„BIM zerstört das Kreative nicht“

„BIM zerstört das Kreative nicht“

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Die Ausführungen von Thomas Wehrle von der Erne Holzbau AG zum Thema BIM stossen bei der Besucher auf reges Interesse. (Stefan Breitenmoser)

Das meist benutzte Wort an der diesjährigen Swissbau in Basel ist BIM, also Building Information Modelling. Wie BIM die Baubranche verändern wird, darüber gehen die Meinungen jedoch auseinander.

Die Ausführungen von Thomas Wehrle von der Erne Holzbau AG zum Thema BIM stossen bei der Besucher auf reges Interesse. (Stefan Breitenmoser)

BIM, auf Deutsch wohl besser übersetzt mit Gebäudedatenmodellierung, beschreibt eine Methode der optimierten Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden mit Hilfe von Software. Dabei werden alle relevanten Gebäudedaten digital erfasst, kombiniert und vernetzt. Das Gebäude ist als virtuelles Gebäudemodell auch geometrisch visualisiert. BIM ist zurzeit an der Swissbau in aller Munde und ETH-Spin-Offs wie beispielsweise „Build Up“ dürfen sich über reges Interesse seitens der Besucher freuen. Auch die Veranstaltungen zum Thema BIM sind meist ausgebucht. Trotzdem wissen viele nicht ganz, worum es sich dabei handelt und wie BIM ihre Arbeit ändern wird.

„Überall wird von BIM gesprochen, aber fast keiner bimt“, meint dazu Sacha Menz, Vorstandsmitglied des SIA. Der SIA muss dabei immer wieder den Vorwurf hören, dass nichts bezüglich BIM gemacht würde. Andere Länder wie beispielsweise Schweden oder England seien da schon viel weiter. Der SIA arbeitet zurzeit aber am Merkblatt „SIA 2051 BIM“, das der Verständigung dienen, die Organisation einen BIM Prozesses und die interdisziplinäre Zusammenarbeit beschreiben, Beteiligte und Rollen nennen und deren Funktionen und Kompetenzen beschreiben und Fragen von BIM-Leistungen und rechtlichen Bestimmungen aufgreifen soll. Es wird aber bewusst weder ein eigenes Klassifizierungssystem definiert, noch in bestehende Ordnungen und Normen eingegriffen. „BIM ist Realität. Wir stehen vor einer Herausforderung“, so Menz.

Innovation durch Struktur

Um diese Herausforderung zu meistern, hat der SIA das Netzwerk Digital gegründet, zu welchem nebst dem SIA auch Bauen Digital Schweiz, CRB, KBOB und IPB gehören. „KBOB und IPB wollen durch ein gemeinsames Vorgehen den Anliegen des Bauherren mehr Gehör verschaffen“, sagt Peter Strebel, Verantwortlicher BIM beim IPB und Unternehmensleiter der LiB-AG. Denn man solle die Rechnung nicht ohne den Wirt machen. „Die ganze Bau und Immobilienbranche ist gefordert“, meint Strebel. So verlange BIM vom Bauherr sehr viel ab, weil man sich schon in einer frühen Phase über vieles wie beispielsweise ein späteres Bewirtschaftungskonzept im Klaren sein müsse. „Wir wollen so viele Daten wie nötig, aber so wenig wie möglich“, so Strebel.

„Standardisierung bringt Struktur und Struktur ermöglicht Innovation“, sagt derweil Architekt Marc Baldwin von der Mensch und Maschine Schweiz AG. Er ist überzeugt von BIM, jedoch müsse klar formuliert werden, wer was wie in welcher Phase tut. „BIM zerstört das Kreative nicht“, ist auch Menz überzeugt. „Ingenieure müssen ihr traditionelles Handwerk immer noch sehr gut beherrschen und neu Prozesse mitdenken. Denn der Computer macht nur, was man ihm sagt“, ergänzt Daniel Meyer von der Lüchinger + Meyer Bauingenieure AG und Vizepräsident des SIA.

Digitales Arch_Tec_LAb

Als Beispiel eines Bauvorhabens mit BIM wurde an der Veranstaltung „Eckwerte zukünftiger Planungs- und Bauprozesse und die Rolle von BIM“ im Rahmen der Swissbau das „Arch_Tec_Lab“ an der ETH Zürich vorgestellt, in welches mehrere Referenten involviert sind. „Die Form des Dachs wurde nicht modelliert sondern am Computer berechnet“, erklärte Professor Matthias Kohler von der ETH Zürich. So gesehen könnte BIM direkte Auswirkungen auf die Fabrikation haben. „Theoretisch wäre es schon bald möglich, dass wir den Lieferanten überspringen und den Produktionsroboter in der Fabrikationshalle schon fast selbst bedienen“, führte Daniel Meyer aus.

Doch ganz so einfach ist das nicht. Das Dach des Arch_Tec_Lab ist nämlich 2240 Quadratmeter gross und besteht aus 90 000 Holzlatten, welche mit 800 000 Nägeln zusammengemacht werden. Deshalb wollte man die Daten für das Dach direkt auf die Maschine, welche die Latten zuschneidet, übertragen. „Die Statik gibt zwar die Holzdimensionen vor, doch wenn ich beispielsweise die entsprechenden Greifsysteme nicht habe, bringt das gar nicht“, erläuterte Thomas Wehrle, Leiter Spezialbau bei der Erne Holzbau AG, welche als Partner ausgewählt wurde. Beim Dach des Arch_Tec_Labs habe man beispielsweise mit einer Greifbreite von 200 Millimetern geplant. Doch die Erne Holzbau AG hatte bereits Greifer, welche maximal 180 Millimeter greifen können bestellt. Also musste umgeplant werden. „Manchmal nehmen auch die produktionstechnischen Rahmenbedingungen Einfluss auf die Planung, Projektentwicklung und Architektur“, so Wehrle. „Wenn man die digitale Kette durchzieht, muss man also die produktionstechnischen Rahmenbedingungen mitdenken.“

Der Weg ist lang

Es wird also noch eine Weile gehen, bis man ein Gebäude mittels BIM am Computer planen und nachher sozusagen fast ausdrucken kann. Die Entwicklung in Richtung Digitalisierung und somit vermehrter Interdisziplinarität ist aber unaufhaltsam. Jedoch steht dem Mangel an einheitlichen Definitionen einer gestiegenen Erwartungshaltung der Bauherren und Betreiber gegenüber. Projektdefinitionen und Entscheide müssen immer früher getroffen werden. Daran müssen sich die Betroffenen erst gewöhnen. Und selbst dann wird es das traditionelle Handwerk immer noch brauchen. Denn Computer können zwar rechnen, aber entwerfen und planen können sie nicht. (Stefan Breitenmoser)