Ein Höllenzaun für Winterthurs KVA

Ein Höllenzaun für Winterthurs KVA

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Teaserbild-Quelle: Michael Helbling

Winterthur hat rund eine Milliarde Franken Schulden. Und seit neustem einen rostigen, verbeulten Zaun um die frisch renovierte Kehrichtverbrennungsanlage. Da dieses Kunstprojekt 380 000 Franken gekostet hat, schütteln viele Einwohner den Kopf. Sie hätten die Abstimmungsunterlagen besser studieren sollen.  Von Patrick Aeschlimann,

Für die städtische Kommunikationsstelle ist es eine «künstlerische und landschaftsarchitektonische Intervention». Für die verantwortliche Künstlerin Katja Schenker ist es die «künstlerische  Umsetzung des heissen Feuers der Kehrichtverbrennungsanlage». Für den «Landboten» ist es die Erinnerung «an Wellblechsiedlungen in der Dritten Welt». Und für Passanten, die sich auf «Tele Züri» äussern, ist es schlicht unverständlich, dass man in der angespannten finanziellen Situation knapp 400 000 Franken für einen rostigen Zaun in einem Industriegebiet ausgibt. Zumal es dort kaum Passanten hat.

Die Rede ist from Kunstprojekt „Kerberos“  in Winterthur-Grüze, welches mittels Abfallgebühren finanziert wird. Ein über 200 Meter langer und vier Meter hoher Gittermattenzaun um die frisch renovierte KVA und den neuen Werkhof Scheidegg. Mit Baggern, Ketten und Schweissgeräten wurde der Zaun unter der Aufsicht von Künstlerin Katja Schenker während Tagen dreidimensional verformt. «Ich habe mir vorgestellt, dass ein textiles Band das Areal umspannt, welches dann durch die schiere Kraft der KVA deformiert wird, so entstand Kerberos. Dieser bewachte in der griechischen Mythologie als Höllenhund den Eingang der Unterwelt», erklärt die Künstlerin.

Quelle: 
Michael Helbling
Kunst oder doch keine Kunst? Am Zaun scheiden sich die Geister.

Wie der umstrittene Hafenkran in Zürich, löst auch Kerberos Diskussionen aus. Ist es wirklich nötig, dass die finanziell angeschlagene Eulachstadt, die letztes Jahr ein schmerzhaftes Sparpaket schnüren musste, ein solch teures Kunst-am-Bau-Projekt bezahlt? In den Medien verschaffen sich die Bürger Luft: «Scheinbar hat das Amt für Städtebau jeglichen Bezug zur Realität verloren», meint ein Leser auf der Website des «Landboten». «Diese Finanzierung zu Lasten der Abfallgebühren ist wie eine solche zu Lasten von Steuergeldern absolut inakzeptabel», schreibt ein weiterer Kommentator. «Es ist unglaublich, dass von der Stadt niemand den Mut hatte, diesen Irrsinn zu stoppen», echauffiert sich ein Velofahrer auf „Tele Züri“.

Dabei tragen die Bürger zumindest eine Mitverantwortung am «Beulenzaun». In den Kreditvorlagen zur KVA (total 200 Millionen Franken) und zum Werkhof Scheidegg (8,38 Millionen), die vom Volk noch vor der Budgetkrise verabschiedet worden waren, war jeweils auch ein Anteil für die Kunst am Bau reserviert. Damals scheinen sich die Wenigsten daran gestört zu haben.

Bei allem Ärger, der sich über dem Höllenzaun gegenwärtig zusammenbraut, bleibt wenigstens zu hoffen, dass Kerberos seine Funktion erfüllt: Den Eingang zur Unterwelt zu bewachen, damit kein Toter herauskommt und auch kein Lebender eindringt. Bei den Temperaturen, die in der Kehrichtverbrennungsanlage herrschen, ist es auf jeden Fall wünschenswert, dass kein Winterthurer sich je in dieses Inferno verirrt. (Patrick Aeschlimann)