Ein Tanz der Krane

Ein Tanz der Krane

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Teaserbild-Quelle: zvg
Mitten in Zürich entsteht ein neues Quartier: die Europaallee. Das neben dem Hauptbahnhof gelegene Gelände ist so gross, dass es in mehrere Baufelder eingeteilt werden musste. Nun werden sie in verschiedenen Etappen bebaut. Die genaue Planung der Logistik war eine der grösseren Herausforderungen.
 
Mitten auf der Zubringerstrasse zwischen den Baufeldern A und C der Europaallee, über die die Logistik für das Baufeld A abgewickelt wird, steht ein 400-Tonnen-Autokran der Firma Feldmann Bau AG. Er hebt soeben elf 27 Meter lange und acht Tonnen schwere Stahlträger auf das Gerüst einer neuen Turnhalle, die zurzeit auf dem Baufeld A entsteht: Da nur ein grosser Kran imstande ist, eine solche Last zu tragen, können für diese Arbeiten keine normalen Turmdrehkrane benutzt werden. «Später werden auf die Stahlträger noch vorfabrizierte Dachelemente gehoben», erklärt Werner Bucher, Projektleiter der Implenia Generalunternehmung AG. Die Generalunternehmung erhielt von der SBB den Auftrag, das Baufeld A des neuen Zürcher Stadtteils Europaallee zu realisieren.
 
Auf dem 78 000 Quadratmeter grossen Areal beim Zürcher Hauptbahnhof stand bis vor Kurzem das Postbetriebszentrum. Grundeigentümerin war jedoch seit jeher die SBB. Nachdem sich die Post dazu entschlossen hatte, bis auf das Hauptgebäude alle Aktivitäten auf das Postzentrum Mülligen auszulagern und auch die SBB ihre Bahnnutzungen sukzessive an andere Standorte verlegt, entschied sich die SBB mit der Stadt Zürich auf dem Areal einen neuen Stadtteil zu verwirklichen (siehe «Hintergrund»). Weil das Gelände aber so gross ist, wurde es in acht Baufelder aufgeteilt (A bis H), die in mehreren Etappen bebaut werden. Bereits ihren Anfang genommen haben die Baufelder A und C, wobei C noch eine Baugrube ist. Auf dem Feld A hingegen wird bereits der Rohbau erstellt. Es entstehen hier die neuen Gebäude der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) sowie Dienstleistungs-, Retail- und Gastroflächen. Gleich neben dem Feld A befindet sich noch das alte Hauptpostgebäude, das demnächst modernisiert werden soll.
 
Besonderen Wert wird auf die Lebendigkeit des neuen Stadtteils gelegt. Deshalb sind in den Erdgeschossen der Gebäude Läden und Restaurants geplant. Zu den wichtigsten Ladenmietern gehören Coop und Transa. Im Erdgeschoss des Baufeldes A sind bereits über die Hälfte der Gewerbeflächen vermietet. Wie der Flagship Store von Transa wird auch Coop in der Ladenpassage zwischen Le-Corbusier-Platz und Lagerstrasse angesiedelt sein und voraussichtlich im Herbst 2012 eröffnen. Ergänzt werden soll das Angebot durch entsprechende Händler im Bereich Sport.
 
Die Turnhalle, an der der 400-Tonnen-Autokran gerade arbeitet, gehört zum Hochschulcampus. Um die Stahlträger heben zu können, musste er mit 60 Tonnen Gegengewicht beschwert werden. Wie Kranführer Manfred Moosmann erklärt, war das Manövrieren der Stahlträger bis auf die Stützen des Turnhallendachs alles andere als einfach: «Vor allem, weil ich den sieben Turmdrehkranen ausweichen musste, die zurzeit auf der Baustelle arbeiten.» Auf das Turnhallengerüst, auf das die Stahlträger gelegt worden sind, konnte Moosmann übrigens nicht hinaufsehen. Vom Boden aus musste er die 80 Meter lange Wippe des Krans manövrieren. Angewiesen wurde er dabei von einem Bauarbeiter, der sich hoch oben auf dem Turnhallengerüst über Funk mit ihm verständigte.
 

Auf alten Fundamenten gebaut

Die grösste Herausforderung auf dieser Baustelle besteht in der Logistik: «Wir befinden uns hier inmitten der Stadt und verbauen an die 144 000 Tonnen Beton und 7200 Tonnen Stahl. Hinzu kommen 3000 Tonnen Mauerwerk, 252 500 Quadratmeter Schalungen und 29 000 Quadratmeter Fassaden», erklärt Bucher. Das Material hierher zu bringen sei nicht ganz einfach. Schon nur für die Stahlträger habe es einen extra Lastwagen gebraucht, der nicht nur ihr Gewicht aushalte, sondern auch Platz für sie habe. Wegen seiner Länge kann der Lastwagen ohne Hilfe nicht rückwärts in die Zubringerstrasse fahren. Deshalb brauchte auch der Fahrer des Lastwagens wie der Kranführer des 400-Tonnen-Autokrans einen Helfer, der ihm über Funk Anweisungen gab. Der Helfer des Lastwagenfahrers hatte aber zudem eine Fernbedienung, die es ihm ermöglichte, das Hinterteil des Lastwagens zu steuern. Auf diese Weise wird das rückwärts Einparkieren vereinfacht. Kaum stand der Lastwagen still, wurde ihm auch schon die Last abgenommen. Hierfür kam ebenfalls der 400-Tonnen-Autokran zum Einsatz. Er legte die Träger möglichst nahe an die Strassenseite, damit der nächste Lastwagen genügend Platz hatte, um in die Zubringerstrasse zu gelangen. Jeder Lastwagen brachte insgesamt drei Stahlträger mit.
 
Währenddessen waren die anderen Bauarbeiter auf dem Baufeld A damit beschäftigt, die Neubauten weiter voran zu treiben. Wobei nicht alles neu an den Gebäuden ist: Der Neubau wurde auf die verstärkte Fundation des rückgebauten Postgebäudes erstellt. Das Aufstocken ist jedoch mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Besonders, was die Statik betrifft. Nichtsdestotrotz entschied man sich für diese Vorgehensweise. Die Gebäude werden dabei von rechts nach links erstellt. Mit 40 Metern und zehn Stockwerken wird das Hochschulcampus-Hauptgebäude aus Glas und Beton der höchste Bau im Stadtteil Europaallee sein. Ab Spätsommer 2012 sollen sämtliche Gebäude des Baufelds A bezugsbereit sein. Das Baufeld C hingegen wird erst im Februar 2013 fertig sein. Bis es aber soweit ist, müssen sich die beiden Baufelder die Zubringerstrasse, auf der zurzeit der 400-Tonnen-Autokran steht, teilen. Die Herausforderung während dieser Zeit besteht in der Koordination der Zubringerstrasse. Obwohl es noch nicht soweit ist, ist die gemeinsame Nutzung der Zubringerstrasse bereits jetzt ein Thema: Wer wie wo was und vor allem wann geliefert bekommt, muss genau abgesprochen werden, damit der Baufluss nicht ins Stocken gerät. Kopfzerbrechen bereiten Bucher ausserdem die Krane. Für das Baufeld C werden nämlich an die fünf Krane benötigt. Auf Baufeld A sind bereits sieben Krane im Einsatz. Diejenigen, die nahe der Zubringerstrasse stehen, könnten zum Problem werden, weil sie sich gegenseitig in die Quere zu kommen drohen. Auf Baufeld A wurde dieses Problem durch die unterschiedliche Höhe der sieben Krane gelöst. Der höchste unter ihnen ist mit 70 Metern die Nummer vier. Die Höhe allein verhindert allerdings kaum Zusammenstösse. Gefordert ist jeweils der Kranführer, der immer darauf achten muss, dass er mit seinem Ausleger nicht in den Hebelzug eines höheren Krans gerät. Sobald die Baugrubenphase auf Baufeld C beendet ist, werden die Gebäude hochgezogen. Entstehen werden hier neue Dienstleistungsflächen für die UBS.
 
Die Baufelder, die anschliessend bebaut werden, sind E, G und H. Vorgesehen sind unter anderem Wohnungen und ein Design-Hotel. Fertig gestellt werden sollen sie 2014 (E), 2015 (G) und 2016 (H). Für alle Baufelder wurden und werden jeweils Architekturwettbewerbe ausgeschrieben. Noch offen ist deshalb, was auf den Baufeldern F, D und B entstehen soll. Das hat allerdings noch Zeit, denn vor 2013 kann diesen Baufeldern ohnehin nicht gebaut werden. Der Grund: Auf dem Gelände, auf dem diese drei Baufelder liegen, befinden sich zurzeit noch die Gleise 51 bis 54. Diese können aber erst abgebrochen werden, wenn die Durchmesserlinie fertig ist. Voraussichtlich im Jahr 2013 wird dies der Fall sein. Geplant ist, dass die Gebäude auf den Feldern im Jahr 2017 (B), 2018 (F) und 2020 (D) fertig erstellt werden.
 
Die Durchmesserlinie hat aber auch noch andere Auswirkungen auf die Europaallee. Sie ist der Grund, weshalb es während der Bauarbeiten auf Baufeld A keine Probleme mit dem Grundwasser gab. Für die Durchmesserlinie musste dieses bereits abgepumpt werden. «Davon profitieren wir nun», sagt Bucher. Sobald die Durchmesserlinie fertig ist, wird das Grundwasser dann wieder zum Thema. Das betrifft Projektleiter Bucher aber nicht mehr, weil er nur für das Baufeld A zuständig ist. Für das Baufeld C ist zwar auch die Implenia Generalunternehmung AG verantwortlich. Als Projektleiter wurde jedoch ein anderer Mitarbeiter bestimmt. Welche Generalunternehmung die anderen Baufelder ausführen wird, ist übrigens noch offen. Es muss dafür noch ein Wettbewerb ausgeschrieben werden. Florencia Figueroa
 
 
Hintergrund
Seit 2003 arbeiten die SBB, die Stadt Zürich und die Post an der städtebaulichen Entwicklung der Europaallee. An der Volksabstimmung vom 24. September 2006 hiessen die Zürcher Stimmbürger mit einem 65,3 Prozent Ja-Stimmen-Anteil den Gestaltungsplan gut. Es soll ein urbaner Stadtteil entstehen, der sich in die bestehenden Quartiere einfügt, sie mit gut gestalteten Strassen und Plätzen bereichert und das Gebiet mit einer sorgfältig gemischten Nutzung lebendig macht. An diesem zentralen Ort entstehen Wohnungen für etwa 1200 Menschen und rund 6000 Arbeitsplätze. Die Pädagogische Hochschule Zürich zieht mit circa 2000 Studierenden ein. Die Europaallee wird in mehreren Etappen bis 2020 realisiert. Das städtebauliche Konzept bietet nebst nachhaltiger Stadtverdichtung attraktive öffentliche Räume, gestaltet von den Landschaftsarchitekten Rotzler Krebs Partner GmbH zusammen mit ewp AG Ingenieure Planer Geometer. Ein wichtiges Merkmal, das die Europaallee prägen wird, ist die von Bäumen gesäumte Flaniermeile Europaallee, die vom neuen Le-Corbusier-Platz beim Hauptbahnhof zum Gustav-Gull-Platz auf der Höhe der Kanonengasse führt. Die Europaallee gab dem Stadtteil, ehemals Stadtraum HB genannt, auch den Namen. Neben dem Zürcher Hauptbahnhof gelegen und durch verschiedene Trams und Buslinien bedient, ist die Europaallee verkehrstechnisch optimal erschlossen. Die Anbindung mit dem öffentlichen Verkehr soll durch die Verlegung der Buslinie 31 über die Postbrücke in die verbreiterte Lagerstrasse zusätzlich verbessert werden. Die Europaallee bleibt jedoch dem Langsamverkehr vorbehalten. Mit dem Negrellisteg soll in der Flucht der Kanonengasse die direkte Fuss-/Veloverbindung zwischen dem Kreis 4 und dem Kreis 5 ermöglicht werden.
 
Kunst im öffentlichen Raum
Im Juni 2009 schrieb das Amt für Städtebau im Auftrag des Tiefbauamts und auf Initiative der AG Kunst im öffentlichen Raum (AG KiöR) ein selektives Verfahren mit Präqualifikation für ein kuratorisches Gesamtkonzept aus. Gesucht war eine tragende Idee für die künstlerischen Eingriffe, die sich wie ein roter Faden durch die Bauetappen ziehen. Dabei sollten die einzelnen Kunstwerke den neuen Ort stärken, Identität schaffen, das «weltoffene Klima Zürichs spürbar» machen und den neuen Stadtteil auf ein international vergleichbares Niveau heben. Gewonnen hat der Zürcher Kurator Patrick Huber im Team mit Evtixia Bibassis, der das Projekt «Space» eingereicht hat. Das Kuratorkonzept sieht zwei Phasen vor: «Under Construction – Changing Space» während der Bauzeit und «Constructed – Sculpting Space» für die Zeit danach. «Under Construction» bespielt zwischen 2011 und 2019 die Baustelle Europaallee mit zeitlich beschränkten, künstlerischen Eingriffen. Vorgesehen sind musikalische, skulpturale, performative, zeichnerische und fotografische Interventionen. Nach Abschluss der Bauarbeiten, ab 2020, kommt «Constructed» zum Tragen. In erster Linie sollen Licht und Klänge eine nicht-alltägliche Wahrnehmung des Ortes erzeugen. Die Kosten für das Projekt betragen rund zwei Millionen Franken. Die Stadt Zürich wird das Projekt aber nicht alleine finanzieren: Die SBB will sich etwa in gleichem Umfang wie die Stadt am Projekt beteiligen. Vor allem die Projekte während der Bauzeit sollen auf Kosten der SBB durchgeführt werden. (mgt)