Doppeltes Zürich

Doppeltes Zürich

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Eine Gruppe von sechs Zürcher Architektur-Büros präsentiert ihre Vision einer Glatttalstadt für 400’000 Einwohner. Zürichs Beitrag zur Zehn-Millionen-Schweiz?
 
Im Gebiet zwischen Kloten, Greifensee und Uster leben heute bereits etwa 150’000 Einwohner. Orte, die sich noch Dorf nennen, wie etwa Dübendorf, sind längst zu Städten geworden und haben bereits schon um die 20’000 Einwohner. Die Spuren der Zersiedelung im Gebiet nördlich von Zürich sind überall sichtbar. In diesem Kontext ist der Vorschlag, aus dem heutigen Gemeindeverbund im Glatttal eine qualitätvolle Stadt zu entwickeln, eine faszinierende Vision. Ganz neu ist die Beschäftigung mit der Region Glatttal nicht. Schon 1990 erschien die Studie «Glatttal wohin?» Was die Architekten motiviert, ist die Besorgnis über die stetig zunehmende, problematische Verbauung wertvollen Kulturlands.

Mehr Platz für die Stadt ausserhalb

Nach Ausführungen des Architekten Fabian Hörmann sei von den daran beteiligten Architekten zuerst die Lage analysiert und darauf eine Entwicklungsstrategie für das Glatttal ausgearbeitet worden. Schwerpunkte in den Planungen sind der Militärflugplatz Dübendorf, die grösste nicht überbaute Landreserve des Gebietes, die jedoch dem Bund gehört, sowie die Erholungsgebiete Hardwald und Greifensee. Das Land eignet sich gemäss den Planern gut dafür, Institutionen, die in der Stadt Zürich nicht mehr richtig ausgebaut werden können, grosszügig aufzunehmen. Zum Beispiel das neue Universitäts-Spital im Osten von Dübendorf, ein Polizei- und Justizzentrum in Volketswil, ein riesiger Gewerbepark in Wallisellen, ein Gross-Stadion auf dem Gelände des Militärflugplatzes oder etwa ein Kongresszentrum am Greifensee. Dazu kommt ein grosszügiger Ausbau der Infrastruktur, wie beispielsweise die Verlängerung der Glatttalbahn bis nach Uster.
 
Die Diskussionen um das Projekt bringen zum Ausdruck, dass das Zentrum Zürich auch Platz ausserhalb der eigentlichen Stadt braucht. Ein solches Projekt käme ebenso dem übrigen Kanton zugute, weil sich dort so weitgehend auf Wachstum verzichten liesse. Als Ausgleich schlagen die Planer eine Art Flächenbörse vor, an der Gemeinden die bestehenden Bauzonen auflösen, einen Anteil an der neuen Stadt bekommen würden. Angesichts der weit ausgebauten Gemeindehoheiten erscheint ein solcher Vorschlag allein allerdings kaum realisierbar.

Hohe Hürden

Skeptiker finden Visionen zwar wichtig, halten aber nur ein Vorgehen der kleinen Schritte für möglich. Das Volk muss bei solchen Projekten einbezogen werden, damit sie nicht an den direktdemokratischen Hürden scheitern. In der Praxis würden für die Realisierung Dutzende von Volksabstimmungen in den Gemeinden und im Kanton nötig. Dass Handlungsbedarf angesichts der heutigen Zersiedelung und des Mangels an grossräumiger Planung besteht, darin sind sich jedoch alle einig. Und so geht die Diskussion geht weiter. (mai)