Ein neuronales Netzwerk für Holz

Ein neuronales Netzwerk für Holz

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Seit Dezember letzten Jahres ist das Nationale Forschungsprogramm «Ressource Holz» (NFP 66) ausgeschrieben. Das Programm will über fünf Jahre hinweg wissenschaftliche Grundlagen und praxisorientierte Lösungsansätze für eine bessere Verfügbarkeit und eine breitere Nutzung der Ressource Holz erarbeiten. Es wird in Kooperation zwischen dem Schweizerischen Nationalfonds und der Förderagentur für Innovation KTI durchgeführt.

Der Bund zeigt mit der grosszügigen Dotierung des NFP 66 – es stehen dafür 18 Millionen Franken zur Verfügung –, dass dem Rohstoff Holz einiges Potenzial zugetraut wird, um einen Teil der Herausforderungen zu meistern, die unter dem noch etwas wolkigen Begriff «Cleantech» gefasst sind. Holz als erneuerbarer Rohstoff wird heute in der Schweiz noch klar zu wenig genutzt. Als multifunktionales Material weist es ein hohes Substitutionspotenzial auf für Anwendungen, bei welchen bisher Erdöl und andere nicht erneuerbare Ressourcen dominieren.

Die Wissenschafter erwarten, dass Holz nicht nur im Bauwesen und im Energiebereich zunehmend gefragt sein wird, sondern bald auch der chemisch-pharmazeutischen Industrie als Rohstofflieferant dienen wird, die bislang stark von Erdöl und anderen nicht erneuerbaren Ressourcen abhängig war. Ebenso ist denkbar, mit Holz Kunststoffe und unzählige weitere Materialien zu erzeugen oder zu ersetzen, ohne die unsere moderne Welt buchstäblich stillstehen würde.

Um all diese Anwendungen sinnvoll zu verknüpfen, muss der Stofffluss von Holz über den gesamten Lebenszyklus – von der Bereitstellung und Nutzung bis zu Recycling, Wiederverwertung und Entsorgung – optimiert werden. Dies betrifft auch die rund 700 000 Tonnen Altholz, die hierzulande jährlich anfallen. Zudem sollen neuartige Materialien wie Holzverbundwerkstoffe und neue Technologien (zum Beispiel innovative Fügeverfahren) völlig neue Anwendungen und Konstruktionen ermöglichen.

Ein solches Vorhaben ruft nach vielfältigen Partnerschaften nach allen Seiten. In der Tat ist die interdisziplinäre Vernetzung einer der wesentlichen Charakterzüge des NFP 66. Ingenieur-, Wirtschafts- und Naturwissenschaften sind gleichermassen gefragt. So kommt es zu einer engen Zusammenarbeit zwischen der ETH, den Universitäten Basel und Zürich sowie den Fachhochschulen, insbesondere der Berner Fachhochschule Architektur, Holz und Bau in Biel sowie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil und Winterthur. An der ETH Zürich und der Universität Basel entstehen im Ingenieur- beziehungsweise im Holzchemie-Bereich neue Professuren.

Die Verbindungen zu vielen verschiedenen Disziplinen, welche das umfassende Netzwerk des NFP 66 zusammenbringt, gilt es zu nutzen. Sie bieten die Chance, nicht nur wesentliche ­Fortschritte in einzelnen Sachgebieten zu erreichen, sondern auch aus übergeordneter ­Perspektive Synthesen für bislang disparate Entwicklungen zu finden. Dieser Aspekt dürfte für die Holzbranche von hohem strategischen Wert sein. Denn es gilt nicht nur, Neues zu Holz zu denken, sondern auch neu über Holz nachzudenken. Das Adverb macht den kleinen ­Unterschied.
 
Christoph Starck ist Direktor Lignum, Holzwirtschaft Schweiz