Die Ingenieure machen mobil

Die Ingenieure machen mobil

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Teaserbild-Quelle: Thomas Kümin
Mit dem Ingenieurtram in der Stadt Zürich wollen die Usic und andere Interessengruppen das Image des Ingenieurberufs fördern. Besonders die Jugend soll mit kurzen Film- und Bildergeschichten im Zürcher Sondertram auf die Leistungen der Berufsgruppe aufmerksam gemacht werden, die unter akutem Nachwuchsmangel leidet.
 
Thomas Kümin
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Thomas Kümin
Während zwier Jahre soll das Ingenieurtram neugierig auf den Beruf des Ingenieurs machen.
 
Seit dem 10. September kurvt das Ingenieurtram auf dem Schienennetz der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) umher. Dafür wurde ein VBZ-Tram des Typs Cobra nach den Vorstellung der Schweizerischen Vereinigung beratender Ingenieurunternehmungen (Usic) umgestaltet. Als rollende Werbeplattform für den Ingenieurberuf wird es während der nächsten zwei Jahre nicht nur auf Zürichs Strassen, sondern auch an verschiedenen Ausstellungen zu sehen sein. Der Usic, Regionalgruppe Zürich, ist mit der Lancierung des Ingenieurtrams ein Coup gelungen. Es sorgte schon bei seiner Jungfernfahrt für Aufsehen: Passanten reckten die Hälse und Schulkinder zeigten aufgeregt mit den Fingern, als die in bunten Farben lackierten Wagen vorbeirauschten. Emotionen wecken ist auch das Ziel des Ingenieurtrams, es soll Fahrgäste für die vielfältigen Ingenieurleistungen begeistern, die den Alltag komfortabel und sicher machen. Vor allem soll es aber bei der Jugend für den Ingenieurberuf werben. Weil sich nicht genügend junge Menschen für eine entsprechende Ausbildung begeistern, haben Ingenieurbüros Mühe, offene Stellen zu besetzen.
 
Usic-Präsident Flavio Casanova und Frank Straub, Präsident der Usic-Regionalgruppe Zürich, lancierten das Ingeniertram gemeinsam mit dem Zürcher Stadtrat Andres Türler, dem SBV-Geschäftsleiter Zürich/Schaffhausen, Ernst Hauser, und dem neuen VBZ-Direktor Guido Schoch. «Kaum ein Ingenieurprodukt wird von den Zürcherinnen und Zürchern so emotional wahrgenommen wie das Tram. Diese Feststellung darf oder muss ich immer wieder machen», sagte Türler, Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe. Tatsächlich lässt sich in der Stadt kaum jemand finden, der nicht über ein spezielles Erlebnis in oder mit diesem Transportmittel berichten kann. Das Ingenieurtram und die VBZ als öffentlicher Verkehrsbetrieb verkörpern Leistungen und Fachwissen der Ingenieur-Berufsgruppe: Antrieb, Steuerung, Energieversorgung, Führung eines Liniennetzes und Infrastruktur bauen auf Lösungen von Spezialisten auf. Davon künden im Tram sechs Flachbildschirme, auf denen Kurzfilme, Animationen, Bildergeschichten, News-Meldungen und Veranstaltungs-Ankündigungen gezeigt werden. Die Kurzfilme ohne Ton dauern rund zehn Minuten und werden nach drei bis vier Wochen ausgetauscht. Zum Mitnehmen liegen Flyer und Broschüren auf. Und wer sich zuhause orientieren will, kann das auf der Website www.ingenieurtram.ch tun. Das Sondertram verkehrt auf den Linien 3, 4, 9, 11, 13 und 14.

Bedarf bei weitem nicht gedeckt

Annehmlichkeiten, wie die morgendliche Dusche oder die Fahrt in die Ferien, die dank Ingenierleistungen möglich sind, werden heute von der Jugend und von vielen Erwachsenen als selbstverständlich wahrgenommen, so der Tenor bei der Einweihung des Ingenieurtrams. Die geringe Wertschätzung und Bekanntheit von Berufsfeldern in den Bereichen Bau und Gebäudetechnik führe dazu, dass die Berufsgruppe der Ingenieure grosse Nachwuchssorgen plagen. Die Anzahl der an den eidgenössischen Hochschulen und an den Fachhochschulen ausgebildeten Fachkräfte reiche heute nicht, um den Bedarf bei den Usic-Büros, bei den Verkehrsbetrieben und in der übrigen Privatwirschaft zu decken, betonte Usic-Präsident Flavio Casanova. Er schob einige Zahlen nach: Im letzten Jahr hätten 158 Studenten den Bachelor-Studiengang absolviert, 73 den Master-Studiengang. «Wir brauchen aber jährlich 500 bis 700 Studienabgänger, um den Bedarf zu decken», so Casanova. 2008 hätten 60 Prozent der freien Ingenieurstellen nicht besetzt werden können. «Es ist somit selbstverständlich, dass unsere Branche mit Überlastungsproblemen zu kämpfen hat. Auch in der heutigen Wirschaftskrise sind bei den Ingenieurunternehmungen viele Stellen noch nicht besetzt.» Folgenschwer sei auch, dass für die Ingenieure der Gebäudetechnik in der Schweiz gar keine universitäre Ausbildung angeboten werde. «Mit der Umsetzung der neuen Energiegesetze und den notwendigen Innovationen zur Verbesserung der Energieeffizienz in Gebäuden wäre es aus unserer Sicht dringend notwendig, entsprechende Studienrichtungen anzubieten», erklärte der Usic-Präsident.
 
Die Usic ist mit über 800 Mitgliedsfirmen und Filialen, die fast 9000 Mitarbeiter beschäftigt, die grösste patronale Planervereinigung der Bauplanungsbranche in der Schweiz. Allein im Kanton Zürich zählt sie 185 Mitgliedsunternehmen mit über 2700 Mitarbeitern.

Baumeisterverband unterstützt Kampagne auf Zürichs Strassen

Wie wichtig die Ingenieure in der Baubranche sind, erläuterte Ernst Hauser, Geschäftsleiter des Baumeisterverbands Region Zürich/Schaffhausen: «Weil Bauen Teamarbeit ist, muss sich jeder Beteiligte auf den anderen verlassen können. Der Leistung der Bauingenieure kommt für die Ausführenden deshalb eine grosse Bedeutung zu. Dem Schweizer Baumeisterverband ist deren praxisnahe Ausbildung ein wichtiges Anliegen.» Die Zusammenarbeit zwischen Bauingenieuren mit Baufirmen und Baumeistern werde darum intensiv gefördert, zum Beispiel im SBV-Ausbildungszentrum in Sursee. Die Ingenieurtram-Kampagne unterstreiche aus Sicht des Baumeisterverbands beispielhaft, dass Bauingenieure und Baumeister bei der Realisierung ihrer Werke zahlreiche Nahtstellen haben.

Ein Hoffnungsschimmer

Dass die Ingenieurwissenschaften vielleicht schon bald Aufwind verspüren könnten, dafür gibt es Anzeichen: Wie die Tageszeitung «NZZ» meldete, registrierte die ETH Zürich für das kommende Semester 2500 Studienanfänger, das sind 15 Prozent mehr als im Vorjahr, und durchbricht damit erstmals die Marke von 15 000 Studenten. Allein 482 Neueintretende wollen Maschinenbauingenierswissenschaften studieren, 38 Prozent mehr als im Vorjahr. Erstmals wird damit die Architektur mit 323 Neueintretenden auf den zweiten Platz verwiesen. Insgesamt legen die Ingenieurwissenschaften gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent zu.