Die Röhre in der Röhre

Die Röhre in der Röhre

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Teaserbild-Quelle: zvg
Ein 40-jähriges Silo in Untervaz erhält ein neues Innenleben. Weil die Holcim immer mehr Zementsorten im Angebot führt, werden auch die Lagerkapazitäten angepasst. Beim vorgestellten Umbau kam die in der Schweiz seltene Gleitschalung zum Einsatz.
 
 
 
Noch herrscht tiefer Winter auf der Baustelle auf dem Holcim-Gelände in Untervaz. Im Schneegestöber zeichnen sich die Umrisse der Zementsilos ab, aber ausser einem Kran ¬sowie zu- und wegfahrenden Betonmischer deutet nichts auf eine bauliche Tätigkeit hin. «Alles passiert innerhalb des vorhandenen Silos», klärt Andreas Zindel vom gleichnamigen Baugeschäft aus Maienfeld auf. Beim Projekt handelt es sich um den Umbau eines 40 Meter hohen bestehenden Silos, das neu unterteilt wird. In die bestehende Betonröhre kommt eine schlankere zu stehen, die mit vier kurzen, hohen Mauerstücken gegen das alte Silo abgestützt wird. Gleichzeitig teilen diese Ergänzungen den äusseren Zylinder in vier gleich grosse Vorratskammern und erlauben es, fünf verschiedene Zementsorten in einem Behälter zu lagern. Ebenfalls baulich angepasst wird die ¬Befüllung der ¬Silokammern, während die separaten Auslassvorrichtungen und die Anlagen für den direkten Verlad auf die SBB, die Rhätische Bahn und die Lastwagen neu erstellt werden.

Eine wandernde Schalung

«Wir betonieren hier rund um die Uhr während zehn Tagen nonstop, das verlangt die hierzulande nur selten gebrauchte Gleitschalungstechnik», erklärt Andreas Zindel. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem mit einer hydraulischen Vorrichtung die Arbeitsplattform mitsamt der Schalung kontinuierlich von unten nach oben gezogen wird – in Untervaz sind dies 18 Zentimeter pro Stunde. Zindel hat seine Mannschaft in drei Schichten pro Tag à je acht Stunden eingeteilt, denn die Holcim möchte ihr neu gestaltetes Silo Ende Monat in Betrieb nehmen. 4000 Quadrat¬meter sind gesamthaft zu betonieren, was eingespielte Arbeitsabläufe erfordert und ein gutes Verständnis der Arbeiter untereinander. Dass sich die Akteure praktisch blind verstehen, wird bei einer Baustellenbegehung offensichtlich. Während die acht Eisenleger in einem Höllentempo das stählerne Geflecht binden, füllen andere kontinuierlich den frisch angelieferten Beton in die Hohlräume. Dicht dahinter folgt ein Arbeiter mit der Vibriernadel, während unterhalb der Plattform die feuchtwarmen Wandstücke bereits abtaloschiert werden. Trotz des hohen Arbeitstempos ist von Nervosität nichts zu spüren. Während für den Besucher das zu verarbeitende Material auf den ersten Blick wahllos auf der Arbeitsplattform herumzuliegen scheint, wird schon nach kurzer Zeit klar, dass die Arbeitsabläufe einem ausgeklügelten System folgen. Die Handgriffe sitzen, und die Arbeiter scheinen sich wie bei einer gut einstudierten Choreografie fast synchron zu bewegen – und das in äusserst prekären räumlichen Verhältnissen. «Meine Männer erbringen hier eine Höchstleistung», sagt Andreas Zindel und freut sich auch über das ausgezeichnete Wetter, das den schnellen Fortschritt der Arbeiten begünstigte, wie auch über die reibungslose Zusammenarbeit mit der öster¬reichischen Firma Bitschnau.

Zeitplan souverän eingehalten

Fast sämtliche Arbeiten am Silo sind auf die eine oder andere Weise etwas Besonderes. Das fing ¬bereits beim Rückbau des alten Silodeckels an. Auf 50 Metern über Boden wurde zuerst das alte Dach entfernt, wobei die Arbeiter mit Seilen gesichert waren. Ebenfalls zu den Vorbereitungsarbeiten zählte die Sicherstellung des Betonnachschubs. Da auf der Baustelle 24 Stunden kontinuierlich Betrieb herrscht, musste auch ein eventueller Ausfall des nahen Betonwerks mit einkalkuliert und ein Ersatzwerk gefunden werden. Ebenfalls im Voraus haben die Verantwortlichen verschiedene Zementsorten getestet, um das optimale Material für die anspruchsvolle Arbeit zu bestimmen. Zusätzlich wurde noch eine Heizung installiert, damit der Beton bei kalten Temperaturen gut aushärtet. «Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir den straffen Zeitplan einhalten können», resümiert Andreas Zindel und schiebt nach: «So eine spezielle Baustelle gibts in unserer Gegend vielleicht alle fünfzig Jahre. Da lohnt es sich, diesen Aufwand zu betreiben.» (tst)
 

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Gleitschalung

Mit der Gleitschalung werden hohe turmartige Bauwerke aus Stahlbeton hergestellt. Das geschieht in einem kontinuierlichen Bauablauf, bestehend aus dem Herstellen von Aussparungen, Öffnungen und der Montage von Einbauteilen, dem Bewehren und dem Betonieren. Der Gleitvorgang der Schalung erfolgt mit Kletterstangen, die in Abständen von 1,80 bis 2,30 Meter angeordnet sind und an denen sich die gesamte Schalungskonstruktion hochzieht. Die durch Hydraulik eingesetzte Kraft wird mittels Hubzylinder in kleinen Hüben umgesetzt. Wichtig ist bei diesem Verfahren, dass der Beton, der während des Gleitens abbindet, am unteren Ende der Schalung ausreichende Festigkeit besitzt. Die frühe Festigkeit erfordert eine besondere Betonrezeptur, wobei die Lufttemperatur eine wichtige Rolle spielt.
 

Mehr Vor- als Nachteile

Ein äusseres Kennzeichen für das Gleitbauverfahren ist der Herstellungsprozess, der systembedingt, im Gegensatz zur Kletterschalung, kontinuierlich, im 24-Stunden-Schichtbetrieb ablaufen muss. Die entscheidenden Vorteile der Gleitschalung gegenüber Kletterschalungssystemen sind der schnelle Baufortschritt, eine ankerlose, homo¬gene, gleichmässige Betonoberfläche ohne Stösse, Lunker, Luftporen und der wirtschaftliche Einbau von Beton und Bewehrung. Von Nachteil sind der 24-Stunden-Schichtbetrieb, aufwendige Bewehrungseinbauteile, da die Bewehrung die Schalung nicht kreuzen kann, sowie eine eingeschränkte Oberflächenqualität des Betons. Analog dazu wird eine Gleitschalung auch bei sehr langen Betonbauwerken, zum Beispiel Betonstrassen und Betonschutzwänden, verwendet. (mgt)