«Eine wunderbare Zukunftsperspektive»

«Eine wunderbare Zukunftsperspektive»

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«Neue Geschäftsfelder dank Nachhaltigkeit» – der 9. Baukongress, zu dem die Docu Media Schweiz GmbH am 9. November in das KKL Luzern einlädt, steht ganz im Zeichen der Ökologie. In dieser und der übernächsten «baublatt»-Ausgabe werden die Referenten vorgestellt.
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Die Ausstattung der Dächer mit Sonnenkollektoren ist eine von vielen nachhaltigen Lösungen.
 
Namhafte Referenten aus Wirtschaft, Architektur und Politik beleuchten am Baukongress die unterschiedlichen Aspekte nachhaltiger Projekte und interpretieren diese aus ihrer Sicht. Sie schaffen so ein Verständnis für die diversen Facetten der Nachhaltigkeit und zeigen auf, welche Bedürfnisse die Wirtschaft heute wie morgen berücksichtigen sollte. Das «baublatt» hat nachgefragt: Wer sind die Referenten?
 
Professor Dr. Gerhard Girmscheid, Leiter Institut für Bauplanung und Baubetrieb, ETH Zürich, moderiert den Kongress.
Thema seines Referats: «6. Kondratiew Zyklus: Energie – Umwelttechnik – Herausforderungen und Chancen für Planer und Unternehmen der Bauwirtschaft.»
 
Wie leben Sie Nachhaltigkeit persönlich?
Gerhard Girmscheid: Bei der Wahl der Verkehrsmittel strebe ich eine vernünftige zielorientierte Nutzung an und reise viel mit der Bahn. Da sich das Autofahren nicht ganz vermeiden lässt, habe ich mir einen Mittelklassewagen gekauft, der im Durchschnitt bloss fünf Liter auf 100 Kilometer verbraucht. Ich versuche, wo es möglich ist, Produkte aus meinem Umfeld zu konsumieren. Und fürs Händewaschen verwende ich kaltes Wasser, um unnötige Heizenergie zu sparen. Da ich in meiner Wohnung gute Fenster habe, lässt sich diese im Winter bei schönem Wetter durch die Sonne heizen. Ich bin allerdings kein Grüner, der in Filzpantoffeln und Wollsocken umhergeht. Nein, es geht mir um die rationale vernünftige Nutzung meiner Umwelt.
 
Welchen Bezug haben Sie zum Thema Nachhaltigkeit im Baugewerbe?
Das ist das Leitbild und Kernthema unserer Forschung! Wir entwickeln mit Unternehmen und Bauherren zusammen neue Geschäftsmodelle, erarbeiten lebenszyklische Leistungsangebote und erstellen Risikoanalysemodelle für Hochbau und Infrastruktur. Zum Beispiel haben wir für die Astra ein Entscheidungsmodell entwickelt, das aufzeigen soll, welche Instandsetzungsmassnahmen für die Nationalstrassen bei einem gegebenen Nutzungsstandart der Strasse getroffen werden müssen, um ein Optimum für die Nutzer, die Unternehmung und die Natur herausholen zu können.
 
Ist konsequente Nachhaltigkeit für Konsumenten überhaupt bezahlbar oder braucht es Lenkungsmassnahmen der Politik?
Bei Neubauten ist die Nachhaltigkeit sicher bezahlbar. Was wir erkennen müssen ist, dass sich in den nächsten 20 Jahren die Energiepreise vor allem wegen des Bevölkerungswachstums vervielfachen. Es braucht Lenkungsmassnahmen der Politik damit wir bei den bestehenden Gebäuden den Paradigmenwechsel schaffen, von Energienutzung hin zu energiesparender und -erzeugender Haustechnik. Noch brauchen wir rund 50 Prozent der fossilen Energie für die Gebäudeheizung.
 
Ausblick in die Zukunft: Halten wir in 50 Jahren nach wie vor Kongresse über die Nachhaltigkeit ab, oder ist sie bis dann zur Selbstverständlichkeit geworden?
Die Nachhaltigkeit wird sicherlich noch ein Thema sein. Entweder haben wir bis dahin die Wirtschaft und den Konsum umgestellt, oder wir haben eine Katastrophe. Nicht nur eine klimatische sondern auch eine, in der die Ressourcen hart umkämpft sein werden. Je autarker die Ressourcen, umso stabiler ist unser politisch-wirtschaftliches System, auch nach aussen.
 
Alec von Graffenried, Direktor Nachhaltige Entwicklung, Losinger Construction AG, Bern.
Sein Thema: «Wann lohnt sich Nachhaltigkeit im Hochbau?»
 
Wie leben Sie Nachhaltigkeit persönlich?
Alec von Graffenried: Wie viele andere auch versuche ich, mein Leben so nachhaltig wie möglich zu gestalten: Wenn immer es geht, fahre ich Velo. Für lange Strecken benutze ich den ÖV, zudem planen wir zur Zeit eine Sanierung unseres fast 100-jährigen Reihenhauses. Darüber hinaus versuche ich aber auch, meinen Konsum nachhaltig zu gestalten: wir kaufen das Meiste aus biologischer oder Fairtrade-Produktion, für die Ferien verzichten wir in der Regel auf Flugreisen und zusätzlich möchte ich meinen Fleischkonsum reduzieren. Das tönt aber immer so negativ und einschränkend. Ich versuche die Nachhaltigkeit immer als Bereicherung zu sehen. So leiste ich auf dem Arbeitsweg per Velo immer auch etwas für meine Fitness und geniesse die Zeit an der frischen Luft. Das ist win-win-win und keine Einschränkung.
 
 
Welchen Bezug haben Sie zum Thema Nachhaltigkeit im Baugewerbe?
In unserer Firma Losinger-Marazzi haben wir das nachhaltige Bauen zu unserer Innovationsstrategie erklärt. Ein Schwerpunkt bildet zur Zeit die Entwicklung von eigentlichen «Ökoquartieren» in Zürich, Lenzburg und in Gland am Genfersee. Ein zweiter Schwerpunkt betrifft die Beurteilung und Anwendung der Nachhaltigkeitslabels wie Minergie Eco, aber auch von ausländischen Labels wie Leed oder DGNB.
 
Ist konsequente Nachhaltigkeit für Konsumenten überhaupt bezahlbar, oder braucht es Lenkungsmassnahmen der Politik?
Kurzfristig kann nachhaltiges Bauen mit Mehrkosten verbunden sein. Über den Lebenszyklus betrachtet jedoch sind nachhaltige Lösungen in der Regel günstiger. Die Politik muss die nötigen Anreize schaffen, damit diese langfristige Rendite bereits heute abgeholt werden kann.
 
Was erhoffen Sie sich von dem Kongress?
Die «Nachhaltigkeit» ist heute zu einer leeren Floskel verkommen. Gerade für die Bauwirtschaft kann das Konzept der Nachhaltigkeit aber eine wunderbare Zukunftsperspektive eröffnen. Ich hoffe, dass diese Chancen am Kongress für alle erkennbar werden.
 
Dr. Christian Kraft, Senior Economist, CS Economic Research, Zürich.
Thema: «Megatrend Nachhaltigkeit: Chancen für neue Geschäftsfelder.»
 
Wie leben Sie Nachhaltigkeit persönlich?
Ganz allgemein versuche ich, wenn möglich, abzuschätzen, wie sich heutige Entscheidungen in der langen Frist auf mich und meine Umwelt auswirken. Vieles beginnt aber im Kleinen und braucht gar keine bewusste Entscheidung. Produkte aus der Region sind zum Beispiel frischer als solche, die einen langen Transportweg hinter sich haben. Und das Auto lässt man besser stehen, weil das Fortkommen damit immer mühsamer wird.
 
Welchen Bezug haben Sie zum Thema Nachhaltigkeit im Baugewerbe?
Das Thema Nachhaltigkeit ist ein Teilaspekt der Baumarkt- und Immobilenanalyse. Rund 45 Prozent des hiesigen Energieverbrauches entfällt auf den Gebäudebestand. Entsprechend gross ist das Einsparungspotenzial mittels Steigerung der Energieeffizienz. Zudem sollte sich eine Immobilie aufgrund ihres langen Lebenszyklus möglichst an zukünftig veränderte Rahmenbedingungen anpassen lassen. Energieeffizienz und langfristige Flexibilität von Liegenschaften lassen sich jedoch ohne nachhaltige Bauleistungen und Produkte nicht realisieren.
 
Welchen Aspekt des breiten Themenfeldes Nachhaltigkeit werden Sie in Ihrem Referat beleuchten?
Das Referat erläutert die Entwicklung des Themas zum Megatrend und die Implikationen für die Schweizer Bauwirtschaft. Die Nachhaltigkeit ist zweifelsfrei in aller Munde. Faktisch konzentriert sich die Nachfrage nach entsprechenden Bauleistungen jedoch stark auf den Neubau. Der Hebel für neue Geschäftsfelder liegt im Gebäudebestand, dessen «Renovationsstau» sich aber nur sehr zögerlich auflöst. Das Referat zeigt auf, was passieren müsste, damit sich die Nachhaltigkeitswelle auch im Bestand schneller ausbreitet.
 
Ist konsequente Nachhaltigkeit für Konsumenten überhaupt bezahlbar, oder braucht es Lenkungsmassnahmen der Politik?
Die bereits weite Verbreitung von Nachhaltigkeitsaspekten bei Lebensmitteln und Konsumgütern beweist die Bezahlbarkeit bereits jetzt. Politische Massnahmen können gerade vor der Etablierung Impulse setzen. Der massentaugliche Durchbruch muss Innovationen aber selbst gelingen. Dazu gehört auch ein ansprechendes Preis-Leistungsverhältnis. Ein gutes Beispiel dafür ist das 1999 von Volkswagen eingeführte Drei-Liter-Auto, das wenig Auto für viel Geld bot und sich nur schwer absetzen liess. Heute finden sich diese Motoren jedoch weiterentwickelt in vielen Autos wieder. Sie verbrauchen zwar wohl etwas mehr als drei Liter, zeigen mit ihrem Erfolg aber auch, dass Nachhaltigkeit praxistauglich sein muss und kann.
 
Ausblick in die Zukunft: Halten wir in 50 Jahren nach wie vor Kongresse über die Nachhaltigkeit ab, oder ist sie bis dann zur Selbstverständlichkeit geworden?
Viele Aspekte der Nachhaltigkeit werden bei uns zur Selbstverständlichkeit geworden sein. Das Augenmerk in Sachen Nachhaltigkeit wird sich zukünftig stärker auf jene Länder richten, die einen wachsenden Anteil der weltweit knappen Ressourcen für ihren wirtschaftlichen Aufstieg benötigen.
 
Interviews: Michael Hunziker