Bonbonbunte Verheissungen am Strassenrand

Bonbonbunte Verheissungen am Strassenrand

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Teaserbild-Quelle: John Margolies
Schrill und bunt waren die Werbetafeln, Diners und Autokinos, die einst Highways und Strassen der USA säumten. Der Fotograf und Autor John Margolies hat die Bauten und Objekte mit der Kamera festgehalten und lädt in seinem Band „Roadside America“ zu einer bizarren Tour durch die Staaten ein. 
 
So könnte der Eingang zum Schlaraffenland aussehen: ein Tor aus einem riesigen Schokoladen-Doughnut. Doch das Doughnut besteht weder aus Teig noch aus Kuvertüre, sondern aus Beton und brauner Farbe. Und der Himmel, der knallblau über dem Gigagebäck leuchtet, ist kein Märchenhimmel, sondern derjenige von Kalifornien. Das Riesendoughnut ist nur eine unter tausenden von Skurrilitäten, die John Margolies während mehr als dreissig Jahren auf den Strassen Amerikas abgelichtet hat. Der Band „Raodside America“ versammelt rund 400 Fundstücke des Fotografen und Dozenten für amerikanische Architektur und Design: bonbonbunt, verspielt und grotesk. 
 
Mitte der siebziger Jahre unternahm Margolies lange Touren kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten. Dabei ging er mit der Akribie eines Ethnologen auf Forschungsreise vor: Anfang Herbst oder im späten Frühling mietete er jeweils „das grösste und das bequemste und am besten gepolsterte amerikanische Auto“, das er auftreiben konnte. Bevor er im Morgengrauen los fuhr, verstaute er im Kofferraum, was er während der nächsten Wochen zum Überleben brauchen würde: eine Kühltasche für die Filme und Wäscheklammern, damit die Vorhänge im Motel zublieben, eine Fred-Feuerstein-Nachtlicht mit einem sechs Meter langen Kabel für allzu dunkle Badezimmer und eine Flitsche, um aufdringlichen Fliegen den Garaus zu machen.

Licht wie „goldgelber Sirup“

Einmal „on the road“ hielt ihn nichts mehr auf. Hatte er sich in den Kopf gesetzt, ein besonders interessantes Objekt zu fotografieren, wartete er notfalls mehrere Tage, bis die Licht- und Wetterverhältnisse seinen Vorstellungen entsprachen. Um einen teekannenförmigen Pub in Pennsylvania fotografieren zu können, wartete er einmal vier Tage, bis es zu regnen aufhörte. Am liebsten waren ihm strahlend blaue Himmel und das Morgenlicht: „Ich liebe das Licht um diese Tageszeit, es ist wie goldgelber Sirup. Alles ist noch frisch und niemand stört beim Fotografieren.“  Das mag auch der Grund sein, weshalb seine Fotografien zeitlos scheinen: Menschen und Autos sieht man selten. 
 
Vielleicht waren die Autoausflüge mit seinen Eltern der Auslöser für die Fasziniation Margolies’  für die seltsamen und schrillen Gebilde, für die riesigen Werbetafeln und -anzeigen, für die Bars, Diners, Autokinos, Tankstellen und Läden. Denn als Kind konnte er die bunten Bauten nur im Vorbeifahren bewundern, wenn er mit seinen Eltern unterwegs war. Kaum war Margolies 16 Jahre alt, machte er den Fahrausweis und holte all die verpassten Gelegenheiten nach: Mit einem Oldsmobile von 1948 begab er sich auf seine ersten Entdeckungsreisen. Seiner Begeisterung für Kitsch und Kommerz blieb er auch nach Abschluss seines Studiums der Kommunikationswissenschaften treu. Als er später Programmleiter der Architectural League of New York geworden war, sorgte er für heftige Diskussionen: Er organisierte eine Ausstellung über den Architekten Morris Lapidus, der sich vor allem mit extravaganten und neobarocken Hotels einen Namen gemacht hat. Damals hielten die wenigsten Lapidus für einen ernst zu nehmenden Architekten: „Die Leute waren entsetzt. Sie dachten, ich hätte den Verstand verloren“, erinnerte sich Margolies später. 

Gewerbelokale an den neuen Highways verboten

Wäre Margolies auch der Faszination der schrillen Bauten und Tafeln erlegen, wenn er 30 Jahre später geboren wäre? Kaum. Denn was er mit seinen Fotografien dokumentiert, ist Teil eines Amerika, wie man es wohl in einigen Jahren nur noch aus Filmen kennen wird. Der Zahn der Zeit nagt schon lange an Margolies Sujets, viele sind heute schon ganz verschwunden. Grund dafür ist der Federal Highway Act von 1956. Damals wurden insgesamt 25 Milliarden für neue nationale Autobahnen bereit gestellt. Sämtliche „Super Highways“ sollten gleich aussehen. Der Bau von Raststätten und anderen Gewerbelokalen am Strassenrand wurde untersagt. Damit begannen einerseits die Geschäfte und Lokale an den alten Strassen zu verkümmern und zu verfallen, weil sie vom Verkehr der grossen neuen Highways abgeschnitten wurden. Andererseits setzten sich an den Auf- und Abfahrten der neuen Highways die grossen kapitalkräftigen Restaurantketten mit ihren immer gleich aussehenden Filialen fest.  
 
Anstelle der eigenwilligen und surrealen Betonwelt von einst finden sich heute fast überall die selben Tafeln und  die selbe Architektur. Die verrückte Roadside von einst ist austauschbar und damit Geschichte geworden. (mai)
 
 
Margolies Roadside America Taschenverlag 254 Seiten, vierfarbig ISBN: 3836511738 EAN: 9783836511735 Preis: 52 Franken