Der Winter macht am meisten zu schaffen

Der Winter macht am meisten zu schaffen

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Teaserbild-Quelle: Florencia Figueroa
Das Selve-Areal in Thun lag wegen seiner Altlasten lange brach. Nun ist es entgiftet und kann endlich bebaut werden. Die grössten Probleme bereitet den Bauarbeitern der Winter.
 
Es schneit und es ist unangenehm kalt. Auf den ersten Blick wirkt die eingeschneite Baustelle Selve-Areal in Thun denn auch ruhig – fast schon verlassen. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn sobald man näher heran geht, dann hört man sie: Das Surren, wenn der Kran vorsichtig ein Bauteil auf den Boden lässt, das Rauschen, wenn der Beton durch die Schläuche gepresst wird und man sieht die gelben Helme, wenn die Bauarbeiter geschäftig an einem vorbeihasten.
30 Bauarbeiter sind zurzeit mit dem Rohbau beschäftigt. «Natürlich ist der Schnee nicht gerade die ideale Voraussetzung für unsere Arbeiten», meint Projektleiter Peter Töngi von der Firma Frutiger AG. «Ein Grund, die Bauarbeiten einzustellen, ist der Schnee aber nicht. Wir mussten ja damit rechnen.» Schwierigkeiten, wenn auch nicht grosse, bereitet er aber dennoch. So zum Beispiel beim Weiterbau der Einstellhalle, die gemeinsam von allen Neubauten genutzt werden soll: Der Boden müsste dringend geteert werden, ist aber zehn Zentimeter tief gefroren. Solange er nicht auftaut, bleibt den Bauarbeitern jedoch nichts anderes als warten.

Schneller vorankommen

Der Grund, dass der Boden geteert statt betoniert wird, ist einfach: «Wir kommen viel schneller voran», sagt Töngi. Und so schnell geht das: Über die Einzelfundamente wird der Belag mit dem Strassenfertiger eingebracht. Fertig ist der Boden.
Danach kommt das Dach. Um die Decke aus Beton anzubringen, werden im Bodenbelag einzelne Flächen ausgeschnitten. In diese stellen die Bauarbeiter die Betonstützen, auf die schliesslich die Decke zu stehen kommt. Dass man auf diese Weise vorgeht, hat laut Töngi seinen Grund: «Wenn wir die Decken vor dem Belag einbringen würden, hätten die grossen Strassenfertiger keinen Platz mehr, um den Teer zu bearbeiten. Ausserdem könnten die Teerdämpfe nicht sauber entweichen. Die Bauarbeiter wären den starken Dämpfen ausgesetzt.» Ein weiterer Vorteil dieser Vorgehensweise: Man erhält schnell einen Bodenbelag, der befahrbar ist. Die Deckenschalung der Einstellhalle kann so ohne Probleme abgestellt werden.

Areal lag lange brach

Dass auf dem Selve-Areal gebaut werden kann, ist nicht selbstverständlich. Denn während vieler Jahre blieb das Areal in Thun trotz seines Potenzials ungenutzt. Die Gründe waren Altlasten (siehe «baublatt» 42/2009 und Artikel «Ein neues Stadtquartier entsteht») – deren Beseitigung zuerst abgeklärt werden musste – und unter Denkmalschutz gestellte Bauten. Erst als im Jahr 2000 die Selve Park AG, bestehend aus der Stadt Thun und dem Kanton Bern, die Grundstücke erwarb und sich die Beseitigung der Altlasten zur Aufgabe machte, entstand ein Interesse für das Areal. Prompt wurde eine Bauherrschaft gefunden, die bereit war, in das Areal zu investieren. Und zwar die Baugesellschaft Selve Thun, bestehend aus den beiden Totalunternehmungen Frutiger AG und HSR Real Estate AG, die rund 140 Millionen Franken für das Areal aufwenden.
Gemeinsam mit der BG Selve Thun schrieb die Stadt Thun einen Wettbewerb aus. Sechs Architekturbüros wurden zur Teilnahme eingeladen, zwei davon zur Weiterbearbeitung ihrer Projekte ausgewählt.

In zwei Areale aufgeteilt

Aus diesen sechs gingen die Gewinner Luscher Architectes, Lausanne, und Althaus Architekten, Bern, hervor. Die Jury wählte beide Projekte: das Projekt Althaus im östlichen und der Vorschlag von Luscher im westlichen Teil des Selve Areals. Das Areal wurde deshalb in zwei Sektoren aufgeteilt (siehe «baublatt» 28/2007 und «Das Projekt»).
Für den dritten Sektor, auf dem der öffentliche Park angelegt werden soll, ist die Stadt Thun verantwortlich. Sie entscheidet, wie er aussehen wird. Für den Park wendet die Stadt rund 2,5 Millionen Franken auf.
Auf die Bauarbeiten hatte diese Aufteilung jedoch keinen Einfluss, wie Töngi erklärt, denn die Totalunternehmungen haben sich die Sektoren aufgeteilt. Für den Bereich Althaus ist die HSR Real Estate AG zuständig. Für den Bereich Luscher die Frutiger AG.

Baugesuche fehlen

Da die Bauprojekte etappiert sind, befinden sich die Bauarbeiten in unterschiedlichen Phasen. Der Bau auf dem Sektor Althaus wurde bereits Ende 2009 fertiggestellt. Im Sektor Luscher erstellen die Arbeiter zurzeit den Rohbau für die Gebäude A, B, C und E (siehe Grafik). Für das Gebäude D werden zurzeit die Aushubarbeiten in Angriff genommen.
Dass die Arbeiten für die restlichen Bauten, inklusive Park, noch nicht aufgenommen worden sind, liegt aber nicht nur an der Etappierung, sondern auch daran, dass das Areal noch nicht vollkommen von den Altlasten befreit worden ist. Für zwei weitere Baufelder läuft ausserdem derzeit noch das Baubewilligungsverfahren. Dieses laufende Verfahren erweist sich aber nicht als dringend, weil vorgängig noch die Sanierung der Altlasten erfolgen muss.

Betonieren geht fast immer

Mehr Sorgen bereiten den Bauverantwortlichen zurzeit die Deckenbewehrungen. Wegen des Schnees auf der Deckenschalung können diese nicht eingebaut werden. Deshalb haben die Bauarbeiter begonnen die Betonwände aufziehen – und zwar überall dort, wo es der Baufortschritt zulässt. «Betonieren ist meist kein Problem», stellt Töngi klar. «Das geht mit entsprechenden Massnahmen und Schutzvorrichtungen noch bis fünf Grad minus.»
Trotz der Schwierigkeiten, die der strenge Winter verursacht hat, liegt das Bauvorhaben auf dem Selve-Areal weiterhin im Zeitplan. Projektleiter Töngi ist denn auch zuversichtlich, dass sich daran nicht viel ändern wird – egal, wie kalt und unangenehm es noch werden wird. (Siehe dazu auch «Ein neues Stadtquartier entsteht».) Florencia Figueroa
 

Nachgefragt beim Architekten Rodolphe Luscher

Das Aussergewöhnliche an diesem Projekt ist unter anderem die Zusammenlegung zweier Projekte. Die Jury hat beschlossen, die beiden Projekte aufeinander abzustimmen. War es schwierig für Sie, Ihr Projekt auf ein anderes abzustimmen?
Die angesprochene Abstimmung war nicht wirklich notwendig: Die beiden Arealteile beherbergen unterschiedliche Nutzungen (Verwaltung / Wohnen) und wurden zeitversetzt realisiert. Mögliche Synergieeffekte waren für die Bauherrschaft nicht wirklich ein Thema, es sind also zwei einzelne Projekte, die nebeneinander entstehen. Unter Berufskollegen gab es keine Probleme.
 
Und wie war die Zusammenarbeit mit dem anderen Büro? Was waren die Besonderheiten/Schwierigkeiten?
Der dennoch nötige Austausch mit dem Büro Althaus Architekten in Bern auf der Ebene Gesamtplanung verlief immer angenehm und konstruktiv. Mit dem von der Bauherrschaft für die Bauausführung schliesslich beauftragten Büro Burckhardt + Partner AG erübrigt sich die Koordination.
 
Im westlichen Arealteil, auf dem Ihr Projekt zurzeit realisiert wird, steht ein dreigeschossiger schützenswerter Bau. Man hat versucht, ihn irgendwie in Ihr Projekt einzubinden. Sind Sie mit der jetzigen Lösung zufrieden oder hätten Sie den Bau lieber abgerissen?
Dass mindestens ein Zeuge dieses Quartiers und seiner ehemaligen Nutzung erhalten bleibt, ist für uns nachvollziehbar. Ob dieses Gebäude die geeignete Wahl war, hängt von den Beurteilungskriterien ab. Mein persönlicher Favorit als Zeitzeuge war beim ersten Wettbewerb auf der Selve anno 1990 der Koksturm, welchen ich dazumal zum Spielturm umgestalten wollte.
 
Das Gelände ist ein Art Stadtinsel zwischen Bahnlinie und Fluss. Zwei Gegensätze, die sich fast nicht vereinen lassen. Welche Auswirkungen haben diese Gegebenheiten auf das Projekt?
Gegensätze oder Qualitäten? Diese Frage war Ausgangspunkt unserer Überlegungen in der Entwurfsphase des Wettbewerbsprojekts: Die drei parallel zu den Geleisen stehenden Volumen funktionieren als eine Art peripherer Lärmschild für die ganze Überbauung. Dafür mussten technische Lösungen gefunden werden. Die weiteren Gebäude und die entsprechenden Aussenräume profitieren davon und beziehen sich auf den Fluss. Um dies konsequent umzusetzen, schlugen wir vor, die Scheibenstrasse vom Durchgangsverkehr zu befreien. Und schliesslich markieren die beiden weit herum sichtbaren Punkthäuser/Hochhäuser die «Neue» Selve. So entsteht an diesem einzigartigen Ort nun ein neues Quartier von Thun.
 
Die Fragen, die bisher gestellt worden sind, beziehen sich alle auf Schwierigkeiten innerhalb der Planung. Welche Herausforderung war aber nach Ihrer Meinung die grösste? Und warum?
Die Herausforderungen im Wohnungsbau sind immer dieselben: Die stetig wachsenden Ansprüche an Platz und Komfort stehen der Gewinnerwartung oder dem Kostendruck in der Ausführung diametral gegenüber. Dennoch existieren neue, innovative Lösungsansätze für dieses grundsätzliche Problem, die aber der Bauherrschaft und den Investoren eine gewisse Portion Mut und Engagement abverlangen. Nach nun schon über vierzig Jahren Berufspraxis stelle ich aber fest, dass jede Bauherrschaft schliesslich das Projekt realisiert, für welches sie sich im Prozess der Bearbeitung entschieden hat. (ffi)