Frage auf, welchen Eindruck die Oberfläche der realisierten Brücke hervorrufen wird. Auf die Beantwortung dieser Fragen darf man gespannt sein, denn das Potenzial des Entwurfes scheint noch nicht ausgereizt zu sein. Thomas Staenz
 
*Mitglieder der Jury waren als Vertreter des Kantons Rolf H. Meier, Kantonsingenieur; Matthias Adelsbach, stellvertretender Kantonsingenieur; Beat von Arx, Sektionsleiter Brücken und Tunnel; für die Stadt Aarau Stadträtin Jolanda Urech und Stadtbaumeister Felix Fuchs sowie der Zürcher Ingenieur Prof. Dr. Peter Marti, der Aarauer Architekt Prof. Dr. Martin Steinmann, der Zürcher Landschaftsarchitekt Rainer Zulauf, der Churer Bauingenieur Jürg Conzett und der Basler Städteplaner Prof. Peter Degen.
 
 
 
Nachgefragt bei Matthias Adelsbach, stellvertretender Kantonsingenieur 
Bild entfernt.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wie gefällt Ihnen das Siegerprojekt?
Mir gefällt das Projekt sehr. Zugegeben, es brauchte bei mir eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Entwurf, auch im Vergleich zu den anderen Projekten. Das liegt sicher daran, dass diese Brücke durch ihre Formensprache überrascht. Auch aus ingenieurtechnischer Sicht erachte ich den Brückenentwurf als gelungen. Diese Brücke ist nicht nur eine bautechnische Lösung, um in Aarau das Queren der Aare zu ermöglichen, sondern es ist ein sehr eigenständiges Bauwerk. Es nimmt Bezug auf die örtlichen Verhältnisse mit der Zollrainrampe zur Altstadt hin und die angrenzenden Uferwege werden geschickt mit einbezogen. «Pont Neuf» ist speziell und hat das Potenzial, ein Wahrzeichen für Aarau zu werden.
 
Gab es noch einen anderen Favoriten für den Sieg?
Am Schluss hatte die Jury sechs, teilweise sehr unterschiedliche Projekte für die Rangierung ausgewählt. Das Siegerprojekt hob sich besonders stark von den anderen Projekten ab und im direkten Vergleich kamen die Jurymitglieder immer wieder auf «Pont Neuf» zurück. Von daher stand dieses Projekt sicherlich beim Entscheid im Vordergrund.
 
Ab wann dürfte Ihrer Einschätzung nach Autos und Fussgänger zum ersten Mal die neue «Kettenbrücke» queren?
Das Projekt wird nun vom Siegerteam weiterbearbeitet. Anschliessend müssen im Kanton Aargau und bei der Stadt Aarau die politisch notwendigen Entscheide über die Finanzierung getroffen werden. Es ist unser Ziel, dass die neue Brücke ab 2015 den Verkehrsteilnehmenden zur Verfügung steht. (tst)
 

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