Ein Märchenschloss erwacht

Ein Märchenschloss erwacht

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Teaserbild-Quelle: zvg
Im Herzen der Schweiz, direkt am Ufer des Vierwaldstättersees und am Fuss der Rigi, steht das Park Hotel Vitznau. Nachdem es seit einigen Jahren stillgelegen ist, soll es im Sommer 2012 als Fünfsternehotel wiedereröffnet werden. Für den Umbau wendet ein österreichischer Investor 200 Millionen auf.
 

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Als Mischa Meile als Bub mit seinem Grossvater erstmals das Park Hotel Vitznau besuchte, konnte er noch nicht ahnen, welche Bedeutung das über 100-jährige Gebäude für ihn dereinst bekommen würde. Was der Architekt damals aber schon spürte, war, wie sehr das altehrwürdige Fünfsternehotel mit der Region verbunden ist. Heute, da er als Bauaufsichtsmitglied den aktuellen Umbau des Hotels leitet, ist es ihm deshalb sehr wichtig, dass alles seine Richtigkeit hat: «Bevor wir mit den Arbeiten beginnen konnten, haben wir uns mit den verschiedenen Interessenvertretern der Gemeinde Vitznau abgesprochen.» Besonders dem österreichischen Investor, Peter Pühringer, der bereits das Hotel Hertenstein in der Nachbargemeinde Weggis umbauen wollte (siehe «baublatt» 41/ 2011), aber am Widerstand der Bevölkerung gescheitert war, lag diese Vorabklärung am Herzen. Denn diesmal sollte keine Maus den Faden abbeissen. Dass das Park Hotel Vitznau saniert werden musste, stand indes nicht zur Diskussion. Vielmehr ging es darum, wie man die Sanierung anpacken sollte. Denn als Wahrzeichen der Gemeinde musste das Gebäude um jeden Preis erhalten bleiben und durfte nichts von seinem Charme einbüssen.
 

Historische Spuren verschwunden

Bei einem Bauwerk wie dem Park Hotel Vitznau kein leichtes Unterfangen. Denn das Gebäude hat eine bewegte Nutzungs- und Umbaugeschichte hinter sich. Ihren Anfang nahm diese, als der Architekt Karl Koller 1901 die majestätische Villa Von Pfyffer zu einem Hotel im Belle-Epoque-Stil umfunktionierte. Von da an hiess das Gebäude Park Hotel Vitznau und war bekannt für seine romantische Architektursprache und den gehobenen Standard. Doch die Zeit hinterliess ihre Spuren, sodass das Fünfsternehotel über die Jahre mehrmals saniert und umgebaut werden musste.
 
Heute besteht das Hotel aus drei Bauten – dem 100-jährigen Hauptgebäude, einem Anbau aus den 60er-Jahren und einem Erweiterungsbau aus den 80er-Jahren. Mit dem aktuellen Umbau geht ein Neubau einher. Bei der Eröffnung im Sommer 2012 wird das Hotel deshalb vier Gebäude umfassen. Dem Neubau soll aber nichts Modernes anhaften. Aus diesem Grund wird die Fassade mit dem Naturstein ausgekleidet, den man schon beim 100-jährigen Hotel verwendet hat. Die bestehenden Fassaden der anderen Gebäude werden saniert. Auch im Innern hat man versucht, die ursprüngliche Substanz zu erhalten. «Wegen der vielen Umbauten liessen sich aber fast keine historischen Spuren mehr finden. Das hat mich schon etwas enttäuscht», sagt Meile.
 

Schwindelfreie Zimmermänner

Neben der Erhaltung der Bausubstanz waren dem Investor auch die Nachhaltigkeit und die Erdbebensicherheit wichtig. Deshalb wurden die Wände aller Häuser zusätzlich verstärkt. Im Gebäudeteil A, dem Bau aus dem 19. Jahrhundert, sind die Handwerker aber vor allem mit dem Betonieren neuer Böden und Decken beschäftigt. Hier mussten alle Geschosse erneuert werden. Einzig die Dächer aus Holz waren noch in gutem Zustand, weshalb man sie nur sanieren musste.
 
Für die Bauarbeiten wurde im Innern des Gebäudes ein riesiger Stahlturm aufgebaut. Das Zeitfenster für die Erstellung der neuen Geschosse und die Sanierung der Decke war aber sehr knapp bemessen. Deshalb starteten die Arbeiten für die Erneuerung der Böden und die Sanierung der Dächer gleichzeitig. Nachdem die alten Böden entfernt waren, fingen die Bauarbeiter mit dem Einbau an. «Bis die Geschosse fertig waren, dauerte es aber einige Monate. Zeitweise konnte man deshalb vom untersten Stockwerk durch den Stahlturm hindurch bis zur obersten Etage blicken, und den Zimmermännern bei der Arbeit zusehen. Dass den Leuten da oben nicht schwindlig wurde, ist erstaunlich», so Meile.
 
Im Erdgeschoss befinden sich der Haupteingang, ein Foyer und ein Restaurant, für das eine neue Küche benötigt wird. Deshalb hat man im nördlichen Teil des Gebäudes einen unterirdischen Anbau angelegt. Dort können sich die Angestellten selber verköstigen und die Mahlzeiten für die Gäste vorbereiten. In den oberen Etagen sind Suiten und Residenzen für die Gäste vorgesehen.
 

Ausblick vom Whirlpool aus

Wegen der Erdbebensicherheit ist die Aussenwand, die ursprünglich als tragende Konstruktion konzipiert war, zur einfachen Fassade umfunktioniert worden. Im Innern der Gebäude mussten deshalb teils Stützen und Wände eingebaut werden. Vor allem im Gebäude B, dem Bau aus den 80er-Jahren, sind viele zusätzliche Betonmauern hochgezogen worden. In den Räumlichkeiten sollen später ein Medical Center sowie ein Finanzforschungs- und Kompetenzzentrum eingerichtet werden. Die oberen Stockwerke bleiben aber den Hotelgästen vorbehalten. «Mit diesen verschiedenen Nutzungen will der Investor erreichen, dass der Betrieb das ganze Jahr über läuft. Früher war das Fünfsternehotel nur im Sommer geöffnet. Mit dem Umbau soll das geändert werden», erklärt Meile.
 
Um den Gästen den Aufenthalt im Hotel so angenehm wie möglich zu gestalten, wurde an Luxus nicht gespart. So weist das Hotelzimmer im ersten Obergeschoss des Gebäudes B eine weitläufige Terrasse auf. Den Ausblick auf den See und die Berge kann man vom Whirlpool aus geniessen. Wem das nicht genügt, der geht zum Gebäude C, dem Bau aus den 60er-Jahren. Dort befindet sich im Untergeschoss der Spa-Bereich mit allerlei Wellness-Einrichtungen. Für den Aushub dieses Geschosses musste das Gebäude extra abgestützt werden, weil es ansonsten abzusinken drohte. Trotz der Tieflage soll der Spa-Bereich mit Tageslicht erhellt werden, das durch Öffnungen im Norden des Gebäudes in den Raum hinunterstrahlt. Die Luke wird mit einem zehn Meter langen, drei Meter breiten und sechs Meter hohen Aquarium gefüllt. «So kann das Licht ungehindert in den Raum strömen, ohne dass man von der Strasse aus in die Wellness-Räume blicken kann», erläutert Meile.
 
Ins Hallenbad gelangt man vom Spa-Bereich über eine Treppe, die ins Erdgeschoss des Gebäudes C führt. Zur Hälfte befindet sich das Bad im Freien. Geheizt wird der Pool mit Seewasser, wie die anderen vier Gebäude auch. Die Installationen dafür befinden sich hauptsächlich im Gebäude D, dem einzigen Neubau des Hotels. Dort ist im Erdgeschoss auch ein Auditorium vorgesehen. Eine riesige Glaswand gibt den Blick auf See und Berge frei. Das idyllische Panorama lässt sich freilich am besten vom Park aus geniessen, der im Süden des Hotels angelegt ist und das Gesamte Ensemble umgibt. Diverse Gaststätten ¬laden zum Verweilen ein – wie das Restaurant mit Wintergarten im Gebäude C, das sich direkt neben dem halb überdachten Hallenbad befindet. Im Gebäude A ergänzen eine Bar und ein Weinkeller das gastronomische Angebot. Der Anbau des Gebäudes B hingegen ist für die Patienten des Medical Centers reserviert. Für die Hotelgäste werden dafür weitere Zimmer in den Obergeschossen der Gebäude C und D erstellt. Insgesamt weisen die vier Gebäude zusammen 62 Suiten und Residenzen auf.
 
Für das Hotel der Luxuskategorie, das mit allem Komfort ausgestattet ist, mussten 15 000 Kubikmeter Abbruch- und 16 000 Kubikmeter Aushubmaterial abgeführt werden. Rund 450 Tonnen Stahl wurden für die Absicherung der Bauarbeiten eingesetzt. Hinzu kommen 630 Tonnen Armierungsstahl und 7000 Kubikmeter Beton, die verbaut wurden. Für den Umbau investiert Peter Pühringer mit seiner Firma Park Hotel Vitznau AG 200 Millionen Franken. Momentan arbeiten rund 200 Handwerker am Bau. Während des Innenausbaus sollen es gar an die 600 sein.
 
Für Architekt Meile ist es bisher die grösste Baustelle, die er beaufsichtigt. Ihn freut insbesondere, dass dem österreichischen Investor viel an der Erhaltung des Objekts gelegen ist: «Vor allem, weil die vorhergehenden Sanierungen nicht mit der nötigen Sorgfalt ausgeführt wurden. Sonst wären wir ja auf viel mehr historisches Material gestossen. Wahrscheinlich aus Kostengründen wurde der Substanzerhaltung keine grosse Bedeutung geschenkt.» Die Gemeinde Vitznau hätte es von daher mit dem Investor Pühringer nicht besser treffen können: «Er bringt nicht nur ihr Wahrzeichen auf Vordermann, sondern begegnet dem Projekt auch mit dem nötigen Respekt.» So wie Meile es bereits aus Kindertagen kennt. Florencia Figueroa
 

Gemeinden fürchten sich vor Wassermangel

Der Österreicher Peter Pühringer saniert für 200 Millionen Franken das Park Hotel Vitznau. Allerdings ist er nicht der einzige, der in der Region Riviera in eine Luxusresidenz investiert. Gemäss einem Bericht der «Neue Luzerner Zeitung» sind neben dem Park Hotel Vitznau auch Baugesuche für über 80 Wohnungen sowie für die Hotels Flora Alpina und Vitznauerhof eingegangen. Für die Gemeinden könnte das nun zum Problem werden, denn der Wellness- und Bauboom bringt die Wasserversorgung der Region Riviera an seine Grenzen. Vor allem am Morgen, wenn die Menschen duschen oder wellnessen, könnte es kurzzeitig zu Engpässen kommen. Um dieser Gefahr beizukommen, haben die Gemeinden nun ein Ingenieurbüro beauftragt, den künftigen Verbrauch zu ermitteln, und mögliche Anpassungen der Reservoire abzuklären. Bis Mitte 2012 sollen die Ergebnisse in einem Bericht vorliegen.
 
Der Investor Pühringerer seinerseits ist aber selber schon aktiv geworden. So wurde die Anzahl der Hotelzimmer reduziert, der Pool soll nur noch halb so tief sein wie vor dem Umbau, und der Jacuzzi benötigt weniger Wasser als konventionelle. (ffi)
 

 

Nachgefragt bei Michael Horacek. Er ist Pressesprecher der Park Hotel Vitznau AG

 
Das Park Hotel Vitznau ist das Wahrzeichen der Gemeinde. Wie schwierig war es im Vorfeld, die Leute davon zu überzeugen, dass es umgebaut werden muss?
Michael Horacek: Die Notwendigkeit der Erneuerung lag durch die fehlenden, in kleinen Schritten erfolgten Investitionen auf der Hand. Der Vorbesitzer hat zudem bereits Architekten mit der Konzeptionierung eines grösseren Umbaus beauftragt, bevor ein Verkauf im Gespräch war. Diese bereits «aufgelegten» Konzepte haben administrativ einen hohen Wert im Bereich Realisierungszeitrahmen, obwohl sie zum grössten Teil architektonisch durch unsere Planungsteams abgeändert wurden. Generell ist es durch die markante Stellung und Historie des Hotels enorm wichtig, keinen Bruch mit den gewachsenen Verbindungen zur Dorfgemeinde und der Region zu vollziehen. Diese Interessengruppen werden von uns auch bei allen grossen Schritten stetig informiert oder miteinbezogen.
 
Haben Sie das Verfahren für den Umbau des Hotels als kompliziert empfunden, und inwiefern unterscheidet es sich mit dem in Österreich?
Hier ist zu sagen, dass wir die Schweizer Behörden und Ämter, also Bund, Kanton und Gemeinde Vitznau, generell als sehr pragmatisch kennengelernt haben. Dieser Umstand erleichtert grundsätzlich einen zügigen Projektlauf. Es gibt natürlich auch an diesem Standort Herausforderungen, die es zu meistern gibt, und die einem in gewissen Baustadien keine grosse Freude bereiten.
 
In einem Interview war zu lesen, für den Investor wäre ein Neubau günstiger ausgefallen als der Umbau. Hat es sich für den Investor nun trotzdem gelohnt, umzubauen?
Diese Aussage ist in ihrem Kern richtig. Jedoch stand diese Option niemals zur Diskussion. Unsere Stiftung hat den Leitspruch «Vergangenheit bewahren, Zukunft gestalten». Mit diesem uns selbst auferlegten Motto ist es unmöglich, einen historischen Bau wie das Park Hotel Vitznau zu ersetzen. (ffi)
 
 

Übrige Beteiligte

  • Bauherrschaft: Park Hotel Vitznau AG
  • Totalunternehmung: Park Hotel Vitznau AG
  • Architektur: Planungsteam Wien, Wien / Meile Architekten AG, Zürich
  • Bauingenieure: Ing. Büro Dr. W. Lindlbauer, Wien / Bucher und Dillier AG, Luzern