Ein XXL-Bauwerk für grosse Tiere

Ein XXL-Bauwerk für grosse Tiere

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Teaserbild-Quelle: stg

Für 28 Millionen Franken wird im Zoo Basel eine neue Elefantenanlage mit einem grosszügigen Haus gebaut. Suhlen, Bäder, Kunstfelsen und Grüninseln sollen den Riesen zu mehr Bewegung und Beschäftigung verhelfen. Mit 5000 Quadratmetern steht ihnen künftig mehr als die doppelte Fläche zur Verfügung.

Die Elefantendamen Rosy, Maya, Heri und Malayka scheinen die Bauarbeiten gelassen zu nehmen. Sie knabbern an Ästen, heben den Rüssel, trotten über den Platz und werfen hin und wieder einen neugierigen Blick in das alte Elefantenhaus. Rings um die Anlage ragen Baugerüste, Betonwände und Krane in die Höhe. An den Rändern lagern Berge von Baumaterialien. Ein Betonsilo versperrt teilweise den Blick von der Terrasse des Zoo-Restaurants auf das bisherige Zuhause der Dickhäuter.

Die vier Afrikanischen Elefanten im Zoo Basel haben in dieser Zeit häufig ein schweres Leben. Denn starke Erschütterungen und grossen Lärm schätzen die Tiere nicht. «Wir versuchen, beim Bauen Rücksicht auf die Tiere zu nehmen», sagt Projektleiterin Heidi Rodel. Nach Möglichkeit würden lärm- und erschütterungsarme Arbeitsverfahren gewählt. Im Basler Tiergarten mit seiner vergleichsweise kleinen Fläche von elf Hektaren ist der Platz knapp. Der Grossteil des Areals befindet sich im Basler Stadtquartier Bachletten am Fluss Birsig. Im Süden stösst der Zoo an die Baselbieter Gemeinde Binningen «Wir müssen laufend um die Elefanten herum bauen», erklärt Rodel. «Während der ganzen Bauzeit muss den Tieren ein Haus und Aussenanlagen zur Verfügung gestellt werden.» Deshalb sei eine enge Zusammenarbeit zwischen den Tierpflegern und den Bauverantwortlichen wichtig.

Wegen der engen Verhältnisse im Basler Zoo nehmen die Bauarbeiten für die rund 28 Millionen Franken teure Elefantenanlage rund drei Jahre in Anspruch. Im November 2013 wurde mit dem Bau gestartet. Das neue Haus für die Afrikanischen Elefanten wird voraussichtlich im Frühling 2016 fertiggestellt, während die Bauzeit für die Aussenanlage noch bis Ende 2016 andauert.

Auslaufhalle mit Bad

Mit dem Elefantenpark entsteht ein Bauwerk der Grössenkategorie XXL. Rund 5000 Quadratmeter misst das neue Gehege – das 2,6-Fache des heutigen Lebensraums. Die gesamte Anlage mit den für die Rüsseltiere nicht zugänglichen Teilen wie Rabatten und Logistikbereich erstreckt sich über 10 000 Quadratmeter. Das neue dreistöckige Elefantenhaus weist eine Geschossfläche von 2800 Quadratmetern und ein Gebäudevolumen von 17 300 Kubikmetern auf.

Neben den Boxen findet sich im Erdgeschoss eine 500 Quadratmeter grosse Auslaufhalle mit einem Bad. Hier kann sich die Herde bei kalter Witterung frei bewegen. Die Zoobesucher können die grauen Riesen von zwei Etagen aus ­beobachten. Das oberste Geschoss wird als Heulager genutzt. Daraus soll der Heu- und Stroh­bedarf des ganzen Zoos gedeckt werden. Das bereits seit einiger Zeit im Rohbau vollendete neue Gebäude wird entlang der Zoomauer errichtet. Das alte Elefantenhaus, das quer im Zoo steht, wird nach dem Umzug in den Neubau abgebrochen. «Dadurch gewinnen wir Platz», erklärt Hedi Rodel. Das Zuhause des Elefantenbullen Yoga wurde schon zu Beginn der Bauarbeiten abgerissen, weil an seinem Standort das neue Haus entsteht. Yoga wurde deshalb im Zoo Boras in Schweden untergebracht. Die vier Elefantenkühe bleiben dagegen während der ganzen Bauzeit im Zolli, wie der Tierpark von der Basler Bevölkerung liebevoll genannt wird.

Die Bauarbeiten für die neue Bullen-Aussenanlage sind bereits weit gediehen: Der begehbare Graben, das Badebecken, die Suhle, einige Futterstellen, der künstliche Affenbrotbaum und die Kunstfelsen sind fertig. Als nächster Schritt wird die Bullenanlage mit unterschiedlichen Bodensubstraten, Wasser, Totholz und Pflanzen ver­sehen und darauf den Kühen zur Verfügung ­gestellt. Von der zweiteiligen Aussenanlage der Elefantendamen ist zurzeit etwa das Badebecken zu sehen.

«Immer in Bewegung»

Für das Baumanagement zeichnet die Dietziker Partner AG verantwortlich, für die Architektur Peter Stiner und für die Landschaftgestaltung das Studio Vulkan. An der Schnittstelle von Tierhaltung und Bau ist Heidi Rodel für die Projekt­leitung verantwortlich. Die promovierte Biologin war zunächst im technischen Umweltschutz und danach in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, bevor sie 2003 beim Basler Zoo Verantwortliche für die Zooentwicklung und die Leitung von Bauprojekten wurde.

«Tembea» heisst die neue Elefantenanlage. Das ist Suaheli und heisst so viel wie «immer in Bewegung». Der Name ist Programm: Die Tiere sollen sich hier über weitere Strecken als bisher bewegen können. Das entspricht ihrem natürlichen Verhalten. Über 80 Futterstellen in verschiedenen Ausführungen werden für die Elefanten bereitgestellt. In den Boxen und Raufen werden die Tiere zu wechselnden Zeiten unterschiedlichste Nahrung vorfinden. Wie in der Natur werden sie für ihr Futter arbeiten müssen. Sei es, indem sie Heu, Stroh oder Gras mit ihrem Rüssel durch feine Maschen zupfen oder sich strecken, damit sie an hoch oben hängende Heunetze oder Astbündel herankommen. Die Zeiten, als die Wärter das Essen ausschliesslich im Futtertrog verteilten, gehören der Vergangenheit an.

Elefanten streifen nicht nur zur Futter- und Wassersuche umher, sondern auch um Partner zu finden. Ausgewachsene Bullen sind Einzelgänger, schliessen sich aber Herden an, wenn brünstige Kühe dabei sind. Die neue Anlage im Basler Zoo ist deshalb mehrfach unterteilbar. So können die Tiere jederzeit zusammengeführt oder getrennt werden, und es entstehen täglich wechselnde Wanderrouten. Die Aussenanlagen sind durch Schatten spendende Grüninseln, Poller und Seile unterteilt, und die Elefanten haben auch die Möglichkeit, sich vor den Artgenossen und den Besuchern zurückziehen. Seile, Poller, Bodenbeläge, Trainingswände und Tore testeten die Elefanten bereits in der alten Anlage. «Wir haben viele Elemente ein Jahr lang erprobt», sagt Heidi Rodel.

Mit Beobachtungsplattform

Für das Publikum wird rund um die Anlage ein neuer Weg angelegt, der auch durch das Elefantenhaus mit der Freilaufhalle führt. Einen besonderen Blick auf die naturnah gestaltete Savannenlandschaft der Aussenanlage wird eine von Bäumen umgebene Beobachtungsplattform eröffnen. Von hier aus können die riesigen Vegetarier bei der Futtersuche, beim Baden und bei der Körperpflege beobachtet werden. Auch das soeben für rund 20 Millionen Franken umgebaute Zoo-Restaurant bietet eine freie Sicht auf die Elefantenanlage.

Im neuen Gehege sollen auch andere Tierarten angesiedelt werden. Perlhühner und Störche werden in den Aussenanlagen leben. Im neuen Elefantenhaus sind Terrarien für Wanderratten und Ernteameisen geplant. Im Heulager und an seinen Wänden entstehen Nistgelegenheiten für einheimische Zugvögel wie Schwalben und Segler. Auch Quartiere für Fledermäuse sollen geschaffen werden.

Der Zoo nutzt die neue Anlage auch für ein Experiment: Das Gehege der Geparde wird mit dem Lebensraum der Elefanten verbunden. Die Raubkatzen können durch einen kleinen Tunnel in die neue Elefantenanlage schlüpfen, wenn ihnen der Sinn danach steht. Gefährlich kann das höchstens für die Geparde werden, denn sie könnten von einem Elefanten zerdrückt werden. Ob sie sich überhaupt in die Nähe der Riesen wagen, ist deshalb fraglich.

Finanziert wird die neue Elefantenanlage durch Spenden und Mittel aus zweckbestimmten Nachlässen. Von den benötigten 28 Millionen Franken sind inzwischen rund 25 Millionen Franken beisammen. Weil die Elefanten zu den Publikumslieblingen gehören, ist der Zoo zuversichtlich, das Geld zusammen zu bekommen. Er liess sich dafür eine besondere Aktion einfallen. In Basel soll ein Patenschafts-Weltrekord aufgestellt werden, der in das Guinness-Buch Eingang findet. Kinder und Erwachsene können ihre Sympathie für «Tembea» ausdrücken, indem sie für einen oder zwei Fünfliber Pate werden. Über 12 000 Patenschaften sind schon abgeschlossen worden.

Wechsel zum geschützten Kontakt

Die heutige Elefantenanlage ist 1953 eröffnet worden. 1985 wurde sie um einen Stall für den Elefantenbullen mit eigener Aussenanlage erweitert. Der Bau der neuen Anlage wurde zum einen notwendig, weil das bestehende Tierhaus in die Jahre gekommen ist. Zum anderen sollen die Voraussetzungen für eine zeitgemässere Form der Elefantenhaltung nach den neuesten Erkenntnissen geschaffen werden. Das Ziel ist es, die Tiere stets in der Herde zu halten und ihnen zu mehr Bewegung und Beschäftigung zu verhelfen. In der Tierpflege wird gleichzeitig zum sogenannten geschützten Kontakt gewechselt. Die Elefantenpfleger haben nur noch über eigens entwickelte Schranken Kontakt zu den Tieren und arbeiten im Training ausschliesslich mit Belohnungen.

Auf bestimmte Kommandos reichen die Elefanten etwa einen Fuss für die Pflege von Nägeln und Fusssohlen durch eine Lücke im Eisengitter, das Mensch und Tier trennt. Oder sie halten das Ohr zur Blutentnahme für einen Gesundheitscheck hin. Ein Bambusstab dient dem Pfleger als verlängerter Arm. Dabei bleibt es den Tieren immer freigestellt, ob sie mitmachen wollen oder nicht. Der Elefantenpfleger soll in Zukunft nicht mehr in die Gruppenhierarchie eingreifen und die Rolle des Alphatiers übernehmen.

Die Elefanten erhalten grössere Freiheiten und können mehr nach ihren Regeln leben und ihr eigenes, natürliches Sozialgefüge entwickeln. Die Abkehr vom direkten Kontakt erhöht auch die Sicherheit der Tierpfleger bei der Arbeit im Gehege. Immer wieder ereignen sich schwere Unfälle mit Elefanten. Ein Misstritt des rund vier Tonnen schweren Vierbeiners kann reichen, um einen Pfleger zu Boden zu werfen oder ihn gegen die Wand zu quetschen.

Mit der Eröffnung der neuen Anlage wird auch wieder ein Elefantenbulle zur Herde stossen. Sogar zwei Bullen können im Gehege gehalten werden. Die Anlage ist auf sechs erwachsene Elefanten und ein bis zwei Jungtiere ausgelegt. Die Zoo-Verantwortlichen hoffen denn auch auf baldigen Nachwuchs. In Basel erblickte 1992 letztmals ein Elefantenbaby das Licht der Welt. Der kleine Bulle Pambo verzauberte damals ganz Basel. (stg)

Aus dem Baublatt Nr. 34 vom 21. August