Die Kirchenbank darf auch bequem sein

Die Kirchenbank darf auch bequem sein

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Foto: Martin Haldimann
Die Lausanner Kathedrale ist längst zu einem auch säkular genutzten Ort geworden. Deshalb haben Bachelor-Studenten der Ecal unter der Leitung des renommierten Designers Jörg Boner die Bestuhlung der Lausanner Kathedrale neu konzipiert und den aktuellen Gegebenheiten angepasst.
 
Es gibt Bereiche des Alltagslebens, die sind gestalterische Einöden, Wüsten, in denen nichts gedeiht als Einfallslosigkeit und mangelnde Innovationslust. Lustlosigkeit sowieso. Kirchenbestuhlung ist ein solcher Bereich. Dies hat wohl so einiges mit der Geschichte zu tun: Gab es bis zum Hochmittelalter ausser für den Bischof und den Klerus überhaupt keine Bänke und Stühle in den Kirchen, hatten sie später – ganz im Gegensatz zu den Gebäuden, in denen sie standen – eine rein praktische Funktion, waren zum Sitzen und Beten bestimmt. Wenn ihr Gestalter einen Anspruch hatte, dann vielleicht einen Dekorativen. Aber sicher keinen an die Bequemlichkeit. Denn schliesslich sollte sich der Kirchengänger in Demut üben (und während der Liturgie um keinen Preis einschlafen).
Auch heute werden Kirchenstühle in der Regel nicht von bekannten Designern gemacht. Oder können Sie auf Anhieb vier Industriedesigner aufzählen, die sich mit deren Entwurf befasst haben? Nein? Eben. Eine ähnliche Frage nach Gestaltern von Mobiliar für Wartebereiche oder Flugzeug-Sitzen liesse sich ohne grosse Mühe beantworten. Klar, es gibt Ausnahmen: Wenn es etwa gilt, einen prestigeträchtigen Bau neu zu möblieren. Dan darf auch schon mal einer wie Jasper Morrison ran. Er hat 1998 die Stühle für Le Corbusiers Sainte-Marie de La Tourette bei Lyon entworfen. Oder wenn die Kirche in Lausanne steht: Dort wachsen die Designertalente ja gleichsam vor dem Kirchenportal. Die Studenten des dritten Bachelorjahres in Industriedesign etwa. Sie haben denn auch im vergangenen Jahr den Auftrag erhalten, die Bestuhlung der gotischen Kathedrale unter der Leitung von Jörg Boner neu zu konzeptionieren. «Diesen prestigeträchtigen Auftrag hätte wohl niemand abgelehnt», sagt dieser.

Ungewöhnlicher Ort, klassische Analyse

Wie realisiert man denn eine solche Aufgabe? Begegnet man ihr mit grosser Zurückhaltung, mit einer gewissen Scheu? Die Herangehensweise habe sich in ihren Grundlagen von anderen Aufträgen nicht unterschieden. «Man besichtigt den Ort, spricht mit den Verantwortlichen, stellt sich Nutzer, Bedingungen und Nutzungen vor und fragt sich, welche Elemente, Wünsche und Forderungen erfüllt werden sollen. Und man findet heraus, wo der Gestaltungsfreiraum liegt und wie gross er ist», beschreibt Boner. Doch natürlich war das Lausanner Projekt dennoch keines der Üblichen: «Die Kathedrale ist kein Ort wie jeder andere. Nicht nur die religiöse Aufladung, sondern auch die Zeit, die in diesem Gebäude so etwas wie konserviert wird, sind beeindruckend und allgegenwärtig.» Schon im 6. Jahrhundert stand am gleichen Ort ein Sakralbau. Die Kirche, wie sie sich heute präsentiert, stammt mehrheitlich aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Sie ist riesig: «Der Raum verfügt über für uns sehr ungewohnte Dimensionen», sagt der Projektleiter. Und wie viele andere Sakralbauten heute auch, ist die Lausanner Kathedrale längst zu einem auch säkular genutzten Ort geworden. Neben Messen werden darin klassische Konzerte veranstaltet, eine beeindruckende Orgel befindet sich direkt über dem Hauptportal. Auch politisch wird der Raum bespielt, es finden etwa Festakte und Ehrungen statt. «Die Momente, die in der Kirche entstehen und erlebt werden, sind sehr unterschiedlich. Die Gemeinsamkeit dieser Anlässe ist ihre Wichtigkeit und Tragweite», führt Jörg Boner aus.
Die funktionalen und ästhetischen Anforderungen an die Bestuhlung, die sich aus den Gegebenheiten des Ortes ergeben, sind zahlreich: Weil sich etwa die Gemeinde zum Gottesdienst gegen den Altarraum ausrichtet, die Konzertbesucher sich aber lieber der Orgel, die sich dem Altar genau entgegengesetzt über dem Hauptportal befindet, zuwenden, müssen sich die Stühle drehen lassen; um den Gemeindeangestellten die Arbeit zu erleichtern und um Platz zu sparen, ist eine Verbindung zwischen den einzelnen Sitzgelegenheiten empfehlenswert; stapelbar sollen die Stühle auch sein. Und komfortabel (das dürfen sie heute). Die über hundertjährigen Tessiner Holzstühle mit geflochtenen Sitzen, die momentan in der Kathedrale stehen, erfüllen diese Anforderungen zumindest teilweise nicht.

Zeitlos und dauerhaft

Eine weitere Gestaltungsrichtlinie für seine Studenten setzte Boner selbst: «Es schien mir gar keine andere Möglichkeit zu geben, als die Stühle aus Holz zu fertigen». Zum einen harmoniere Holz wie kein anderes Material mit dem allgegenwärtigen Grau des Steines, zum anderen sei maximale Reduktion gefragt: Die Bestuhlung sollte durchaus etwas Sakrales haben, ehrfürchtig sein und bescheiden angesichts des alten und wichtigen Raumes. Dennoch, unterstreicht Boner, müsse man im Auge behalten, dass an der Kathedrale immer wieder gebaut worden sei, dass einzelne Elemente die Anpassung an die jeweils aktuelle Mode durchaus transportierten: «Das soll sich auch jetzt nicht ändern. Es ist wichtig, dass die Stühle aussehen wie aus dem Jahr 2011. Aber gleichzeitig müssen sie Gültigkeit haben, archetypisch sein.» Wären die Industriedesigner Modestudenten, hätte ihr Lehrer von ihnen wohl verlangt, anstatt modische oder schrille Haute Couture einen gut geschnittenen, zeitlosen Anzug zu schneidern. Bei diesem Projekt betont Boner, sei Dauerhaftigkeit noch expliziter anzustreben als bei anderen Aufträgen. Und er zitiert Enzo Mari sinngemäss: «Du kannst erst nach 25 beurteilen, ob Design gut ist oder nicht».
Es sei eine schwierige Aufgabe gewesen, sagt der Designer ausserdem. «Mit unserem Büro wären wir sicher 2 Jahre drangesessen. »Die Bachelor-Studenten an der Ecal hatten bloss ein Semester Zeit. Mit Ausnahme von Thierry Didot, Lucas Uhlmann, Jonas Nyffenegger und Guillaume Schweizer. Sie haben ihre Kathedralen-Stühle zu Diplomprojekten gemacht und ein Jahr lang an der Realisierung der Prototypen gearbeitet. «Natürlich sind im Zuge dieses Projektes auch Visionen entstanden, die schwer realisierbar sind», stellt Boner fest, aber er sagt es nicht kritisierend, sondern meint es durchaus positiv: «Ich habe bewusst auch Visionäres zugelassen. Freiheit zu haben, ist für die Studenten wichtig.»
Gab es konkrete Vorbilder, ähnliche Projekte, die den Studenten als Richtlinien dienten? «Wir haben uns Gedanken über den Stuhl in der Menge gemacht. Also etwa entsprechende Lösungen in Versammlungsräumen oder Konzertsälen angeschaut. Und schon ganz am Anfang der Entwurfsphase habe ich die Studenten dazu angehalten, den Stuhl nie einzeln, sondern immer in einer Sechsergruppe zu zeichnen. So wird ziemlich schnell klar, ob eine Idee weiterzuverfolgen ist, oder nicht». Wie ein Stuhl als Einzelstück oder aber in Verbindung mit anderen gleichermassen funktionieren kann, zeigt Lucas Uhlmann Entwurf: Die Lehne fungiert als verbindendes Element, als Band, die schmalen Sitzflächen berühren sich nicht untereinander. Das Anlehnen findet also im Kollektiv statt, das Sitzen ist sozusagen Privatsache.
Wird einer der Prototypen, die ihre Produktionsreife noch nicht erreicht haben, überhaupt je realisiert werden? Man hofft es. Sicher ist es jedoch keineswegs: «Attention. Rien n’est décidé», sagt Eric Golaz, der Präsident der Nutzungskommission der Kathedrale.
von Rebekka Kiesewetter