Brückenpfeiler des Wissens

Brückenpfeiler des Wissens

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Teaserbild-Quelle: mh
Auf dem ehemaligen Industrieareal Von Roll in Bern baut der Kanton für rund 130 Millionen Franken ein neues Gebäude für die Pädagogische Hochschule und die Universität. 4000 Studierende und 500 Mitarbeitende sollen ab Herbst 2013 dort ein und aus gehen. Von einem Klinkerbau mit Bücherherz.
 
 
 

Links zu Beteiligten

 
 
Bauingenieure
Theiler Ingenieure AG, Thun, www.theilering.ch
Beyeler Ingenieure AG, Bern, www.beyelering.ch
 
Landschaftsarchitektur/Tiefbauingenieure
Weber + Brönnimann AG, Bern, www.broe.ch
 
Vermessungsingenieur
Bichsel Bigler Partner AG, Gümligen BE, www.geozen.ch
 
Elektroingenieur
CSP Meier AG, Bern, www.cspmeier.ch
 
Beratende Elektroingenieure
Pro Engineering AG, Basel, www.proengineering.ch
 
Fachbegleitung Minergie-Eco
CSD Ingenieure AG, Liebefeld BE, www.csd.ch
 
Bauphysik, Akustik, Minergie-P
Gartenmann Engineering AG, Bern, www.gae.ch
 
PQM Berater
Helbling Beratung + Bauplanung AG, Zürich, www.helbling.ch
 
Fassaden
4B Fassaden AG, Hochdorf LU, www.4b-fassaden.ch
 
Fachbaubegleitung Altlasten und Gebäuderückbau
SC + P AG – Sieber Cassina Partner AG, Bern, www.scpag.ch
 
Grundwasserabdichtung
Rascor Abdichtungen AG, Jegenstorf BE, www.rascor.ch
 
Lamellenstoren
KE Storatex AG, Reiden LU, www.storatext.ch
 
 
 
Heute strömen wieder geschäftige Menschen durchs Wohnquartier Länggasse in Bern Richtung Fabrikhalle – wie 1997, als das letzte Jahr der Von-Roll-Betriebe besiegelt war und die Firma ihren Produktionsstandort nach Thun verlegte. Nur sind es keine Fabrikarbeiter, die jetzt aus den Bussen steigen und zügig um die Häuserecken laufen. Es sind Studierende der Universität und der Pädagogischen Hochschule Bern, welche die ehemalige Weichenbauhalle der Von Roll ansteuern.
 
Seit 2010 ist diese zu einer «Produktionshalle des Wissens» geworden und erhält nun mit dem Institutsgebäude einen «grossen Bruder». Die Planergemeinschaft Von-Roll-Areal Bern unter der Leitung des Architekturbüros Giuliani Hönger aus Zürich wurde für den Umbau der Weichenbauhalle in ein Hörsaalgebäude mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Umsicht-Award 2011 der SIA. Das Team plante auch bis und mit Stand Bauprojekt den Neubau des angrenzenden Institutsgebäudes. Und dass sich dieses in die geschichtsträchtige industrielle Bausubstanz der Nachbarschaft auch so einfügt, wie es die Architekten angedacht haben, liegt nun in der Verantwortung der Baumag Generalbau AG. Die Firma ging 2009 als Siegerin aus dem Gesamtleistungswettbewerb hervor, den das Amt für Grundstücke und Gebäude des Kantons Bern für das Institutsgebäude veranstaltet hatte. Zusammen mit dem Berner Büro Spreng + Partner Architekten setzt sie das Konzept der Zürcher Architekten um.
 
Während die Köpfe der Studierenden in der ehemaligen Weichenbauhalle in Hörsälen glühen, kreisen draussen in kaum zwanzig Metern Entfernung die Kräne. Der Rohbau des Institutsgebäudes steht bereits, Aufrichte war am 4. November. Gerüstbauer bereiten an einer Stelle die Vorrichtung für den Fassadenbau vor. Im Baubüro steht der Projektleiter der Baumag, Ernst Nef, vor einer Wand mit Plänen und erläutert das Projekt. Der Bau verfügt über drei Untergeschosse, das Erdgeschoss und drei identische Obergeschosse mit einer Abmessung von 107 mal 80 Metern. Das Erdgeschoss ist aufgrund der dreiseitigen Rücksprünge etwas kleiner, die drei Untergeschosse mit 98 mal 92 Metern etwas grösser.

80 Kilometer Büchertablare

«Das Herzstück des Gebäudes ist das zweite Untergeschoss. Hier befindet sich die Freihandbibliothek mit etwa 20 Kilometern Büchertablaren», sagt Nef. Die Bibliothek entwickelt sich dank dem grosszügigen Luftraum über drei Geschosse. Auf dieser Ebene ebenfalls untergebracht sind die Mensa und die Küche, Musiksäle und der Gymnastikraum. Im ersten Untergeschoss öffnet sich eine Galerie, von der sich die Fläche der Bibliothek überblicken lässt.
 
Im dritten Untergeschoss – neben Technik- und allgemeinen Lagerräumen – ist der Zentralspeicher der Universitätsbibliothek untergebracht. Hier unter Tage wird das Berner Weltwissen – oder zumindest ein beträchtlicher Teil davon – auf 80 Kilometern Büchertablaren zentralisiert. Denn der Bestand verschiedener Berner Bibliotheken wird im Institutsgebäude zusammengefasst.
 
«Wie vorausberechnet stiessen wir beim Aushub der 100 000 Kubikmeter grossen Baugrube auf kein Grundwasser», erzählt Nef. Dennoch werden die drei Untergeschosse als Weisse Wanne ausgebildet und sind somit absolut wasserundurchlässig. Auf dem Von Roll-Areal fanden während gut hundert Jahren industrielle Tätigkeiten statt. Als Hinterlassenschaft aus dieser Zeit kam beim Aushub kontaminiertes Erdreich in bis zu zwölf Metern Tiefe ans Tageslicht. «Wir waren überrascht, dass es dabei Zwischenschichten gab, die nicht verunreinigt waren», so Nef. In enger Zusammenarbeit mit dem kantonalen Amt für Wasser und Abfall und dem begleitenden Geologen wurden die Altlasten saniert. Das Institutsgebäude wird im Standard Minergie-P-Eco erstellt. Nef zeigt aus dem Fenster auf die 200 Meter Luftlinie entfernte Grossbaustelle der neuen Berner Kehrichtverbrennungsanlage Forsthaus (siehe «baublatt» 30/2011). «Wir hoffen, dass die Energiezentrale bis im Herbst 2012 fertig sein wird, denn wir brauchen ihre Fernwärme.»
 
Nef erklärt weiter: «Auf dem Plan ist es schwierig, sich den Verlauf der Haupttreppe vorzustellen. Ihre Anordnung an sich und die abgestuften Unterseiten sind architektonisch speziell durchdacht und gestaltet.» Steht man im Rohbau, erzielen diese tatsächlich bereits den gewünschten Effekt: Als wäre der Boden an die Decke gespiegelt, laufen die Stufen über Kopf weiter. Auch Projektleiter Martin Dietrich von Theiler Ingenieure betont die Besonderheit der Treppen: «Man kann diese nur als räumlich-dreidimensionales Gebilde verstehen. Und nur als solches konnten wir sie statisch berechnen.»
 
Folgt man den Stufen, führen sie einen in die Freihandbibliothek und man findet sich unter zwei mächtigen «Brücken» wieder, die die oberen Geschosse tragen. Dietrich erläutert die spezielle Tragkonstruktion: «Diese brückenartigen Abfangdecken über dem grossen Bibliotheksraum müssen die hohen Gebäudelasten von oben übernehmen und auf zwei Pfeiler verteilen, die je eine Last von 5000 Tonnen tragen und gleichzeitig als Installationsschächte dienen.»
 
Nef gibt auf dem Rundgang zu bedenken, dass das Gebäude entsprechend der Anforderungen der Bauherrschaft statisch so ausgelegt werden sollte, dass es in unbestimmter Zukunft um zwei Geschosse aufgestockt werden kann, ohne dass die Tragkonstruktion verändert werden muss. Für die Tragwerksplaner der Ingenieurbüros Theiler und Beyeler bedeutete dies, dass sie statisch ein Gebäude mit einem Erdgeschoss plus fünf, respektive zusammen mit den zurückversetzten Haustechnikzentralen gar sechs Obergeschossen, berechnen mussten. Das war natürlich auch bei der Erdbebensicherheit zu berücksichtigen.
 
Die Brückenträger sind laut Dietrich zur Gewichtsreduktion als Hohlkasten ausgebildet. Sie wirken als Abfangdecken, sind rund 40 Meter lang, 20 Meter breit und in Längsrichtung vorgespannt. «Die Spannkabel werden dabei in Etappen, jeweils nach der Fertigstellung von zwei Geschossdecken, vorgespannt, um immer genügend Gegengewicht zur nach oben wirkenden Vorspannung zu haben. In diesen Tagen wird mit der Fertigstellung des Rohbaus auch die Endvorspannung erreicht.»
 
Die Idee der brückenartigen Konstruktion stamme schon aus dem Wettbewerbsprojekt, mit dem Ziel, einen grosszügigen Bibliotheksraum mit möglichst wenigen baulichen Hindernissen zu schaffen. «Für uns Ingenieure ist es natürlich interessant, wenn die Tragkonstruktion einen wesentlichen Beitrag zur architektonischen Gesamtwirkung leisten kann und im Endausbau nicht verkleidet wird. Dabei ist uns bei diesem Objekt auch die Philosophie der Bauherrschaft mit dem Prinzip der konsequent umgesetzten Systemtrennung entgegen gekommen», erklärt Dietrich.
 
Draussen stehen vor dem Rohbau unzählige ¬Paletten mit gelblichen Steinen bereit. «Für die Klinkerfassade haben wir 140 000 Steine aus dem gleichen Brand bei der Firma Röben aus Deutschland bestellt», sagt Ernst Nef. «Ich habe der Firma rund 50 verschiedene Bilder der Fabrikfassaden aus der Nachbarschaft des neuen Gebäudes geschickt, damit die Spezialisten genau sehen konnten, welchen Farbton wir uns vorstellen. Man kann ja nicht einfach einen Stein produzieren, der hundertjährig aussieht.»
 
Nebenan fugen Arbeiter bereits einzelne vorfabrizierte Fassadenelemente aus. Denn: «Der Farbton des Mörtels muss dem der vor Ort erstellten Mauerwerke entsprechen», erklärt Nef. Es sind solche sorgfältig durchdachte Details, die das neue Institutsgebäude mit der Geschichte des Länggasse-Quartiers verschmelzen lassen. Und gleichzeitig wird hier mit dem Institutsgebäude als Produktionsstätte des Wissens daran fortgeschrieben.
Von Michael Hunziker
 
 

Nachgefragt bei Rui Destapado

Die Konzeption für das Institutsgebäude stammt von den Architekten Giuliani Hönger. Welche Gestaltungsfreiräume hatten Sie bei der Ausführungsplanung noch?
Die hohe städtebauliche und räumliche Qualität des Projekts sowie die durch den Bauherrn und die Nutzer streng vorgegebene Disposition der Räume mussten grösstenteils beibehalten werden. Dementsprechend beschränkte sich unser Gestaltungsfreiraum hauptsächlich auf die Gebäudematerialisierung, die es unter Berücksichtigung von Aspekten wie Wirtschaftlichkeit und Ökologie zu optimieren galt.
 
Was war besonders schwierig am Projekt?
Die Erhaltung der gestalterischen Qualität des uns übergebenen Bauprojekts trotz der Einsparmassnahmen und der architektonischen Um- und Weiterentwicklungen des Gebäudes. Weiter hatte die Umsetzung der Zielparameter ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit und Nutzerfreundlichkeit einen grossen Einfluss auf die Planung.
 
Was ist an dem Bau speziell?
Für das Amt für Grundstücke und Gebäude als Bauherr ist die strikte Systemtrennung ein wichtiges Mittel zur Senkung der Lebenszykluskosten und zur Steigerung des langfristigen Gebrauchswertes. Bei der Systemtrennung werden nicht wie üblich langlebige Bauelemente unwiderruflich mit kurzlebigen verbunden, sodass die Lebensdauer des ganzen Gebäudes auf die der kurzlebigen Teile reduziert wird, sondern Nutzungs- und Bauelemente unterschiedlicher Lebensdauer und Zweckbestimmung in der Planung und Realisierung systematisch getrennt. So gibt es beispielsweise keine einbetonierten Leitungen oder Kanäle, was immer wieder vorkommende räumliche Nutzungsanpassungen stark vereinfacht.
 
Bis zu 4000 Personen werden sich in dem Gebäude zeitgleich aufhalten. Welche Anforderung stellt diese Menschenmasse an die Architektur?
Die hohen Anforderungen an das Institutsgebäude, die durch die erhöhte Personenbelegung bedingt sind, spiegeln sich bereits in der leicht verständlichen Gebäudevolumetrie, der Dimension und Disposition der Räume, aber auch in der höchst anspruchsvollen Haustechnik wider. Ein ausgeklügeltes Signaletikkonzept dient weiter der räumlichen Orientierung und Leitung von Menschen im Areal und im weitläufigen Institutsgebäude.
 
Das Quartier um das neue Hochschul-zentrum ist ein peripheres Wohnquartier. Was wird sich hier in Zukunft in Bezug auf die Stadtentwicklung verändern?
Diverse Beispiele wie das Von-Roll-Areal oder die Tobler Schokoladenfabrik zeigen, dass das Länggasse-Quartier schon in der Vergangenheit neben der industriellen Produktion auch dem Wohnen für die Arbeiter und Arbeiterinnen Platz bot. Die Schliessung von Industriebetrieben oder deren Verlagerung in andere Gebiete oder ins Ausland führte dazu, dass die ehemaligen Industriestandorte neu- respektive umgenutzt werden konnten. Statt wie einst von Industriearbeitern bewohnt, werden Quartiere wie die Länggasse zeitentsprechend in Zukunft von Wissensproduzenten der Universität und der Pädagogischen Hochschule Bern bevölkert. Diese Verlagerung wird im Quartier auch in Zukunft ein deutlicher Ausdruck des Wandels von einer Industrie- zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft sein. (mh)
 
 
 
 

Übrige Beteiligte

 
Bauherrschaft
Amt für Grundstücke und Gebäude des Kantons Bern
 
Totalunternehmung
Baumag Generalbau AG, Liebefeld Bern
 
Architektur
Giuliani Hönger AG, Zürich;
Gewinner Projektwettbewerb
Spreng + Partner Architekten AG, Bern; 
Planung und Ausführung
 
Elektroinstallationen
Arge Elektro Von Roll
Hediger / Burkhalter / Etavis
 
Laborplanung
ARO Plan AG, Oberägeri ZG
 
Gastroplaner
Lüscher Planungen, Oftringen AG