Ein Schneckenhaus für Schwindelfreie

Ein Schneckenhaus für Schwindelfreie

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Joël Tettamanti
Neben der Monte-Rosa-Hütte prägt ein weiteres neues architektonisches Werk die Landschaft bei Zermatt, wenn auch nur vorübergehend: Evolver, eine Holzkonstruktion, die von Studenten der ETH Lausanne geschaffen wurde. Der Aussichtsturm in Form eines Schneckenhauses steht auf 2536 Metern Höhe neben dem Stellisee.
 
Wie eine Skulptur steht die Holzkonstruktion in der Landschaft. Sie hat jedoch nicht nur eine ästhetische Funktion. Sie lässt die Besucher in einer endlosen 720-Grad-Spirale überraschende Ausblicke auf die alpine Bergwelt erleben. Die begehbare Skulptur ist jedoch vergänglich, Ende nächsten Sommer wird sie wieder abgebaut. So gesehen ist Evolver eine künstlerische Performance. Entworfen und ausgeführt wurde das Projekt von einem Team aus zehn Studierenden im zweiten Studienjahr des Atelier de la Conception de l´Espace (Alice) der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL). Seit seiner Gründung im Jahr 2006 bietet Alice angehenden Architekten eine experimentelle Plattform im Architekturstudium.
 
«Die Idee war, dass sich die Studierenden im Rahmen eines Höhenprojekts mit dem Panorama von Zermatt auseinandersetzen. Sie sollten aber auch alles daran setzen, das Projekt mit Hilfe von Sponsoren zu verwirklichen», sagt der Leiter von Alice, Professor Dieter Dietz. Dies wurde dank dem Interesse des Kammermusikfestivals «Zermatt Festival» möglich, das die Holzkonstruktion als künstlerische Performance ins Festivalprogramm aufnehmen wollte. Das Institut für Architektur der EPFL konnte schliesslich das auf 750 000 Franken geschätzte Projekt dank der Unterstützung verschiedener Zermatter Institutionen finanzieren. Beteiligt waren namentlich die Gemeinde Zermatt, die Zermatt Bergbahnen AG, die Burgergemeinde Zermatt, Zermatt Festival und Zermatt Tourismus. «Während des gesamten Projekts standen wir in engem Kontakt mit dem Zermatter Tourismusbüro und dem Kammermusikfestival. Schliesslich war das Ziel erreicht: Im September, während des Festivals, fand in der Skulptur Evolver eine Klangperformance statt», erzählt die Architektin Katia Ritz, die das Projekt an der EPFL koordiniert hat. Das Team arbeitete zwei Monate lang am Aufbau der Konstruktion. Um die kontinuierliche Drehung von 720 Grad zu erreichen, wurden senkrechte Holzrahmen spiralförmig aneinandergereiht. Sie bilden das Tragwerk des Zylinders.


Mehrere Versuche gewährleisteten die Stabilität

«Die 3500 Bauteile wurden in einer Werkstatt der EPFL an der Ecole Cantonale d’Art (ECAL) in Lausanne zugesägt. Anschliessend haben wir die 24 Rahmen der Tragstruktur auf einem Parkplatz der EPFL verschraubt», berichtet der Architekturstudent François Nantermod. Danach wurden die Rahmen mit Lastwagen und mit dem Helikopter zum Bauplatz in Zermatt transportiert. Zum Aufbau von Evolver waren zwei Wochen Arbeit nötig. Um sicher zu sein, dass die Form der Konstruktion korrekt ist, haben die Studierenden den Bauplatz vermessen und Höhenunterschiede genau festgehalten. «Für die Montage der Innenkonstruktion benötigten wir mehr Zeit als vorgesehen. Wir wägten verschiedene Lösungen aus Holz oder Metall ab und entschieden uns schliesslich für ein System aus zugeschnittenen Holzlamellen. Wir mussten jede Lamelle einzeln zusägen. Dafür brauchten wir am meisten Zeit», erinnert sich der Student.
 
Die Menschen in Schwindel versetzen, um ihre Sinne zu schärfen, genau das will Evolver erreichen. Die Drehung erfolgt in einer Doppelschlaufe, die den Blick auf je ein horizontales und ein vertikales 360-Grad-Panorama freigibt. Unter den zu bewundernden Berggipfeln sind keine geringeren als Grande Maison, Monte Rosa und Matterhorn. «Sobald man die Skulptur betritt, verschmelzen visuelle Wahrnehmung und körperliche Fortbewegung miteinander. Himmel und Erde beginnen sich um die Besucher zu drehen, während der Horizont ständig neu ausgerichtet wird», erklärt Katia Ritz. Diesen Eindruck teilen auch die Studierenden, vertreten durch François Nantermod: «Das Panorama hat eine gewaltige Kraft. Wenn man es von innen her betrachtet, verliert man jeglichen Bezug zu Höhe und Distanz. Die Konstruktion soll den Eindruck erzeugen, dass die Natur, die sich vor den Öffnungen um den Besucher dreht, ein einziges Bild ist, ein perfektes Ganzes rund um den Besucher», verrät François Nantermod. (Emilie Veillon)