„Die Zukunft von Zürich findet im Glattal statt“

„Die Zukunft von Zürich findet im Glattal statt“

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Teaserbild-Quelle: Copyright Gruppe Krokodil
Wo wächst Zürich am schnellsten? Wahrscheinlich im Glatttal! Resultiert aus diesem Wachstum eine Glatttalstadt? Wohl kaum, wenn man die Dinge ein- fach laufen lässt. Eine Stadt muss man wollen, und man muss sie gestalten. Die Gruppe Krokodil postuliert einen Paradigmenwechsel in der Region.
 
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Das Glatttal wird soll zu einer richtigen Stadt anwachsen.
 
Begonnen hat alles im Restaurant Krokodil an der Langstrasse im Zürcher Kreis 4. Hier, wo die Stadt Zürich vom Bahnhof her das letzte Refugium der Bohème zum In-Quartier werden lässt, wird die Begrenztheit der Wirtschaftsmetropole besonders deutlich. Sind dann auch mal die Industriebrachen im Kreis 5 definitiv überbaut, gibt es in der Stadt Zürich, die topografisch gesehen vor allem im Limmattal stattfindet, kaum mehr zeitnahes Entwicklungspotenzial. Daher plädieren die offenen Geister der in der Gruppe Krokodil zusammengespannten Architekturbüros EM2N, Pool, Boltshauser, Zierau, Weber Brunner (bis 2011) und Schweingruber Zulauf Landschaftsarchitekten (ab 2011) für eine Verschiebung des Horizonts. Die Zukunft von Zürich solle im Glatttal stattfinden, ist ihre provokative, aber dennoch nicht realitätsfremde These.

Minutiöse Recherche

Um herauszufinden, was es zu einer solchen Glatttalstadt braucht, wurden Unmengen an Datenmaterial gesammelt. In wöchentlichen Sitzungen werden die neuen Resultate besprochen und in Zusammenarbeit mit Städteplanern, Landschaftsarchitekten und Fachleuten aus anderen relevanten Bereichen analysiert, Visionen weitergesponnen und mögliche Szenarien entwickelt. So ist eine minutiöse, feinmaschige Arbeit entstanden, die sich als Grundlage für politische Entscheidungsprozesse sehen lässt. Erste Anzeichen für einen entstehenden Stadtraum sind im Glatttal bereits vorhanden: die S-Bahn, die Glatttalbahn, Bevölkerungsentwicklung und zunehmende Headquarterdichte in der Umgebung des Flughafens. Für einen zusammenhängenden Stadtraum spricht allen voran aber die Topografie.
 
Wer einen Höhenschnitt bei 500 Metern über Meer macht, sieht sofort den möglichen Stadtraum, der sich vom Flughafen Kloten bis zum Greifensee erstreckt. Mittendrin liegt der Flugplatz Dübendorf, der in der Dramaturgie der neuen Stadt zum Höhe- und Angelpunkt werden könnte. Hier, in dieser vielleicht künftigen Militärflug-Brache, wäre auch eine hohe Dichte des Stadtkörpers möglich – Hochhäuser nicht ausgeschlossen.

Vision Flächenbörse

Aber was macht eine gute Stadt denn aus? Die Gruppe Krokodil formuliert fünf Qualitätsmerkmale. Erstens: «Wir sind der Meinung, dass eine gute Stadt dicht sein muss», erklärt Fabian Hörmann, Associate des Architekturbüros EM2N, die Sichtweise der Gruppe Krokodil. «Das heisst nicht, dass man die gewachsenen Einfamilien- und Mehrfamilienhausgebiete nun ersetzen muss, im Gegenteil. Als Pendant dazu muss man sich jedoch genau überlegen, wie man mit den restlichen Baulandreserven umgeht.
 
Die gesamte Studie kann auf der Facebookseite der Gruppe heruntergeladen werden:
 
 
Eine erhöhte Ausnutzung an einem Ort könnte beispielsweise an einem anderen Ort zur Auszonung von Bauland führen. Eine Flächenbörse muss eine Win-win-Situation für Stadt und Land sein.» Zweitens: «Unseres Erachtens ist eine gute Stadt durchgrünt. Genügend gute Freiflächen sind zwingend für das Funktionieren einer Stadt. Nebst den umgebenden Wäldern über 500 Meter und dem Hardwald macht aber vor allem auch ein feinmaschiges Netz von über Boulevards und Alleen verbundenen Plätzen und Parks unsere Idee zum attraktiven Lebensraum.» Drittens: «Eine gute Stadt ist vernetzt. Ein Gesamtverkehrskonzept mit Schwerpunkt auf dem öffentlichen Verkehr muss alle aktuellen und zukünftigen Verkehrsträger berücksichtigen und bildet das Rückgrat einer jeden Stadt». Viertens: «Übergeordnete Identität als prägnante räumliche Merkmale, zu denen Greifensee, Hardwald als Erholungsgebiete, die ‹Pumpe› Flughafen Kloten und ein intensives Zentrum des polyzentrischen Gebildes auf dem Flugplatz Dübendorf gehören.» Fünftens: «Durchmischung durch Schaffung gemischter Quar-tiere und Katalysatoren in Form von zu der Grösse einer solchen Stadt notwendigen Institutionen».

Politischer Zündstoff

Um solche zusammenhängenden Räume zu betrachten, bedarf es natürlich einer intensiven und koordinierten überregionalen Zusammenarbeit. Die Einteilung des Gebiets durch die Krokodile in sogenannte Schollen erfolgt nicht in jedem Fall dem Verlauf der Gemeindegrenzen, sondern ist vor allem dem Verbinden von sinnvollen funktionalen, räumlichen und städtebaulichen Zusammenhängen in einem übergeordneten Kontext geschuldet. «Es gibt zwar bereits regionale Planungsgruppen (ZPG, RZO) und überregionale Dachverbände (RZU), aber gerade die Stadt Uster war zum Beispiel lange Zeit der Meinung, dass sie lieber erste Stadt im Zürcher Oberland wäre, als letzte in der neu entstehenden Glatttalstadt. Schritt für Schritt ändert sich diese Sichtweise, um so Teil einer positiven gemeinsamen Entwicklung zu werden», meint Hörmann.
 
Nun gut, als Planer und Architekten haben die Krokodile natürlich relativ wenig politische Macht. Daher haben sie bei der Revision des kantonalen Richtplans etliche Vorstösse gemacht, die in Richtung einer möglichen Glatttalstadt zeigen würden. «Ansonsten können wir vor allem sensibilisieren. Je breiter abgestützt die Vision der neuen Glatttalstadt diskutiert wird, umso greifbarer wird es auch für die betroffenen Gemeinden und deren Bewohner. Die historische Chance ein Generationenprojekt zu ermöglichen, könnte der Bund vorbildlich wahrnehmen: Mit dem Flugplatz Dübendorf verfügt er über das wichtige Kernstück einer gemeinschaftlichen Entwicklung an der Glatt», erklärt der Architekt. Zur Unterstützung des Anliegens der Gruppe wird in den nächsten Monaten ein Verein gegründet.

Schmetterlingsstadt

Man mag nun einwerfen, dass der Grossstadtraum Zürich mit den zwei Teilregionen Limmattalstadt und Glatttalstadt zu einem Moloch wird. Vergleicht man jedoch die Grösse international, dann ist der ganze Kanton Zürich nicht grösser als die Grossstadt London mit Ihren Aussenbezirken bei gleicher Einwohnerzahl wie die gesamte Schweiz. Die Krokodile bezeichnen die zwei auf dem Milchbuck zusammenkommenden Städte unter anderem auch als Schmetterlingsstadt. Die zwei Flügel des farbenfrohen Falters könnten auch voneinander profitieren.
 
Die Limmattalstadt könnte von ihrem akuten Platzproblem befreit werden. So könnte zum Beispiel das Kantonsspital seine Zelte am Greifensee aufschlagen, oder das hart umkämpfte Polizei- und Justizzentrum. Auch die ETH könnte ihren Forschungsstandort in den Grossraum Uster verlegen und warum nicht ein Stadion auf dem jetzigen Militärflugplatzareal? Fabian Hörmann: «Durch unsere Arbeit können wir nur Inputs geben, wie es eventuell sein könnte. Die politische Umsetzung liegt kaum in unserer Hand.» Die Sache liegt den Krokodilen aber am Herzen, ansonsten hätten sie nicht so viele Arbeitsstunden investiert. Der Aufwand beläuft sich bis jetzt auf mehrere Hunderttausend Franken. (Aufzeichnunge Anita Simeon Lutz)
 
Veranstaltungstipp: Vertreter der Gruppe Krokodil werden ihre Visionen einer Glatttalstadt am Baukongress der Docu Media Schweiz GmbH näher erläutern. Dieser findet am 8. November im KKL Luzern statt. Weitere Informationen unter: www.baukongress.ch
 

Die Gruppe Krokodil: Wer ist dabei?

Gruppe Krokodil seit 2008:
  • EM2N: Fabian Hörmann, Mathias Müller, Daniel Niggli, Winfried Schneider
  • Pool: Raphael Frei, Adriel Graber, Andreas Sonderegger, Mischa Spoerri
  • Boltshauser: Roger Boltshauser, Urs Ringli;
  • Zierau: Frank Zierau
Gruppe Krokodil seit 2011:
Schweingruber Zulauf Landschaftsarchitekten: Dominik Bückers, Lukas Schweingruber
EWP: Thomas Halblützel, Benno Singer
 
Krokodile bis 2011:
  • Weberbrunner: Boris Brunner, Roger Weber
  • Ehemalige Krokodile: Hannes Bürge, Duarte Brito, Micha Gamper, Marcel Jäggi, Daniel Kapr, Maria Spanou