Die Gotthard-Passstrasse, eine Erfolgsgeschichte aus dem 13. Jahrhundert

Die Gotthard-Passstrasse, eine Erfolgsgeschichte aus dem 13. Jahrhundert

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Nächstes Jahr wird die Gotthard-Passstrasse saniert. Sie ist der wohl legendärste Verkehrsweg der Schweiz, ihre Ursprünge reichen Jahrhunderte zurück. Und sie ist auch Teil der Geschichte der Eidgenossenschaft: Dem römisch-deutschen Kaiser Friedrich II war die Nord-Süd-Verbindung so wichtig, dass er den Urnern die Reichsfreiheit verlieh und später auch den Schwyzern und Unterwaldnern.
 
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So stellte sich der deutsche Maler Carl Blechen (1798-1840) den Bau der Teufelsbrücke vor.
 
Die wahre Erfolgsgeschichte der Strasse über den Gotthard-Pass begann Anfang des 13. Jahrhunderts. Unter dem Namen "Adula Mons" war der Passweg zwar schon unter den Römern bekannt. Benutzt wurde er jedoch wenig, denn die Schöllenenschlucht zwischen Göschenen und Andermatt galt als unüberwindbares Hindernis. Die Geschichte des Personenverkehrs und der Warentransporte über den Gotthard ist damit auch  die Geschichte des Ausbaus, bzw. der Begehbarmachung der Schöllenenschlucht. Um 1220 gab es die erste Brückenkonstruktion in der Schlucht und 1230 entstand die erste hölzerne Brücke, die Teufelsbrücke über die Reuss.

Die Teufelsbrücke als Kernstück der Passstrasse

Die Überbrückung der engen Schlucht war ein derart kühnes Werk, dass es für abergläubische Zeitgenossen nur entstanden sein konnte mit der Hilfe des Teufels. So entstand die Sage von der Teufelsbrücke, für die die Urner den Teufel nicht mit dem ersten Menschen, der darüber ging, "bezahlten" sondern mit einem Geissbock, der als erstes Lebewesen die Brücke überquerte. Der Teufel, der in seiner Wut einen riesigen Felsbrocken auf die Brücke werfen wollte, zielte zum Glück daneben. Der Riesenstein liegt heute noch neben der Einfahrt zum Gotthard-Strassen-Tunnel, meist geschmückt mit einem kleinen Schweizer-Fähnchen. 

Ein Stück Schweizer Gründungsgeschichte

Mit dem Ausbau des Passes stieg auch das Interesse an der neuen "schnellen" und relativ kurzen Verbindung über die Alpen. Die Urner und ihr Pass waren für den römisch-deutschen Kaiser Friedrich II und seinen Sohn, dem deutschen König Heinrich VII so wichtig, dass sie den Urnern die Reichsfreiheit verliehen, was bedeutete, dass sie nur noch dem Kaiser Gehorsam schuldeten und diesem sozusagen direkt unterstellt waren. In der Folge erhielten auch die Kantone Schwyz und Unterwalden dieses Privileg. Damit gehört der Gotthard-Pass  zur Gründungs-Geschichte der Eidgenossenschaft. 
 
Im 13. Jahrhundert bestand der Weg über den Gotthard aus einem gekiesten oder mit Granitplatten belegten gepflasterten Saumweg von bis zu drei Metern Breite. Schon vor bald 800 Jahren zogen immer mehr Menschen über den Gotthard gegen Süden und Norden. Trotz verschiedener Engpässe, die für die Säumerkolonnen manchmal zu regelrechten Staus führten, galt der Gotthard-Pass als einer der bedeutendsten Alpenübergänge. 
 
Schon 1237 sind erste Verträge zwischen den Orten an der Gotthardstrasse bekannt, die den Säumerverkehr regelten. Erhalten ist unter anderem auch ein schriftliches mit Siegeln der  Beteiligten versehenes Dokument, eine "Transportordnung" der Säumergenossenschaft Urseren aus dem Jahr 1363. Den Säumergenossenschaften oblag nicht nur der Transport von Menschen und Waren, so sorgten auch für Unterhalt und Ausbau der Wege. 
 
Anfang des 14. Jahrhunderts überquerten jedes Jahr um die 10'000 Menschen und 9'000 Saumtiere den Pass. Bei gutem Wetter benötigte man von Flüelen am Vierwaldstättersee bis nach Bellinzona zu Fuss etwa 30 Stunden. Hochbetrieb herrschte vor allem in den Sommermonaten. Der Warenverkehr war für die Säumer auch im Winter ein gefährliches aber auch lukratives Geschäft. Sie nutzten von Ochsen gezogene Schlitten, die mit bis zu 600 Kilo Waren beladen werden konnten. Erst 1595 wurde in der Schöllenen die erste Teufelsbrücke in Stein erstellt.

Karolingische Kapelle auf der Passhöhe?

Auf der Gotthard-Passhöhe fanden sich Spuren einer kleinen Kappelle aus der karolingischen Zeit Karls des Grossen. Erstmals erwähnt wurde eine Kapelle und eine Sust, eine Herberge auf der Passhöhe im Jahr 1331. Die Kapelle soll bereits 1230 dem Heiligen Godehardus geweiht worden sein, nach dem der Pass benannt ist. 1431 entstand ein eigentliches Hospiz für Rom-Pilger und noch im 18.Jahrhundert wurden dort jedes Jahr etwa 4000 mittellose Pilger mit einem Stück Brot, etwas magerem Käse und etwas Wein und einer Suppe verpflegt. 1799 wurde das Hospiz von den Franzosen und Russen zerstört. Das heutige Hospiz-Gebäude wurde 1834 und 1838 ausgebaut und erneuert. 

Ganzjähriger Postverkehr schon vor 500 Jahren

Bereits1494 sind regelmässige Botendienste über den Gotthard bezeugt. Den ersten eidgenössischen Postdienst schufen die Zürcher Gebrüder Hess im Jahr 1615, die in Zürich im Haus zum roten Gatter das erste Postamt eingerichtet hatten. Einmal pro Woche schickten sie einen Läufer über den Gotthard nach Bergamo. Ein weiterer Botendienst betrieb Diego Maderni in Lugano von 1653 bis 1682 dessen berittene Reiter den Weg zwischen Luzern und Mailand in vier Tagen zurücklegten. Und der vom Berner Ratsherrn Beat von Fischer ab 1693 betriebene Kurierdienst über den Gotthard hielt sich bis 1832. Ab 1842 fuhr täglich eine fünfspännige, zehnplätzige Postkutsche in beiden Richtungen zwischen Flüelen und Como. Ab 1849 wurde ein Doppelkurs nötig. Gleichzeitig wurde die Gotthardstrasse auch im Winterbetrieb mit zweiplätzigen Schlitten befahren. Nachdem 1875 noch 72'000 Reisende über den Gotthard registriert wurden, verlor der Gotthardpass-Verkehr mit der Eröffnung des Eisenbahntunnels 1882 schlagartig seine Bedeutung.  

Ausbau über Jahrhunderte

Kontinuierlich wurde der Saumweg des Mittelalters ausgebaut, trassiert, verbreitert. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts war er über weite Strecken mit Granitrollsteinen und Gneisplatten gepflastert. Wo es ging betrug die Breite etwa fünf Meter. Ende des 18. Jahrhundert konnte er bereits von Kutschen benutzt werden. Zwischen 1818 und 1830 wurde die Gotthardstrasse auf beiden Pass-Seiten auf eine Breite von 7,5 bis 5,5 Meter ausgebaut, tauglich auch für schwere Lastfahrwerke. 1937 bis 1941 belegte man die kurvenreiche Tremolastrasse auf der Südseite und andere Teilstücke mit einem Granit-Kopfsteinpflaster und in den 50er Jahren erfolgte der Vollausbau der Schöllenenstrasse und die Inbetriebnahme einer neuen Teufelsbrücke.
 
Auf der Südseite war 1977 der Vollausbau und damit die grossräumige Umfahrung der alten kurvenreichen Tremolastrasse fertiggestellt. Mit der Eröffnung des 17 Kilometer langen Autobahntunnels am 5. September 1980 wurde schliesslich eine echte wintersichere Strassenverbindung geschaffen und die sehr gut ausgebaute Strasse über den Gotthardpass verlor wieder ein Stück weit an Bedeutung. Die Fahrt über den Gotthard hat aber nichts von ihrem Reiz verloren. (mai)