Bei Hellblau sieht Winterthur Rot

Bei Hellblau sieht Winterthur Rot

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Weil sie bei der Gestaltung ihrer Schrebergartenhäuschen keine Rücksicht auf die Vorschriften der Stadt genommen haben, müssen rund tausend Winterthurer ihre Häuschen umbauen. Die Stadt hat den fehlbaren Pächtern ein Ultimatum bis Ende Juni gestellt.
 
Von dem Ultimatum ist rund ein Drittel der gut 3’000 Püntenpächter („Pünten“ heissen die Schreber- beziehungsweise Familiengärten in Winterthur) betroffen. Ihr Vergehen: Sie haben ihre Häuschen hellblau oder rot gestrichen, Blechdächer montiert oder Heizungen installiert. Doch solches läuft den 2009 eingeführten Richtlinien zuwider. Darum hat die Stadt einen Landschaftsarchitekten damit beauftragt, die Einhaltung der Vorschriften zu überprüfen. Das Resultat der Untersuchungen: rund ein Drittel der Hütten verstösst gegen die Vorschriften. Der Zentralpräsident des Püntenpächtervereins Winterthur, Marcel Stutz, bestätigte einen entsprechenden Bericht des „Landboten“ vom Freitag. Laut Stutz hat die Stadt die 300 betroffenen „Püntiker“, die ihre Häuschen direkt bei der Stadt pachten, schon vor Weihnachten gemahnt. Der Brief an die übrigen 700, die über den Püntenpächterverein als Verbindungsglied pachten, ging laut Stutz anfangs Monat zur Post. In dem Schreiben werden die fehlbaren Schrebergärtner aufgefordert, ihre Häuschen bis Ende Juni regelkonform umzubauen. Ansonsten landen ihre Akten bei der Baupolizei.
 
 
"Wir wollen kein gestalterisches Sammelsurium." sagt Erich Dürig, zuständiger Liegenschaftenchef der Winterthurer Stadtverwaltung, gegenüber dem „Landboten“. "Wir wollen kein gestalterisches Sammelsurium." Und man wolle auch nicht, "dass jeder Püntiker herumbaut und herumstreicht, wie es ihm gerade passt". Bei dem Kontrollen gehe man nicht pingelig und stur vor, sondern lasse den gesunden Menschenverstand walten. Pächterpräsident Marcel Stutz hat den Brief zwar mitunterschrieben, an dessen Entstehung habe er jedoch nicht mitgewirkt, erklärte er gegenüber der SDA. Einige Beanstandungen seien wohl gerechtfertigt, doch mit ihrem Forderungskatalog sei die Stadt „zu weit gegangen“. Zu den Adressaten des Briefs gehört auch Stutz selbst: Er soll sein Tomatenhaus zweckentfremdet haben.
 

Nach dem Plastikstuhl das Püntenhäuschen

 
Doch nicht nur die Pächter sind genervt. So hat sich etwa die lokale SP in die Diskussion eingemischt: Sie hat mitgeteilt, dass „gestalterische und kulturelle Vielfalt“ in den Pünten wolle. Konformismus hingegen würde die „liebevolle Atmosphäre“ zerstören. Die SP kündigt eine dringliche Interpellation im Stadtparlament an. Auch die FDP des Kantons Zürich hat kein Verständnis für die Stadt. Wie Geschäftsführer David Müller der SDA mitteilte, ist der Fall Püntenhäuschen Anwärterin auf den „Gahts-no!-Priis“, der Anfang September 2011 zum zweiten Mal verliehen wird.
 
 
Nicht zum ersten Mal will die Stadt Winterthur in kleinstem Rahmen gestalterische Massstäbe setzen. Der Streit um die Hütten errinert an den Ärger mit den Gartenbeizen. Seinerzeit wollte der damalige Bauvorsteher einheitliche Beizen und keine bunten Plastikstühle; daneben wollte ein ehemaliger Lokalpolitiker keine Gartenbeiz vor seinem Fenster haben. Am Ende musste sich das Bundesgericht damit befassen. Es setzte dem Streit ein Ende, in dem es entschied, dass jede Gartenbeiz auf öffentlichem Grund im Kanton Zürich eine Baubewilligung braucht. (mai/sda)