Die erste Wohnmaschine zwischen Zukunft und Vergangenheit

Die erste Wohnmaschine zwischen Zukunft und Vergangenheit

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Foto: Michael Hunziker
Die Villa „Le Lac“ in Corseaux von Le Corbusier gilt als das erste Haus der Moderne in der Schweiz. Lange schlummerte es in einem Dornröschenschlaf, bis es vor einem Jahr dank Patrik Moser den Status eines Museums erhielt und die Türen der breiten Öffentlichkeit geöffnet wurden. Ein Portrait über ein Haus, das bis heute eine Inspirationsquelle für zeitgenössische Architektur ist.
 
 
Mächtig und mit viel Umschwung säumen sich alte Patriziervillen am Gestade des Genfersees zwischen Lavaux und Vevey. Am Ende dieser prunkvollen Parade weist ein Schild am Strassenrand auf ein unscheinbares, von einer Mauer umgebenes Museum hin, von dem man nur gerade sein bewachsenes Flachdach sieht. Doch der Eindruck der Unscheinbarkeit verflüchtigt sich schnell: Hinter der Mauer liegt dieses Raumschiff, das die Ideen Corbusiers bis ins Heute transferiert. Obwohl die Witterungen der Jahrzehnte an der Villa „Le Lac“, die 1924 gebaut und seither nur marginal verändert wurde, nicht spurlos vorbeigezogen sind, strahlt sie Zeitlosigkeit aus.
Patrik Moser geht seit etwas mehr als zehn Jahren in dem Haus ein und aus. Der Kurator der Villa ist mit der jüngeren Geschichte und dem Schicksal des Baus eng verflochten. Ihm ist es zu verdanken, dass die Architekturikone nicht in Vergessenheit geraten, sondern zu einem Museum geworden ist. „Es brauchte zehn Jahre andauernde Verhandlungen zwischen der Gemeinde Corseaux, der Fondation Le Corbusier und mir, bis wir eine erste offizielle Ausstellung durchführen konnten.“ Der Gemeinde sei bis vor kurzem gar nicht bewusst gewesen, welch Juwel auf ihrem Grund steht. So hätte man auch noch vor zehn Jahren Stimmen aus der Verwaltung gehört, die forderten, es sollen Parkplätze für einen Schiffssteg an der Stelle des Hauses geschaffen werden.
Kaum auszudenken, wie der Widerstand gegen die erste Wohnmaschine in den 30er Jahren gewesen sein musste. „Die Leute fragten sich, wann das Haus endlich fertig werde, es hätte ja gar kein Dach“, erzählt Moser. Die Nachbarn seien in die Opposition gegangen und stoppten das Vorhaben Corbusiers, ein zweites Gebäude orthogonal zu Villa zu bauen, das auf Pfählen in den See geragt hätte. Die Gemeinde beschloss nach der Fertigstellung, dass keine Flachdachhäuser mehr gebaut werden dürfen und schimpfte in einem Brief an Corbusier, sein Werk sei ein „Verbrechen gegen die Natur.“
Aus der Korrespondenz der Mutter Marie Jeanneret an ihren damals noch relativ unberühmten Sohn geht hervor, dass auch sie mit dem Haus einige Mühe hatte. Es sei im Winter zu kalt und bei Hochwasser wurde der unterkellerte Teil hoch gedrückt, was zu Rissen in der Fassade führte. Diesen Mängeln begegnete Corbusier, indem er die Nordfassade mit galvanisiertem Stahl zu Isolationszwecken verkleidete und die Risse an der Südfront mit einer Aluminiumfassade abdeckte. Mit steigender Berühmtheit des Sohnes wichen ihre Klagen zunehmendem Lob und Anerkennung.
Nach ihrem Dahinscheiden im Jahre 1960 blieb Corbusiers Bruder, der Musiker Albert Jeanneret, bis zu seinem Tod 1973 alleine in dem Haus wohnen und unterrichtete hier Kinder und Jugendliche in Rhythmik.
Danach lief die Villa „Le Lac“ Gefahr zur Ruine zu werden. Zwar stand sie damals schon unter Denkmalschutz, doch sie wurde von niemandem unterhalten und blieb elf Jahre unbewohnt. Erst 1984 wurde sie für interessierte Besucher wieder zugänglich. „Man konnte sich auf der Gemeinde für eine Besichtigung anmelden, mit bürokratischen Wartezeiten bis zu zwei Wochen“, erzählt Moser.
Der Sitzplatz im Garten ist ebenfalls von einer Mauer umgeben. Ein kleines Fenster dezimiert den Blick auf die fernen Bergfirste am anderen Ufer des Sees. Im Innern das Gegenteil: Die Natur flutet den Raum durch die fünfzehn Meter lange Fensterreihe. Neben der freien Grundrissgestaltung und dem Dachgarten ist das Langfenster einer der drei von Corbusiers entwickelten „fünf Punkte zu einer neuen Architektur“, die er in der Villa bereit angelegt hat. „Während man sich im Innern aufhält, wähnt man sich draussen und sitzt man in der Gartennische, schaut durchs Fenster fühlt man sich in einem Raum“, sagt Kunsthistoriker Moser. „Dieses Doppelspiel versuche ich auch zwischen den Ausstellungen und dem Haus zu erreichen. Die Werke sollen einerseits die Räume bereichern und andrerseits sollen die Bilder von ihnen profitieren und in eine Beziehung des gegenseitigen Wertschätzens treten.“
Zurzeit sind Fotographien von Rene Burri ausgestellt, der das Leben Le Corbusiers zwischen 1950 und 1960 dokumentierte. Er beleitete den Architekten auf Reisen, folgte ihm ins Kloster La Tourette und besuchte ihn in seinem Atelier in Paris. Nicht zu unrecht heisst die Ausstellung „Le Corbusier intime“. Die Bilder zeigen den scheinbar Unnahbaren in sehr persönlichen Momenten. „Wir trafen aus etwa 3000 Bildern eine Auswahl von 35. Hinter jedem steckt eine Geschichte und Anekdote“, erzählt Moser.
Dass die Villa „Le Lac“ auch heute noch zeitgenössische Architektur beeinflusst ist am Beispiel des Rolex Learning Center der ETH Lausanne zu sehen. Die Pritzker-Preis-gekrönten Architekten von Sanaa aus Japan planten das Gebäude nach dem Konzept des freien Grundriss als durchgehender eingeschossiger Raum. „Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa kamen bereits dreimal hierher und studierten die Wohnmaschine“, erzählt Moser. „Ich staunte dann nicht schlecht, als nach der Eröffnung des ETH Learning Centers alle 60 Mitarbeiter des Büros vorbeischauten und ihrem Team den Ursprungsort ihrer Inspiration für das Rolex Center zeigten.“
 
von Michael Hunziker