Der Landschaft eine Stimme verleihen

Der Landschaft eine Stimme verleihen

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Teaserbild-Quelle: Foto: Peter Roth
Der Bund Schweizer Landschaftsarchitekten wirkt an allen Fronten, um dem Berufsstand in Fachwelt und Gesellschaft mehr Gehör und Kraft zu verleihen. Brigitte Nyffenegger und Pascal Gysin, alte und neue Präsidenten des BSLA, im Gespräch.
 
Unter Gartenkunst versteht man die landschaftsarchitektonische Gestaltung begrenzter Freiräume. Historisch gesehen ist Landschaftsarchitektur ein relativ junger Begriff. Der Amerikaner Frederick Law Olmsted wird wohl der Erste gewesen sein, der Mitte des 19. Jahrhunderts während seiner Arbeit am Central Park in New York die Bezeichnung «Landscape Architect» aus der Taufe gehoben hat. Angesichts der gewaltigen Planungs- und Bauaufgabe hielt er Begriffe wie Gartengestalter nicht mehr für angemessen. Der Berufsstand verbindet heute wie kein anderer ökologische Aspekte mit planerischer und gestalterischer Kompetenz. Trotz einer nachhaltigen Rolle innerhalb der Gesellschaft kämpft dieser in der Schweiz nach wie vor um Akzeptanz und Ansehen. Der Bund Schweizer Landschafsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen (BSLA) hat sich auf die Fahne geschrieben, einerseits die Interessen des Berufsstandes wahrzunehmen und andererseits die Sensibilisierung von Politik und Öffentlichkeit für die Bedeutung und die Probleme in Bezug auf unsere räumliche Umwelt zu fördern. Brigitte Nyffenegger, die von 2003 bis 2011 die Geschicke des Verbandes führte, und Pascal Gysin als neuer Präsident des BSLA sprechen über ihre Leidenschaft für die Landschaft und ziehen ein Fazit respektive wagen einen Blick in die Zukunft.

Warum haben Sie sich für den Beruf eines Landschaftsarchitekten entschieden?

Brigitte Nyffenegger: In meiner Jugendzeit war ich stets draussen in der Natur anzutreffen. Ich wollte den Pflanzen und Tieren etwas Gutes tun. Angestachelt durch die Naturgartenbewegung, entschied ich mich Mitte der 80er-Jahre für diesen Beruf. Während meiner Ausbildung zur Landschaftsarchitektin entdeckte ich meine Leidenschaft am Gestalten erneut. Ich war gefordert, das Handwerk Entwurf zu lernen und die Prozesse zu verstehen. Noch heute pendle ich zwischen den unterschiedlichen Anforderungen, die an den Aussenraum gestellt werden. Manchmal sind es gestalterische und manchmal die ökologischen Aspekte, die im Vordergrund einer Aufgabe stehen.
Pascal Gysin: Nach meiner Schulzeit war ich ganz einfach müde, weiter die Schulbank zu drücken. Ich wollte etwas von Hand erschaffen. So wählte ich den Beruf eines Gärtners. Durch meine Naturverbundenheit und die Nachbarn, die eine Gärtnerei leiteten, hat sich alles irgendwie ergeben. Nach der Lehre inklusive Berufsmatura schrieb ich mich an der Hochschule in Rapperswil ein und machte nach dem Technikum den Master in Landschaftsarchitektur.

Was bedeutet für Sie Landschaftsarchitektur?

Gysin: Ich war schon immer von der Breite des Themas fasziniert. Landschaftsarchitektur bietet einen unglaublichen Reichtum an Optionen und Möglichkeiten, sich selber einzubringen und einen gesellschaftlichen Niederschlag zu hinterlassen. Dies war und ist heute in meinem Berufsleben die Hauptmotivation.
Nyffenegger: Die Disziplin vereinigt unzählige Aspekte wie Nutzung, Einbettung in die Landschaft und auch das Sicherstellen von ökologischen Werten. Schliesslich ist es immer der Ort, der im Zentrum steht. Neben der baulichen oder vegetationstechnischen Umsetzung eines Projekts sind es natürlich Prozesse vor Ort, die ausgelöst und gesteuert werden und Teil des Projekts sind.
Gysin: Ich lege den Fokus nicht primär aufs reine Design, sondern auf die Beobachtung, Lenkung und Beeinflussung der angesprochenen Prozesse. Diese Intention gilt in meiner Arbeit als der Prüfstein, ob wir in unserem Büro ein Projekt umsetzen wollen oder nicht. Wir legen grossen Wert auf die enge Zusammenarbeit innerhalb eines Teams und mit den Auftraggebern. Es braucht aber auf Seiten der Kunden eine Bereitschaft, sich auf diese Prozesse einzulassen und ihren Teil dazu beizutragen.

Sie waren während acht Jahren Präsidentin des BSLA. Worin sahen Sie Ihre Aufgabe?

Nyffenegger: Für mich war bei meinem Antritt klar, dass ich an der Strategie des Verbandes arbeiten musste. Wohin entwickelt sich der Berufsstand? Wo steht in zehn Jahren die Landschaftsarchitektur in der Schweiz? Ich sah meine Arbeit nicht nur für den Verband, sondern auch für den Berufsstand und unsere Umwelt. Dabei setzte ich mir vier inhaltliche Schwerpunkte: zufriedene Mitglieder, Öffentlichkeitsarbeit, Agglomerationsraum und Ausbildung.

Sie habe die Ausbildung als eines Ihrer vier Ziele angesprochen.

Nyffenegger: Die Ausbildung zum Landschaftsarchitekten ist in der Schweiz zurzeit schlicht ungenügend. Ich konnte in Rapperswil am Technikum eine HTL-Ausbildung mit 40 Lektionen pro Woche geniessen. Später folgte die ausgedünnte Variante mit dem Landschaftsarchitekten FH. Nun gibts den Bachelor, bei dem man im Vergleich zur Fachhochschule noch zwei Drittel der Stunden besuchen kann. Dabei boomt der Berufsstand. Die Büros spriessen in der Schweiz wie Blumen aus dem Boden. Die grosse Nachfrage nach qualifiziertem Personal wird stark durch Leute mit Master-Ausbildung aus dem Ausland gestillt.
Gysin: Es gibt gar Büros, die keine Abgänger der Schulen in Rapperswil und Genf aufnehmen. Dies ist eine absolut fatale Situation. Ich bin grundsätzlich nicht dagegen, wenn Architekten, Städtebauer und Raumplaner in unserem Beruf arbeiten. Dies wertet die Landschaftsarchitektur auf und fördert den interdisziplinären Dialog. Doch wir als Berufsstand müssen auf eine solide Grundausbildung bauen können. Und erst dann können wir das Ziel einer Vollausbildung auf universitärer Stufe anpeilen.

Welche Inhalte wollen Sie als neuer Präsident ansprechen?

Gysin: Bei meiner Antrittsrede habe ich gesagt, dass wir als Verband nicht schreierisch sein wollen, aber wir müssen gehört werden. Das heisst, dass wir uns geschickt vernetzen müssen. Wir müssen an den richtigen Orten mit wirklichen Inhalten überzeugen. Als Verband müssen wir enger zusammenstehen. Ich will die Leute ansprechen, mitnehmen und zu Beteiligten machen. So kann der Vorstand sich auf strategische Geschäfte konzentrieren und das Operative vermehrt an den grossen Pool an Leuten abgeben. Dies soll mittel- bis langfristig dazu beitragen, dass der Verband stärker getragen wird. Und dass es selbstverständlich ist, dass ein Landschaftsarchitekt auch im BSLA sein will. Ich habe mir zwei Stossrichtungen vorgenommen: Einerseits will ich das Erbe von Brigitte Nyffenegger und der grossen Diskussion um die Ausbildung zu einem positiven Ende bringen, und andererseits will ich das Thema der Landschaft aktiv mitprägen.

Wie hat sich die Landschaftsarchitektur seit Ihrer Ausbildung bis heute verändert?

Nyffenegger: Es ist seit 1990 viel passiert. Dieter Kienast hat durch sein Wirken als Professor in Rapperswil, in Karlsruhe und an der ETH Zürich einiges in Bewegung gesetzt. Die Landschaftsarchitektur der Schweiz hat durch und mit ihm eine internationale Ausstrahlung erhalten. Eine inhaltliche und formale Schärfe ist entstanden. Die Gestaltung stand im Zentrum. Um die Jahrtausendwende wurde der private Garten immer mehr zum Thema, und in Zürich-Oerlikon entstanden zahlreiche öffentliche Parks. Mit ihrer formalen Strenge stellten sie einen weiteren Schritt in der Entwicklung der Landschaftsarchitektur dar. Dieses Reduzierte, die Klarheit wirkte damals auf mich befreiend. Gleichzeitig bildete sich eine gute Zahl an etablierten, auch international anerkannten Landschaftsarchitekturbüros heraus. Heute findet in der Landschaftsarchitektur eine Gegenbewegung statt. Die Gestalter versuchen sich dem Benutzer wieder mehr zu nähern und nehmen ökologische Werte ernster.
Gysin: Heute bekommt die Landschaftsarchitektur eine neue Bedeutung. Für mich war die Zeit der Ausbildung bis heute sehr stark geprägt von Anlehnung an Architektur und Design. Die Schweiz kann auf zahlreiche Büros und Projekte bauen, die weltweit Anerkennung gefunden haben. Dagegen stecken die Thematik der Qualität und Veränderung der Landschaft, die Erschaffung von allgemeingültigen Terminologien in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Ich glaube aber, dass wir es geschafft haben, dass die Landschaftsarchitektur als eigenständig wahrgenommen wird. Im Vergleich zu Frankreich, Deutschland und England ist die Schweiz in der europäischen Presse überproportional vertreten. Dies zeigt uns, dass die Qualität stimmt und dass die Landschaftsarchitektur sich ein Stück weit emanzipiert hat.

Wie geht der Weg nun weiter?

Nyffenegger: Der Lebensraum wird immer städtischer, die Gesellschaft wird immer städtischer. Trotz dieser Entwicklung ist das Naturerlebnis weiter ein Grundbedürfnis der Menschen. Wir wollen die vier Jahreszeiten auch im urbanen Raum erleben, Kinder wollen auf Bäume klettern und im Dreck spielen. Weil man die Siedlungsgebiete nicht mehr erweitern will, ist der Begriff Verdichtung verstärkt in der Diskussion. Plötzlich wird die Frage nach Freiräumen gestellt. Die Gebäude werden immer höher. Wir brauchen Erholungsraum im ¬unmittelbaren Wohnumfeld. Vor sieben Jahren verschickten wir einen Brief an unsere Mitglieder, dass im Agglomerationsraum ein grosser Nachholbedarf bestehe, was Lebensqualität im öffentlichen Raum betrifft. In vielen Städten hat es in allen Quartieren gut nutzbare öffentliche Freiräume, aber in vielen Agglomerationen liegt vieles im Argen. In diesen Planungen geht es nicht nur um das Siedlungsgebiet selber, sondern um den Raum darum herum. Die offene Landschaft gerät zusehends unter Druck. Diese Nahtstellen zwischen bebauten und unbebautem Raum sind enorm wichtig. Wie geht man mit bestehenden Werten sinnvoll um, ohne alles umzugraben? Freiraum- und Landschaftsentwicklung sind die Schlagwörter. Unsere Aufgabe wird immer komplexer und anspruchsvoller. Die Öffentlichkeit muss stärker in Entwicklungsprozesse eingeschlossen werden. Die Bedeutung der Landschaftsarchitektur wird stark zunehmen, um unsere Lebensqualität zu sichern und zu steigern.
Gysin: Durch das Wettbewerbswesen ist garantiert, dass die Innovation hochgehalten wird. Nun müssen wir es schaffen, dass die Landschaft in der Gesellschaft als Teil einer kulturellen Leistung wahrgenommen wird. Und was heisst dies in Bezug auf die Freiräume, wenn man in einem relativ dichten Agglomerationsbereich nochmals verdichten muss? Die Diskussion muss schnell und intensiv geführt werden. Dieser Dialog hilft uns, die Landschaft der Zukunft mitzuprägen, die hohe Lebensqualität grundsätzlich zu behalten. Auf die Landschaft an den Siedlungsgrenzen lastet ein unglaublicher Druck von Hundehaltern, Drachensteigern, Mountainbikern und so weiter. Man kann eine reaktive Haltung haben und Verbotsschilder aufstellen. Und man kann versuchen, diese Landschaft neu zu denken. Wir brauchen Visionen und Instrumente. Eine Vision allein kann genial sein, wenn wir aber keine Instrumente besitzen, um diese umzusetzen, bleibt es bei einer netten Absicht.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Diskussion um das Raumkonzept Schweiz?

Gysin: Das Landschaftsmanifest des BSLA ist eine direkte Reaktion auf das Raumkonzept Schweiz. Wie haben festgestellt, dass in Publikationen, Referaten und Äusserungen die Landschaft als das Niedliche, Nette, das man möglichst schonen und schützen muss, dargestellt wird. Wir müssen dieser eine Stimme verleihen, sie aus dem Dornröschenschlaf herausholen. Die aktuellen Entscheide im Dunstkreis von Fukushima werden ganz markant Druck auf unsere Umgebung auslösen. Der reine Landschaftsschutz ist auch keine Haltung. Genauso, wie es der reine Denkmalschutz nicht ist. Wir werden vor allem, und dies fehlt mir in der Diskussion, den Faktor Zeit einführen müssen. Wir sprechen immer von Schwarz oder Weiss, von Weide oder Solarpark. Aber dass eine Weide zwei Generationen lang ein Solarpark sein und dann wieder zu einer Weide werden kann, ist für mich durchaus auch ein Szenario. Klar ist dies nicht mehr das Ideal, das ich einst gelebt habe. Als Wanderer auf einer Bergkuppe blinkt es vielleicht vermehrt links und rechts von mir. Egal, es ist temporär, nicht in Bezug auf mein eigenes Leben, sondern auf zwei, drei Generationen. Und was wir damit schaffen können, ist Luft und Zeit für eine saubere Forschung und eine neue ¬Energiepolitik. Wir müssen einfach provokativer werden, eine andere Perspektive einnehmen, unpopuläre Lösungsansätze anpreisen, die aber wirkliche Beiträge in der Entscheidungsfindung sind. Dort sehe ich die Rolle des BSLA, wir schlüpfen in die Rolle der Anwälte der Landschaft.
 
von Roland Merz