Die Branche baut auf Frauen

Die Branche baut auf Frauen

Gefäss: 
Ist die Baubranche eine Männerbranche? Die Antwort ist ein klares Jein. Denn während Bauingenieurinnen oder Maurerinnen bis heute sehr selten sind, stellen die Frauen in manchen Bauberufen schon heute die Mehrheit der Auszubildenden.
 
 

Internettipps

Informationen zu Frauen und Ausbildungen in der Baubranche gibt es bei

 

 

 
Wenn in der Schweiz die Frauen- und Männerquoten diskutiert werden, geht es meist um die akademische Bildung. In vielen Gymnasien, aber auch an zahlreichen Fakultäten stellen die Frauen schon heute die Mehrheit. Die tertiäre Bildung werde durch den Fokus auf sogenannte weiche Fächer «verweiblicht», lautet eine häufige Klage. Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich aber nur selten auf das Baugewerbe. Entgegen der festverankerten Klischees ist dieses seit Jahren kein reines ­Männergeschäft mehr. Frauen mögen in manchen Berufen in der klaren Minderheit sein, als Exotinnen werden sie schon lange nicht mehr wahrgenommen.

Malerhandwerk hat Anziehungskraft

Die Erfolgswelle der Frauen ist nicht auf das ­Baunebengewerbe beschränkt. Längst haben sie Berufe für sich erobert, die früher als klassische Männerdomäne galten. «Der Frauenanteil bei  den Malern liegt heute bereits über 50 Prozent», sagt Petra Braun, Bereichsleiterin Marketing und Nachwuchsförderung beim Schweizerischen ­Maler- und Gipserunternehmer-Verband (SMGV). Noch vor zehn Jahren betrug der Frauenanteil 20 Prozent. Laut Braun haben viele Frauen den Beruf für sich entdeckt: «Als Malerin können sie kreativ, flexibel und eigenverantwortlich ­arbeiten. Dazu kommen genaues und sauberes Arbeiten, die Möglichkeit, auch Teilzeit zu arbeiten oder vielfältige Weiterbildungen zu machen.» Beim SMGV hat man in den letzten Jahren vielfälti­ge An­strengungen unternommen, um den Maler- und Gipserberuf wieder bekannter zu machen. Dazu gehört auch der Slogan «Maler und Gip­ser – die ­Kreativen am Bau». Während diese Strategie bei den Malern respektive Malerinnen gut funktioniert, sieht es bei den Gipsern deutlich anders aus. Die schwere körperliche Arbeit dürfte der Hauptgrund für die sehr tiefe Frauenquote zwischen einem und fünf Prozent sein. «Kraft, Ausdauer, technisches und dreidimensionales ­Vorstellungsvermögen» nennt Braun als Gründe, weshalb bis heute die Männer den ­Beruf dominieren.

Maurerinnen sind rar

Beim Maurer EFZ stimmt das Image des harten Männerberufs mit der aktuellen Statistik überein. Es gibt zwar keine belastbaren Zahlen über die Gesamtzahl der Maurerinnen, dafür zur Berufslehre. «Der Frauenanteil in der Grundbildung beträgt rund ein Prozent» sagt Ueli Büchi, Leiter Ausbildungspolitik beim Schweizerischen Baumeisterverband (SBV). Man betreibe keine spezielle Frauenförderungspolitik, sondern spreche Frauen und Männer gleichermassen an. «Mit neugestalteten Lehr- und Werbemitteln wollen wir  vor allem Transparenz schaffen.» Gerade bei der ­Berufswahl sieht der SBV gute Möglichkeiten, um die Bauberufe bekannt zu machen. Diese seien durch ihre guten Arbeitsbedingungen und Kar-rieremöglichkeiten sowie die überdurchschnitt-lichen Löhne auch für Frauen attraktiv, meint ­Büchi: «Frauen, die nicht nur kreativ und eigenverantwortlich arbeiten, sondern auch aufsteigen und gut verdienen wollen, können sich als Maurerin diese Berufswünsche optimal erfüllen.» Im Rahmen des nationalen Zukunftstages (früher Tochtertag) organisiert der SBV zusammen mit einigen Maurerlehrhallen auch spezielle Veranstaltungen für Mädchen.
Aus der Forschung weiss man, dass gemischte Teams reinen Männer- oder Frauengruppen überlegen sind: Das Arbeitsklima ist besser, der Hickhack geringer. Wie alle Branchen bekommt ­jedoch auch die Bauwirtschaft ein ungelöstes Problem zu spüren: «Viele Frauen geben den Beruf wegen der Familienplanung frühzeitig auf oder reduzieren ihr Pensum», sagt Braun. Der Kadernachwuchs leide darunter.

Teilzeit als Herausforderung

Das Beispiel der Malerinnen und Maurerinnen zeigt, dass mit einer verstärkten Werbung für den Nachwuchs noch nicht alle Probleme gelöst sind. Wie in fast allen anderen Branchen geht es um strukturelle Nachwuchsprobleme, die unter anderem mit der Vereinbarkeit von Familie und ­Beruf zusammenhängen. Galten früher 100-Prozent-Pensen als selbstverständlich, wünschen sich heute ­immer mehr Jugendliche, nur Teilzeit zu ­arbeiten und daneben noch anderen Interessen folgen zu können. Und war Teilzeitarbeit lange eine typisch weibliche Domäne, äussern seit ­relativ ­kurzer Zeit auch Männer den Wunsch nach einem reduzierten Pensum. Der Wandel von ­einer Vollzeit- zu einer Teilzeitkultur dürfte die Schweizer Wirtschaft noch einige Zeit beschäftigen. Die ­aktuelle Diskussion scheint derweil noch auf dem Aufweichen alter Rollenbilder zu verharren. So bietet die Zürcher Fachstelle für Gleichstellung für Sekundarklassen Workshops unter dem Titel «Von Maurerinnen und Floristen» an. Betrachtet man dagegen die realen Statistiken und spricht mit Jugendlichen, die nicht mehr gross zwischen Männer- und Frauenberufen unterscheiden, könnte der Titel auch lauten: «Von Malerinnen und Kleinkinderziehern».  (Mike Staub)