Ein Stück Stadt mit Bergsicht

Ein Stück Stadt mit Bergsicht

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Teaserbild-Quelle: Katrin Ambühl
Mitten im Zentrum von Uznach wird auf engem Raum im ­­grossen Stil gebaut. Hier entsteht der Stadtteil Takt3. Die Bauarbeiten kamen zeitweise aus dem Takt, doch nun ist das Projekt gut unterwegs auf der Zielgeraden.
 
 
Baumeisterarbeiten: LINTH STZ AG, Schwanden GL, www.linthstz.ch
Bauingenieur: Nänny & Partner AG, St. Gallen, www.naenny.ch
Elektroingenieur: KALBERER.CH, Uznach, www.kalberer.ch
Lüftungsanlagen: Steiner Mollis AG, Mollis, www.steinerhlk.ch
Baugrube/Pfählung: STRABAG AG, Zürich, www.strabag.ch
Haustechnikplanung: W+L Partner AG, Rapperswil-Jona, www.wlp.ch
Fenster aus Kunststoff, AS 1: EgoKiefer AG, Altstätten SG, www.egokiefer.ch
Innere Türen: Obersee Türen GmbH, Uznach, www.oberseetueren.ch
 
 
 
Ricken, Speer und Glarner Alpen bilden das Bühnenbild für die Baustelle. Neben den Bergen prägt auch die Linthebene das Landschaftsbild. Mittendrin liegt das 5800-Seelen-Städtchen Uznach. Es ist ein beliebter Wohnort, weil er ländlich ist und doch nah an den städtischen Zentren. Zürich und St. Gallen sind dank dichtem Bahnnetz nur einen Katzensprung entfernt. Die Baustelle Takt3 liegt direkt neben dem Bahnhof. Eingebettet – fast eingeklemmt – auf einer winkelförmigen Parzelle. Hier entsteht ein neues Stück Stadt mit Wohnungen, Läden und Restaurants. Für Uznach ist es derzeit das grösste Bauprojekt. «Das Spezielle an Takt3 ist das Angebot an Geschäftsflächen, städtischen Mietwohnungen und altersgerechten Wohnungen unter einem Dach und in Zentrumslage», fasst Martin Miller, Leiter Immobilien der Publica, zusammen. Die Pensionskasse des Bundes ist Bauherrin von Takt3 und hat das Projekt sicher durch einige Turbulenzen gesteuert. Denn ursprünglich hiess das Projekt Linthhofwiese und stammte von ­­der Totalunternehmung TBM. In Zusammenarbeit mit Publica wurde 2007 ein Wettbewerb ausgeschrieben, den Arndt Geiger Herrmann Architekten gewannen. Doch mitten in den Bauarbeiten ging TBM im Oktober 2011 konkurs. Die Bauherrin handelte sofort und garantierte ein Fortführen des Projekts. «Publica war es ein wichtiges Anliegen, die in diesem Projekt involvierten Subunternehmer des TU möglichst schadlos zu halten», sagt Miller. In die Bresche sprang die Firma Continium, die mit der Fertigstellung des Projekts beauftragt wurde und den Abschluss innerhalb der geplanten Termine zusichert.
 
Die Verzögerungen und Unsicherheiten aus der Übergangsphase kurz vor Wintereinbruch sind ­Geschichte. Takt3 ist wieder im Zeitplan und Ende Oktober sind die Alterswohungen bezugsbereit, Ende Jahr dann die übrigen Wohnungen sowie Gewerberäume für Coiffeursalon, Bistro oder Galerie. Die Siedlung wurde als gegliederte Blockrandbebauung konzipiert, die gegen die stark befahrene Zürcherstrasse einen geschlossenen Riegel bildet. Auf dem winkelförmigen Grundstück entwarfen Arndt Geiger Herrmann Architekten die drei Gebäude Allegro, Mezzo und Piano, die durch die unterirdische Parkgarage sowie die typische Fassade verbunden sind und Urbanität nach Uznach bringen. «Leichtigkeit trotz Masse» lautete der architektonische Ansatz, den Arndt Geiger Herrmann mit diversen Mitteln verfolgten. Allen Gebäuden gemeinsam ist ihre horizontale Betonung mittels durchgehender Balkone, eine ausgewogene Mischung von geschlossenen und gegliederten offenen Fassadenteilen und einer Raumtiefe dank zurückgesetzter Hauptfassade. Der Fassadenaufbau hat eine innere und eine äussere Struktur. Die innere bildet den thermischen Abschluss und definiert die Wohnungsinnenräume, während die äussere Struktur aus 1200 Betonelementen den Bau trägt und die Loggias begrenzt.

Gelb lasierter Beton

«Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde war von Anfang an sehr eng», blickt Henning Röth von Arndt Geiger Herrmann Architekten zurück. Eines der kommunalen Anliegen war städtebaulicher Natur: Die Überbauung sollte als Bindeglied zwischen Altstadt und Peripherie gelesen werden können und eine moderne Ausstrahlung haben. Aufgrund der Lage und Dimension des Projekts stellten sich die Architekten unter anderen die Frage, wieviel Beton in diesem Kontext «zumutbar» sei. Ihre Lösung: «Die Betonelemente werden gelb lasiert, um den rohen Ausdruck zu verfeinern. Zudem wird damit die Oberfläche geschützt, was zu einem langsameren Alterungsprozess führt», erklärt Röth. «Ein zweites wichtiges Anliegen von Uznach war der Bau von Alterswohnungen», so der Architekt. Dies wurde umgesetzt, zumal es auch im Interesse der Bauherrschaft lag. «Mit einem Neubauprojekt dieser Grössenordnung will die Publica möglichst eine breite Mieterschaft ansprechen», betont Martin Miller. So sind 35 Einheiten als Alterswohnungen geplant. Diese 2,5- und 3,5-Zimmer-Wohnungen sind alle im Haus Piano untergebracht. Die übrigen der insgesamt 106 Wohnungen mit Einheiten von 2,5 bis 4,5 Zimmern sind auf die Häuser Mezzo und Allegro verteilt. Während ersteres ein reines Wohnhaus ist, sind im Gebäude Allegro im Erdgeschoss Gewerberäume eingeplant. Zur Zürcherstrasse hin Einheiten, die flexibel sind in Grösse und Ausbau, gegen den Innenhof hochräumige Ateliers. Oberirdische Parkplätze wurden von der Gemeinde nicht bewilligt. Deshalb planten die Architekten eine Tiefgarage mit einer Zufahrt, die dann auf zwei Ebenen führt. Sie bietet 170 Parkplätze.

Zwischen offen und geschlossen

Eine der Herausforderungen bei Takt3 bestand darin, eine gute Balance zwischen Dichte und Freiraum zu finden. Denn die Überbauung liegt im Spannungsfeld von öffentlichen und privateren Zonen. «Die Häuser haben eigentlich zwei Fassaden», sagt Röth. Strassenseitig geben sich die Fassaden geschlossener. Die vertikalen Betonelemente sind so platziert, dass sie die Sicht von innen nach aussen unterbrechen. Gegen den Innenhof hingegen sind die Elemente so gesetzt, dass der Ausblick von den Wohnungen frei bleibt. Neben dem privaten Innenhof gibt es noch die Zone mit halbprivatem Charakter an der Letzistrasse, einer Fussgängerpassage zwischen Zentrum und Bahnhof. Hier steht auch eine geschützte Blutbuche auf dem Areal Takt3. Sie musste ins Projekt miteinbezogen werden.
 
Im August 2010 war der Spatenstich für das 40-Millionen-Franken-Projekt. Gleich zu Beginn stellte sich eine der grössten Herausforderungen: die Erd- und Aushubarbeiten auf den schwierigen Bodenverhältnissen in der Linthebene. Das Grundwasser, das gerade mal einen Meter unter dem Boden liegt, muss während der ganzen Bauzeit in Schach gehalten werden. Besonders prekär war die Situation in der zweigeschossigen Tiefgarage, die teilweise knöcheltief unter Wasser stand. Mit Pumpen musste das an die Oberfläche quellende Grundwasser abgepumpt werden. Erst als alle Stockwerke, Decken und Innenwände gebaut waren, war der Druck gross genug, um das Grundwasser zu verdrängen. Die Gebäudeteile unter Terrain wurden alle als Weisse Wanne erstellt.
 
Der Bau von Takt3 hatte auch Auswirkungen auf angrenzende Bauten. «Der Boden hat sich stellenweise bis zu zehn Zentimeter gesenkt», sagt Richard Wagner, Inhaber der Continium AG. Einige Nachbarsgebäude ohne Pfählung sind dadurch leicht in Schieflage geraten. Nebeneffekte, die bei solchen Bodenverhältnissen mit den besten Berechnungen und den grössten Vorsichtsmassnahmen nicht verhindert werden könnten, fügt Wagner an.

Dicht und nachhaltig gebaut

Als sein Unternehmen im November von Publica angefragt wurde, das Projekt zu übernehmen, waren diese Arbeiten bereits gemacht. 84 500 Tonnen Aushubmaterial waren abtransportiert worden. Für den Hochbau wurden rund 16 000 Tonnen Armierungsstahl und circa 37 000 Tonnen Beton verarbeitet. Dazu werden rund 27 000 Quadratmeter Wand- und 30 000 Quadratmeter Deckenschalungen benötigt. Dies entspricht Flächen, die für rund 144 mittelgrosse Einfamilienhäuser reichen würden.
 
Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Aspekt bei Takt3 – auf verschiedenen Ebenen. Erstens wegen seiner effizienten Bauweise und den thermischen Solarpanels für die Warmwasseraufbereitung. Zweitens ist es auch sozial nachhaltig, denn es bietet Wohnraum für Singles, Familien und Senioren. Daher stammt auch der Name, erklärt Martin Miller von der Publica: «Die drei Nutzergruppen und die Nähe zu Bahnhof und Verkehr waren ausschlaggebend für die Bezeichnung Takt3.» Im Takt laufen auch die Bauarbeiten weiter, so dass ab ­Oktober Leben einziehen kann im neuen Stadtteil. (ka)
 

"Ein Schiff gebaut"

In der Linthebene sind die Bodenverhältnisse schwierig. Über dem tragfähigen Fels liegen sehr weich gelagerte Schichten. Diese sind sehr setzungsempfindlich und können zur Lastableitung und Fundation der Gebäude nicht verwendet werden. Der Wasserspiegel in der Deckschicht liegt je nach Niederschlagsmenge auf Terrainhöhe oder sogar darüber. «Es ist immer problematisch, wenn man in ein bestehendes Gefüge eingreift», erklärt Richard Wagner von Continium. «Entzieht man Grundwasser, sackt das Gelände ab. Eigentlich haben wir hier ein Schiff gebaut.»

Nur mit Spezialpfählung

Die Firma Strabag wurde mit den heiklen Spezialarbeiten Aushub und Pfählung beauftragt. Bis 5,5 Meter tief wurde ausgegraben und rund 36 000 Kubikmeter Material abgetragen. Die Erd- und Aushubarbeiten wurden in offener sowie gespriesster (Spundwände ausgesteift) Ausführung gemacht. Die Baugrundverhältnisse und der hohe Wasseranfall erschwerten eine konventionelle Vorgehensweise. Mittels kombinierter Wasserhaltung (offene Wasserhaltung, Filterbrunnen sowie Wellpointverfahren) wurde das anfallende Wasser gefasst und über Absetzbecken sowie notwendiger Neutralisation umweltkonform abgeleitet. Ursprünglich war die Pfählung mittels Holzpfählen ausgeschrieben. Eine Variante, die nicht ideal war wegen des nur bedingt tragfähigen Untergrunds. Deshalb setzte Strabag schliesslich Verdrängungspfähle von einer Gesamtlänge von 5400 Metern ein. Sie geben die abzuleitenden Kräfte des Neubaus an den Untergrund ab. Diese Bauarbeiten von einer Bausumme von 4,7 Millionen Franken führte Strabag zwischen Oktober 2010 und März 2011 durch.
 
 
Bauherrschaft: Publica, Pensionskasse des Bundes, Bern
Architekt: Arndt Geiger Herrmann, Zürich
Generalunternehmung: Continium Baumanagement AG, Horgen
Bauingenieur: Nänny & Partner AG, St. Gallen