„Baukultur muss weh tun“

„Baukultur muss weh tun“

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Teaserbild-Quelle: Walljet/Flickr
Viele bedeutsame Bauten der deutschen Nachkriegsmoderne erfahren wenig Wertschätzung. Sie wurden sich selbst überlassen; Renoviert und saniert wurden sie selten. Dieser Trend zeigt sich für Michael Braum von der Bundesstiftung etwa in den Diskussionen um Suttgart 21.
 
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Theater ums das Kölner Schauspielhaus: Weil sich Bürger gegen einen Nebau wehrten, wird der Nachkriegsbau jetzt nur saniert.
 
In kaum einem anderen Land Europas wurde in den 50er Jahren so viel gebaut wie in Deutschland. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegesa herrschte ein riesiger Bedarf an neuer Bausubstanz. Dies hat oft zu einem schnellen, von Pragmatismus geprägten Hochziehen von Bauten geführt. So erfährt die Nachkriegsmoderne bis heute keine grosse Wertschätzung. Massnahmen zur Instandsetzung, Renovation oder Sanierung markanter Bauwerke aus dieser Epoche erfolgen nur spärlich. Deshalb sei es wichtig über diese Themen in der Öffentlichkeit vehementer zu streiten, wie es derzeit bei Stuttgart 21 der Fall ist, sagt Professor Michael Braum von der Bundesstiftung. Er wünscht sich mehr öffentliche Auseinandersetzungen über Themen wie die Baukultur, das Bauen, Erneuern, Erhalten und Sanieren. „Baukultur muss wehtun“, sagt Braum. Gefragt sind bessere Wege, um die Öffentlichkeit, die Baukultur jeden Tag nutzt, bei ihrer Entstehung und Erhaltung mitzunehmen. "Die Möglichkeiten reichen dabei von einer transparenten und frühzeitigen Kommunikation bis zur begleitenden aktiven Beteiligung. Wir müssen Akzeptanz dafür schaffen Neues zu bauen, Altes zu bewahren und Bestehendes zu pflegen", so Braum.

Die Nachkriegsmoderne weiter denken

Die Auseinandersetzung um den Bahnhof Stuttgart ist gegenwärtig in aller Munde, aber bei weitem nicht das einzige Beispiel für die Notwendigkeit von mehr Öffentlichkeit und Mitwirkung schon in der Bauvorstufe. Dazu zählt auch das Schauspielhaus in Köln, ein von Wilhelm Riphahn geschaffenes Ensemble, das einem Neubau Platz machen sollte. Die Planung dafür wurde von einer engagierten Bürgerschaft verhindert, zu Gunsten einer Renovation. Dahinter steht ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass die Sprödigkeit der Nachkriegszeit Architektur auch Qualitäten hat. Jörg Jung von der deutschen Initiative "Mut zur Kultur" plädiert für einen Diskurs über die Zukunft von Bauten, die zur Identität der Bundesrepublik Deutschland gehören. Er fordert, die Nachkriegsmoderne weiterzudenken und nicht zu verdrängen. „Es geht um eine Nüchternheit in der Gestaltung der Architektursprache, die sich gegen den Monumentalismus der 30er- und 40er-Jahre wendet. Nach dem Krieg suchte die junge Bundesrepublik ein neues Gesicht und eine neue Identität. Mit so etwas müssen die politischen Entscheider schlichtweg anders umgehen.“ Es sei nicht zu rechtfertigen, einen Bilbao-Effekt zu erzeugen und aus touristischen Erwägungen alles „platt zu machen“. „Deshalb ist es wichtig, die Baudenkmäler der Nachkriegszeit zu erhalten, auch wenn sie uns teilweise sperrig vorkommen“, fordert Jung.
 
Im Rahmen dieser Diskussionen werden immer wieder auch direkt demokratische Entscheidungsprozesse gefordert. Nicht allen Interessierten ist dabei bewusst, dass diese sehr früh zum Tragen kommen müssen und dass solche Entscheidungsprozesse nicht kürzer werden - aber wohl zuverlässiger und sicherer, wenn denn einmal entschieden ist. (mai/mgt)