Der Erfinder, der aus dem Süden kam

Der Erfinder, der aus dem Süden kam

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Teaserbild-Quelle: Thomas Staenz
«Ich war schockiert, als ich das erste Mal die Unterkunft meines Vaters in Winterthur sah», erinnert sich Giulio Albanese, der vor rund 45 Jahren zum ersten Mal Schweizer Boden betrat. Er hielt es damals nicht für möglich, dass Gastarbeiter wie sein Vater in engen, ungepflegten Unterkünften leben mussten: «Ohne Familie – Frau und Kinder – erschien mir ein solches Leben vom ersten Moment an nicht erstrebenswert.» Albanese lernte in der Folge auch andere Seiten seiner neuen Heimat kennen – und blieb bis heute in Winterthur, wo er sich als erfolgreicher Unternehmer etablierte.
 
 
Früh schon kündigte sich die Geschäftstüchtigkeit des Giulio Albanese an. Als Primarschüler musste er in seinem Heimatdorf Dinami in Südkalabrien nachmittags jeweils seinem Grossvater auf dem Markt beim Verkauf helfen, während andere Kollegen frei hatten. Dem Kleinen wurde sofort klar, dass er die Ware seines Verwandten so schnell wie möglich an den Mann und die Frau bringen musste – so blieb entsprechend mehr Zeit, um sich mit seinen Kameraden zu treffen. Mit einer guten Bedienung, das war offensichtlich, wären nicht nur die Kunden, sondern auch sein Grossvater zufrieden. Mit diesem Vorsatz bei der Arbeit schuf sich Giulio schnell den Ruf, den Kunden gegenüber fair und dem Grossvater eine erfreuliche Arbeitskraft zu sein. Alle zufriedenzustellen und selber auch noch einen Profit davon haben, das hätte Zukunft, das war ihm klar.
 
Eine weitere Erfahrung, die seine Geschäftstüchtigkeit schon früh belegt, machte Giulio Albanese während der traditionellen Sommerferien am Meer. Zusammen mit seinen Brüdern und der Mutter bewohnte die Familie ein kleines Logis. Ihm war aufgefallen, dass andere Touristen am Strand viel mehr materielle Güter besitzen als er und seine Familie: feine Kleider, besseres Essen und natürlich luxuriöse Unterkünfte. «Ich fragte: Gott warum habe ich das alles nicht?», erinnert sich Albanese. Dann entdeckte er, dass es in den Bergen unweit seines Urlaubsdomizils wilde Kakteen mit Feigen gab. Gott, so Albanese, hätte ihm den Ratschlag gegeben, frühmorgens in die Berge hinauf zu kraxeln und Feigen zu sammeln. Nur vor Tagesanbruch lassen sich die süssen Früchte ohne ernsthafte Verletzungen ablesen, kaum trifft der erste Sonnenstrahl auf die Pflanze, richten sich ihre Stacheln zu einem unantastbaren Nadel-Bollwerk auf.

Trick, der immer noch funktioniert

«Um acht Uhr waren wir schon fertig mit Sammeln und machten uns auf, unsere Ausbeute an die Touristen zu verkaufen», lacht Giulio Albanese und fügt an, dass er beim Verkaufen schon die nächste Lektion gelernt und eine erste Erfindung gemacht hätte: Verlange einen angemessenen Preis für deine Leistung und mach ein gutes Angebot. Das sah so aus: Eine Feige kostete fünf Lire, drei zehn. Mit diesem Rezept wurde er innert Kürze seine Ware los und konnte sich mit dem erwirtschafteten Geld feine Mortadella-Brötchen und Glacen – wie die Touristen – leisten. «Den gleichen Trick – Sammeln und Verkaufen von Kaktus-Feigen – habe ich vor rund zehn Jahren einem marokkanischen Verkäufer von Sonnenbrillen und Gürteln an demselben Strand empfohlen. Der Mann kam einige Tage später zu mir zurück, bedankte sich für den Tipp, denn er hätte tadellos funktioniert», erinnert sich Albanese.
 
1959 – Giulio war gerade neun Jahre alt geworden – verliess der Vater seine Heimat, um in der Schweiz zu arbeiten. Dies geschah aber nicht zuerst, weil das Familienoberhaupt keine Beschäftigung in der Heimat fand, sondern weil man davon hörte, dass ennet der Alpen innerhalb kurzer Zeit anständig Geld zu verdienen sei. Von nun an besuchte der Vater die Familie in Italien zweimal im Jahr, und als Giulio 15 wurde, ging er zum ersten Mal zu seinem Papa in die Schweiz: «Statt dem Meer wollte ich einmal blonde Frauen sehen und die feine Schweizer Schoggi probieren». Stark beeindruckte ihn ein Zwischenhalt am Hauptbahnhof Zürich, denn alle redeten natürlich Deutsch, was in den Ohren von Giulio zwar unverständlich aber «grauenhaft schön» klang.

Ein Leben wie im Gefängnis

In Winterthur seinem Ziel angekommen, beschlich den italienischen Passagier ein seltsames Gefühl, das sich bei der Ankunft an Vaters Wohnort in Entsetzen verwandelte: «Als ich Papas Zimmerli sah, stellte es mir völlig ab. Es war so klein und stickig und ungemütlich». Am ersten Tag musste Giulio zudem zu Hause bleiben, was für ihn «stinklangweilig» war. Nicht verwunderlich, dass er am zweiten Ferientag schon wieder nach Hause wollte. Sein Bruder überredete ihn aber zum Mitgehen auf die Baustelle, wo er arbeitete. Giulio durfte aber nur zuschauen, nichts anfassen. Am Mittwoch kam dann die Erlösung in Form des Chefs der Baufirma. Dieser heuerte ihn für den Rest seines Urlaubes an und bot ihm 4,10 Franken die Stunde. Dabei zeigte er sich so fit im neuen Job- er hatte zuvor in Italien während dreier Jahre eine Maureranlehre gemacht – dass ihm der Chef spontan einen Lehrlingsplatz anbot. Doch Giulio wollte nach Hause zurück, die Lebensumstände seines Vaters hatten ihm stark zugesetzt: «Selber waschen, kochen, putzen, das ist kein Leben, das ist ein Gefängnis!» Umstimmen konnte ihn nur der dreimonatige Besuch seiner Mutter in Winterthur. Später kam sie immer wieder für längere Zeit und konnte ab 1968 definitiv hier bleiben. Ein Jahr später war dann die Familie Albanese komplett in Winterthur angesiedelt und der junge Berufsmann, der ab 1966 seine Lehre als Maurer machte, fand mit dem Bezug einer familieneigenen Wohnung allmählich Gefallen an seiner neuen Heimat.
 
Ein Zufall führte Giulio Albanese zu seiner späteren Ehefrau. In ihrem Elternhaus reparierte er die Heizung und begegnete erstmals Christa Zellweger. Relativ schnell war klar, dass die beiden ein Paar wurden und zusammenbleiben wollten. «Schon beim ersten Rendezvous sagte ich ihr aber, dass ich wieder nach Italien zurück wolle, denn nur dort könnte ich Unternehmer werden», erinnert er sich. Seine Freundin zeigte aber, dass man auch hier erfolgreich selbstständig sein kann, und eröffnete ihren eigenen Damen-Salon «Brigitte». 1970 ging Albanese nach Italien, um den 16-monatigen Wehrdienst zu leisten. Bevor er sich jedoch für den Zwangsurlaub verabschiedete, kauften die beiden einen zweiten Damen-Salon.

Jobwunder mitten in der Rezession

«Ich wollte schon von klein auf Unternehmer werden. Darum war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mich selbstständig machte. Das habe ich irgendwie im Blut», meint Giulio Albanese zur ersten eigenen Geschäftseröffnung 1977. Zusammen mit seinem Bruder nutzten die beiden ihren guten Ruf, den sie sich in den vergangenen Jahren auf dem Bau erworben hatten und schafften, trotz Rezession, ein kleines «Job-Wunder»: Am Ende des ersten Geschäftsjahres zählte die Firma bereits acht Leute. «Natürlich waren wir als gute Berufsleute bekannt, aber der entscheidende Schritt zum Erfolg war purer Wille, nichts anderes», sagt der wirblige Unternehmer «und natürlich ein gewisses Talent im Beruf». Als Selbstständiger hatte er vor allem auch die Möglichkeit eine Idee von Anfang zu entwickeln und sie zur Reife, dem fertigen Produkt, zu führen. Nach ersten Erfinder-Taten für die Abfallbeseitigung setzte Albanese voll auf den Bereich Bau, denn er hatte schon einen Haufen Ideen in der Schublade, wie man schneller und einfacher bauen konnte. Bald folgte die Realisierung und Patentierung seiner ersten Erfindung, ein Bügel für die Stirnabschalung. Diese Innovation war einzigartig und verkaufte sich entsprechend millionenfach. Eine markante Erfindung folgte der Nächsten, unter anderem erfand der Winterthurer den «Zwischenanschluss». Ein kleines Eisenstück ermöglichte von nun an die problemlose Verankerung einer Innen- mit einer Aussenwand, ohne dass Backsteine zugespitzt werden mussten, es entstand das geflügelte Wort auf dem Bau: «Nimmsch en Albanese zum iimuure.»

Erfindungen erleichtern Baualltag

Ein weiterer Höhepunkt war die Erfindung der Uni-Betonhülse. Auf der Baustelle müssen viele Elemente wie zum Beispiel Deckenabschalungen oder Gerüste festgebunden werden können. Bis dahin wurde für eine Verankerung in eine bestehende Mauer ein Loch gemacht, was nie eine zufriedenstellende Lösung war. Die Uni-Betonhülse, ein konisches Röhrchen aus einem speziell entwickelten Kunststoff, wurde neu schon von Anfang mit in die Planung einbezogen, denn der Baumeister befestigte sie am gewünschten Ort auf der Schalung, bevor der Beton gegossen wurde. So erhält man nach Einbringen und Trocknen der grauen Masse eine extrem sichere Verankerung und keine zufälligen Löcher. «Diese revolutionäre Erfindung ist heute nicht mehr wegzudenken und praktisch auf jeder Baustelle mit diesem Bedürfnis kommt die Uni-Betonhülse zum Einsatz. Und sie hat sich schon über hundert Millionen Mal bewährt», freut sich ihr Erfinder und fügt an, dass sie wahrscheinlich schon genauso oft kopiert wurde. Aber gegen sämtliche Täter wird im Hause Albanese immer rechtlich vorgegangen und durchgegriffen. Die Herangehensweise bei der Entwicklung einer Neuheit hat sich über die Jahre nicht grundsätzlich verändert. «Ich stelle fest: es gibt ein Bedürfnis auf dem Bau und ich sehe, dass meine Idee, meine Erfindungen, helfen können, den Bauablauf zu rationalisieren und zu vereinfachen» meint der Patron. Er fertigt zuerst Prototypen an, probiert sie selber immer wieder aus und erst wenn die Überzeugung da ist, das Optimum gefunden zu haben, wird eine kleine Serie produziert. Anschliessend geht das Produkt an befreundete Baumeister, um den Praxistest zu bestehen und um aus den Erfahrungen eventuelle Änderungen abzuleiten.

«Nicht ohne meine Frau»

Neben dem Beruf gab es und gibt’s für den Erfinder und Unternehmer vor allem seine Familie. Nachdem Christa Zellweger und er 1972 geheiratet hatten, folgte 1974 der erste Stammhalter Pino und 1977 Franco sowie Roland. Alle drei Söhne sind heute bereits in der Geschäftsleitung des elterlichen Betriebes. Früher lebte die Familie noch im Elternhaus der Ehefrau, heute im grosszügigen Eigenheim. «Ohne die grossartige Unterstützung meiner Frau Christa hätte ich es nie so schnell soweit gebracht», meint der Ehemann. Wichtig sei seine Frau einerseits als Ratgeberin, andererseits hätte sie ihn in seinem Bestreben Unternehmer zu sein immer unterstützt: «Christa und ich, wir haben immer an demselben Strick gezogen». Heilig ist dem stolzen Familienoberhaupt in seiner dicht gefüllten Agenda nur ein Privattermin, der Sonntag: «Da könnte von mir aus der Himmel herunter kommen, den Tag widme ich meiner Familie. Und zwar schon immer. Das ist eine eiserne Regel von mir. Die Familie darf nie unter den geschäftlichen Tätigkeiten leiden». Stolz ist der Firmengründer vor allem auch darauf, in den 33 Jahren seiner Unternehmer-Tätigkeit nie Verlust gemacht zu haben. «Denke immer voraus und versuche immer Reserven zu bilden» lautet eines seiner Credos. Ein weiteres ist: «Unterschätze nie den Menschen, der vor Dir steht, im Positiven wie im Negativen» und eines, das gerade in der heutigen Zeit so aktuell wie nie zuvor ist: «Verdiene Dein Geld ehrlich und nicht durch Beschiss.» Von Thomas Staenz
 
 
 
ZUR PERSON
 
Giulio Albanese wurde 1950 als Zweiter von vier Söhnen der Familie Maria-Teresa und Giuseppe Albanese in Dinami, Südiatlien, geboren. Nach der Schulzeit begann er eine Lehre als Maurer und kam während der Sommerferien 1965 zum ersten Mal in die Schweiz, um seinen Vater und älteren Bruder zu besuchen. Nach einer Lehre als Maurer in Winterthur ging er 1970 nach Italien, um den obligatorischen Wehrdienst zu absolvieren. 1972 heiraten er und Christa Zellweger. 1974 und 1977 kommen die drei Söhne Pino, Franco und Roland zur Welt. 1977 eröffnet Giulio Albanese sein erstes Geschäft. Zahlreiche seiner Erfindungen haben den Bauablauf entscheidend vereinfacht. Die Albanese Baumaterialien mit Sitz in Winterthur-Wülflingen beschäftigt heute in Produktion, Entwicklung und Verkauf rund 120 Mitarbeiter.