Der Bau bewegt sich mit zwei Geschwindigkeiten

Der Bau bewegt sich mit zwei Geschwindigkeiten

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: SBB
Hochbau und Tiefbau entwickeln sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten: Der öffentliche Tiefbau floriert, während der Hochbau stärker auf die angespannte Wirtschaftslage reagiert. Zu diesem Schluss kommt die Analyse der jüngsten Quartalsstatistik des Schweizerischen Baumeisterverbands.
 
SBB
Quelle: 
SBB
Der öffentliche Tiefbau blüht. Im Bild: Arbeiten an der Zürcher Durchmesserlinie.
 
Die Bauwirtschaft ist nach wie vor deutlich weniger stark von der Krise betroffen als die Gesamtwirtschaft: Die Umsätze im Bauhauptgewerbe waren im zweiten Quartal 2009 um 7,8 Prozent höher als im Vorjahr. Für die Zunahme waren vor allem Grossprojekte im Tiefbau verantwortlich (+28,4 Prozent), während im Hochbau erste Abschwächungstendenzen erkennbar sind. Dies ist das Ergebnis der vierteljährlichen Konjunkturumfrage des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV) bei seinen Mitgliedern.
 
Die nominellen Umsätze im Schweizer Bauhauptgewerbe beliefen sich im zweiten Quartal dieses Jahres auf rund 4,9 Milliarden Franken. Der langwierige Winter hat die Bautätigkeit im ersten Quartal stark gebremst und teilweise fast zum Erliegen gebracht, wie dem Communiqué des SBV zu entnehmen ist. Dies hat zu einem Nachholeffekt geführt, welcher sich positiv auf die Umsätze im zweiten Quartal ausgewirkt hat. Auch die Arbeitsvorräte haben sich erfreulich entwickelt. Sie betrugen Ende Juni 11,9 Milliarden Franken (+9,0 Prozent).

Vor Krise nicht gefeit

Eine differenzierte Betrachtung zeigt laut SBV aber, dass auch die Bauwirtschaft vor der Krise nicht gefeit ist. Vor allem im privaten Hochbau ist ein sinkender Umsatz zu verzeichnen (-7,1 Prozent). Dies mache vielen kleineren und mittleren Hochbauunternehmungen zu schaffen. Der Rückgang im Wohnungsbau belief sich auf 9,1 Prozent. Auch der sinkende Auftragseingang (-9,6 Prozent) deute darauf hin, dass es in den nächsten Quartalen zu einem Rückgang in der Wohnungsproduktion kommen werde. Die nach wie vor tiefen Hypothekarzinsen stützten zwar die Nachfrage nach Wohnimmobilien, vermögen jedoch die abnehmende Einwanderung sowie die allgemeine Verschlechterung der Konsumentenstimmung nicht wettzumachen.
 
Der SBV ruft jedoch in Erinnerung, dass zwischen 2002 und 2007 die jährliche Wohnungsproduktion von knapp 29 000 auf rund 43 000 Einheiten angestiegen ist. Ein beschränkter Rückgang beim Wohnungsbau sei deshalb mit einer Normalisierung gleichzusetzen. Regional seien wie üblich grosse Differenzen feststellbar: In den Kantonen Tessin Freiburg und Luzern ging der Wohnungsbau teilweise massiv zurück, während er in einigen Kantonen (Zürich, Waadt und Thurgau) deutlich zulegte.

Stagnierender Wirtschaftsbau

Das Bauvolumen im gewerblich-industriellen Bau konnte sich gemäss SBV im zweiten Quartal fast auf dem Vorjahresniveau halten (-3,0 Prozent). Diese konstante Entwicklung sei vor allem auf einige Grossprojekte in den Agglomerationen zurückzuführen, welche noch in der Zeit der Hochkonjunktur angestossen worden seien. Das Minus von 22,9 Prozent bei den Auftragseingängen gegenüber dem Vergleichsquartal des Vorjahres weist jedoch für den SBV auf eine Abkühlung hin. Diese Entwicklung stimme mit den in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen überein: Der Wirtschaftsbau reagiert vor allem auf die Investitionszyklen der Firmen und somit besonders sensibel auf rückläufige Entwicklungen der Realwirtschaft.

Stützende öffentliche Hand

Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten im Bauhauptgewerbe erhöhte sich leicht auf 82350, was einer Zunahme von 1,7 Prozent gegenüber dem Vergleichsquartal 2008 entspricht. Die gemeldeten Bauvorhaben (+11,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr) für das dritte Quartal und die Auftragsbücher lassen laut SBV den Schluss zu, dass sich die Baukonjunktur im laufenden sowie im vierten Quartal noch nicht spürbar abkühlen wird. Eine stützende Funktion kommt dabei den Aufträgen der öffentlichen Hand zu. Dazu gehören die zahlreichen Infrastrukturbauten. Die auf den Bau ausgerichteten Konjunkturprogramme des Bundes spielen dabei nach Ansicht des SBV eine untergeordnete Rolle. Mit einem Auftragsvolumen von etwas mehr als 500 Millionen Franken können diese nur einen marginalen Beitrag zur Baukonjunktur leisten (Bauvolumen Bauhauptgewerbe 2008: 17,9 Milliarden Franken).

Verhaltene Perspektiven

Eine vertiefte Analyse der Situation der Bauwirtschaft lässt für den SBV den Schluss zu, dass sich die zwei Segmente Hochbau und Tiefbau mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten entwickeln: Der öffentliche Tiefbau floriert dank vollen Auftragsbüchern an baureifen Grossprojekten. Der Hochbau hingegen ist vor allem von privaten Aufträgen abhängig und reagiert deshalb stärker auf die schlechte Konsumentenstimmung. Zudem befürchtet der SBV im Hochbau eine weitere Margenerosion, unter welcher vor allem kleinere und mittlere Hochbauunternehmen zu leiden hätten. Der SBV schätzt das Geschäftsjahr 2009 insgesamt als gut ein.
 
Mit Prognosen für 2010 hält sich der SBV hingegen zurück: Er geht davon aus, dass die private Nachfrage nach Bauleistungen zwar weiterhin sinken wird, die öffentliche Hand diese Ausfälle jedoch über eine gewisse Zeit wettmachen kann. Eine Erholung der privaten Bautätigkeit erwartet der SBV erst durch eine Erholung der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung.