Eine Kirche steht Kopf

Eine Kirche steht Kopf

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Teaserbild-Quelle: Foto: Esteban Suarez
Das junge mexikanische Büro Bunker Arquitectura baute ein kleines Mausoleum hoch über der Bucht von Acapulco. Baublatt sprach mit Architekt Esteban Suárez über den „ungestümen Felsbrocken“ und die „bedrohte Tierart“ sakrale Bauten.
 
 
Mit verspielten Winkeln und dennoch nüchtern thront die Sunset Chapel von Bunker Arquitectura über dem Pazifischen Ozean. Trotz ihrer relativ bescheidenen Grösse (120 Quadratmetern Grundfläche, 12 Meter hoch) und ihres jungen Alters (Fertigstellung Februar 2011), wurde der Kapelle bereits Einiges an Aufmerksamkeit zu teil. Dies liegt neben ihrer aussergewöhnlichen Form auch an ihren Schöpfern, die mit ihren unkonventionellen Ideen immer wieder für mediales Aufsehen sorgen: So planten die Architekten schon mal eine drei Kilometer lange bewohnte Brücke, die die Bucht von Acapulco überspannen soll oder einen 300 Meter «tiefen» Wolkenkratzer, den sie als Pyramide im historischen Zentrum von Mexico City in den Boden zu setzen gedenken.
 
Wir wollten mehr über die spezielle Kapelle und die Ideen dahinter wissen und fragten bei Esteban Suárez nach, der das Büro Bunker Arquitectura 2005 gründete und mit seinem Bruder Sebástian in Mexico City führt.

Was war die schwierigste Aufgabe in diesem Projekt?

Esteban Suárez: Die Hauptaufgabe des Projektes war es, ein Mausoleum für einen privaten Krypten-Garten zu schaffen. Die Kapelle befindet sich zuoberst auf einem Hügel, von dem man die Bucht von Acapulco überblicken und die berühmten Sonnenuntergänge geniessen kann. Unser Kunde wollte, dass der Innenraum der Kapelle vollen Nutzen aus der spektakulären Aussicht schöpft und dass wir den Altar zum Sonnenuntergang hin ausrichten. Weil ein grosser Felsen den Ausblick verstellte, erhöhten wir das Niveau der Kapelle auf fünf Meter; das kommt auch der bestehenden Vegetation zu Gute. Die Achse des Kreuzes orientiert sich nach dem Äquinoktium (Tag-und-Nacht-Gleiche, Anm. der Red.). So geht die Sonne zweimal im Jahr genau hinter dem Altarkreuz unter.

Was war Ihre Quelle der Inspiration?

Das Ungetüm von einem Felsen, das wir auf dem Gelände gefunden haben, war die wichtigste Quelle der Inspiration. Die Hügel von Acapulco bestehen aus riesigen aufeinandergestapelten Granitfelsen. In einem rein mimetischen Versuch wollten wir die Kapelle wie ein anderer riesiger Felsbrocken als Höhepunkt des Hügels gestalten. Die Neigung der Kapelle reagiert auf die Neigung des Felsens vor ihr. Sie ist im ständigen Dialog mit ihrer natürlichen Umgebung.

Wie kamen Sie auf das Design, Form und Material?

Wir betrieben viele aufwendige Versuche, um die Kapelle wie ein riesiger Felsen erscheinen zu lassen. Während der formalen Übungen hielten wir jedoch an ein paar Design-Prämissen fest. So sollte etwa der Altar die besagten fünf Metern über dem Boden geplant werden, um die Aussicht zu gewährleisten; die Grundfläche des Gebäudes ist halb so gross wie die obere Etage; der Zugang der Kapelle soll wie ein riesiger Riss in dem Findling aussehen; die Neigung der Bänke sind so zu gestalten, dass jeder den Sonnenuntergang geniessen kann und eine Gitterwand auf Niveau des Altars soll die spektakuläre Aussicht eröffnen. Aufgrund des geringen Wartungsaufwandes, der hohen Lebensdauer und der Farbe und Formbarkeit wegen, wählten wir Beton als Material. Die umliegenden Felsen sind ja ebenfalls grau.

Dies ist Ihre zweite Kirche. Was ist Ihr persönliches Verhältnis zur Religion?

Ich bin ein sehr religiöser Mensch, aber nicht in einer institutionellen Art und Weise. Die Natur war immer meine loyalste Religion. Ich glaube, dass viele der Probleme in der Welt durch Zusammenstösse von institutionellen religiösen Überzeugungen entstehen.
 

Wie haben sich die Anforderungen für sakrale Gebäude geändert?

Die Rolle, die Sakralbauten heute in der Architektur spielen, hat sich komplett geändert. In der Vergangenheit gingen solche Projekte Hand in Hand mit der architektonischen Avantgarde und den Innovationen der Bautechniken. Nehmen Sie zum Beispiel gotische Kathedralen. Die repräsentierten, was die Konzeption von religiösen Gebäuden und den Ingenieurbau betrifft, einen grossen Sprung vorwärts. Sakralbauten sind heute wie eine bedrohte Tierart, die schliesslich verschwinden wird. Für zeitgenössische Architekten ist es sehr schwer, zu religiösen Aufträgen zu kommen.

In wiefern spiegelt sich der Zeitgeist in der Sunset Chapel?

Im Sinne, dass es sich bei unserer Kapelle nicht um ein institutionelles religiöses Gebäude handelt. Es ist eine ökumenische Kapelle für einen privaten Auftraggeber, ein Privatunternehmen. Unser Kunde gab uns eine Carte Blanche in Sachen Design und das Programm war sehr einfach. Wir hatten totale Freiheit für unsere formalen Erkundungen, was bei dieser Art von Architekturaufträgen nicht sehr häufig ist.
von Michael Hunziker