Ein Werkzeug für intelligente Ortsplanung

Ein Werkzeug für intelligente Ortsplanung

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Teaserbild-Quelle: Andreas Dusslinger
Für die Gemeinde Steinhausen im Kanton Zug sind Ökologie und intelligente Ortsplanung seit langem wichtige Themen. Deshalb setzt die Kommune auf modernste Analyseinstrumente wie den Baukostenplan Hochbau von CRB,um den Optimierungsbedarf bei älteren Gebäuden zu ermitteln.
Andreas Dusslinger
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Andreas Dusslinger
Verdichtete Wohnüberbauung


Steinhausen ist zwar flächenmässig die kleinste Gemeinde des Kantons Zug, steht mit knapp 9000 Einwohnern aber an vierter Stelle. Die dichte Bebauungsstruktur hat ihre Ursprünge in den 50er-Jahren. Bereits 1954 hat Steinhausen eine intelligente Ortsplanung mit einem Zentrum und unterschiedlichen Zonen eingeführt. «Der Kanton Zug hat die Gemeinden erst 1970 bei der Einführung des Baugesetzes zu umfassenden Ortsplanungen verpflichtet», weiss Marcel Blättler, Leiter der Bauabteilung in Steinhausen. Die Arealbebauung, bei der mit wertvollen Landflächen haushälterisch umgegangen wird, ist ein Zeichen für das nachhaltige Denken der Gemeinde. Dass sich Steinhausen für langfristig sinnvolle Lösungen einsetzt und den Umweltgedanken mit hoher Priorität pflegt, wird durch die Auszeichnung als Energiestadt bestätigt.

Das Ganze betrachten

Seit Beginn der 90er-Jahre ist Ökologie ein wichtiges Thema der Gemeinde. Und schon lange werden nicht mehr nur die Einzelteile, sondern das Ganze eines Gebäudes oder eines Infrastrukturbaus betrachtet. Je nach Situation wird zum Beispiel eine anstehende Dachsanierung noch etwas hinausgeschoben, damit später bei einer Gesamtsanierung das ganze Objekt miteinbezogen werden kann. Die wirtschaftlichen Zyklen werden in Steinhausen ebenfalls berücksichtigt. Auch jetzt werden die Entwicklungen beobachtet, um zum richtigen Zeitpunkt mit antizyklischen Impulsen die Bauwirtschaft zu unterstützen. Steinhausen ist gerade dabei, ein sehr grosses Neubau- sowie ein grosses Sanierungsprojekt anzugehen.

Umgang mit dem Gebäudebestand

Ein aktuelles Thema ist hier, wie mit einem alten Gebäude umgegangen wird, das wärmetechnisch, aber auch aus architektonischer Sicht nicht mehr dem heutigen Stand entspricht. Ein Mehrfamilienhaus aus den späten Fünfzigern gab Anlass für eine Studie. Neben den herkömmlichen Vorgaben wie der Analyse der Raumeinteilung, dem Erreichen des Minergie-Standards und der Berechnung der Rendite wurde auch ein Vergleich der Varianten Erneuerung oder Neubau, eine Gesamtbetrachtung der Grauen Energie, der Umweltbelastung und der Treibhausgasemission durchgeführt. «Eine solch umfassende Gesamtbetrachtung machen wir von uns aus für jedes Projekt», sagt Manfred Huber, Architekt und Geschäftsführer des Architekturbüros «aardeplan» in Baar.

Analyse mit eBKP-H

Aardeplan hat das Gebäude analysiert und mehrere Varianten für den Um- oder Neubau untersucht. Für diese Aufgabe kam die neue Schweizer Norm (SN 506 511) Baukostenplan Hochbau eBKP-H zum Einsatz, die im Mai 2009 publiziert wurde. Das neue Arbeitsmittel scheint sich bestens zu bewähren. Manfred Huber ist begeistert von der Schnelligkeit, mit der entwurfsrelevante Aussagen getroffen werden können. Marcel Blättler ist aus der Sicht des Bauherrn erfreut über die umfangreiche Auswertung, die mit dem eBKP-H bereits in einer sehr frühen Phase möglich ist. Sie liefert ihm die nötige Grundlage für eine fundierte Entscheidungsfindung.
 
Wer damit rechnet, dass ein Abbruch des bestehenden Gebäudes und ein Ersatzneubau auf energetischem Höchstniveau für die Umwelt das Beste sei, könnte sich täuschen. Die Analyse hat gezeigt, dass in diesem Fall die Erneuerung bezüglich Grauer Energie, Umweltbelastung und Treibhausgasemission besser dasteht, weil die bestehenden Strukturen des Gebäudes weiterhin genutzt werden können. Und obwohl neue, moderne Wohnungen teurer vermietet werden können als die etwas kleineren, erneuerten Wohnungen, ist die Rendite bei der Erneuerung um 1,6 Prozent höher, da die Baukosten geringer sind und die gesamte vermietbare Fläche höher ausfällt als beim Neubau.

Erst Energie einsetzen, dann Energie sparen

Damit das alte Gebäude später weniger Heizenergie verbraucht, ist die Erreichung des Minergie-P-Standards als Basis gesetzt worden – und dies sowohl für die Erneuerungsvariante als auch für den Neubau. Für die Umsetzung der baulich notwendigen Massnahmen muss aber auch Energie eingesetzt werden. Das Verhältnis zwischen vorgängigem Energieeinsatz und späterer Energieersparnis liegt bei der Erneuerung bei 1:14, beim Neubau nur bei 1:5. Das bedeutet, das sanierte Gebäude braucht zwar etwas mehr Heizenergie, als es beim Neubau der Fall wäre, der Endenergiebedarf für den Umbau ist aber ein Vielfaches kleiner als beim Abbruch und Neubau.

Das Schlüssel-Element

Dass in einer Studie bereits so genaue und umfangreiche Aussagen getroffen werden können, ist dem bauteilorientierten Aufbau des eBKP-H zu verdanken. Ein Bauelement wird mittels Mengenangaben, Bezugsgrössen und Materialien genau definiert. Als Resultat können sowohl Kosten als auch Energiekennwerte generiert werden. Beim Vergleich von Varianten kann sofort festgestellt werden, bei welchen Elementen zum Beispiel die höchsten Kosten oder der grösste Energieverbrauch liegen und wo demnach das Optimierungspotential am grössten ist. (Daniela Enz)

Die Sicht eines Bauherrn und eines Planers

Marcel Blättler, öffentlicher Bauherr

Ich war erstaunt über diese gründliche und umfangreiche Auswertung, die von den «aardeplan»-Architekten mit dem eBKP-H gemacht worden ist. Das hat mir sehr gut gefallen. Ich denke, in Zukunft muss so etwas Standard sein. Die Aussagen zu Investitionskosten und Grundrissen alleine reichen uns nicht mehr. Wir brauchen vergleichende Varianten sowie eine Gesamtbetrachtung der Grauen Energie, der Umweltbelastung und der Treibhausgasemissionen. Das sind unsere Erwartungen und Vorgaben. Für den Bauherrn ist es auch interessant zu erfahren, bei welchen Elementen die grössten Kosten entstehen und welchen Einfluss gewisse Entscheidungen auf den Lebenszyklus haben. Uns geht es nicht nur um die Wirtschaftlichkeit. Für uns steht die langfristige, gesamtheitliche Betrachtung an erster Stelle. Mit welchen Mitteln der Planer zu diesen Aussagen kommt, schreiben wir nicht vor. Mit dem eBKP-H scheint es aber gut zu funktionieren.
Marcel Blättler (1958) ist gelernter Hochbauzeichner. Nach sechsjähriger Berufspraxis begann er bei der Gemeinde Steinhausen als Bausekretär und betreute den Liegenschaftenunterhalt. Vor 20 Jahren übernahm er die Leitung des Bauamtes. Im Kanton Zug hat er das Urkundenpatent gemacht und er ist stellvertretender Gemeindeschreiber. Blättler ist zuständig für die Ortsplanung, das Baurecht, den Liegenschaftenunterhalt und verantwortlich für den Werkhof.
 

Manfred Huber, Architekt

Mit dem eBKP-H können Kostenermittlungen bereits in sehr frühen Stadien durchgeführt werden. Das ist bei Entwurfsevaluationen sehr hilfreich. Von Anfang an lässt sich anhand der Flächenkennwerte aufzeigen, ob ein Projekt wirtschaftlich ist oder nicht. Ausserdem können Bauten auf der Ebene der Hauptgruppen einfach miteinander verglichen werden. All dies fördert die Kostentransparenz. Neben der Kostenkontrolle und -steuerung sowie der Abrechnung von Bauleistungen kann der eBKP-H auch für die Ermittlung der Grauen Energie eines Gebäudes und die Lebenszykluskosten verwendet werden. Die so generierten Kostenkennwerte sind sehr wertvoll. Mit dem eBKP-H sind alle Kosten dort, wo sie hingehören, nämlich beim jeweiligen Bauteil. Und dort sind auch die Flächen und Mengen genau festgelegt. Dieses Arbeitsmittel ist für mich ein grosser Produktivitätsgewinn. Die Schnelligkeit, mit der viele entwurfsrelevante Aussagen getroffen werden können, ist absolut überzeugend.
Manfred Huber (1972), Dipl. Architekt ETH SIA, eröffnete 1999 direkt nach dem Studium sein eigenes Architekturbüro «aardeplan»-Architekten – Atelier für Architektur, Design und Planung in Baar. Inzwischen beschäftigt er zwölf Mitarbeitende. Manfred Huber unterrichtet an der Fachhochschule Liechtenstein das Wahlpflichtfach Bau- und Planungsprozess. Mit seinen Studenten hat er den eBKP-H bereits getestet. Was dabei herausgekommen ist, kann unter www.blog.crb.ch nachgelesen werden.