Bauen für Bronze, Silber und Gold

Bauen für Bronze, Silber und Gold

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Katrin Ambühl
Wo heute noch betoniert und gezimmert wird, drehen bald Radprofis und Nachwuchsfahrer Runde um Runde. Profis im
Bereich Bauen braucht es auch für die zügige Realisierung der Halle, die längst nicht nur von Velofans genutzt werden soll.
 

Links zu Beteiligten

 
  • Architektur und Bauleitung: Juve Architekten und Ingenieure AG, Stäfa ZH, www.juveag.ch
  • Bauunternehmung: Astrada AG NL Oensingen, Oensingen SO, www.astrada.ch
  • Holzbau: Rubner Holzbau Swiss AG, Basel, www.holzbau.com
Die Sportstrasse trägt ihren Namen zu Recht: Fussballstadion und Turnverein liegen hier, und ihre Nachbarn sind der Bocciaclub, das Schwimmbad und die Tennishalle. Diese Zone in Grenchen-Süd, wenige Schritte vom Bahnhof und wenige Meter vom Flughafen Grenchen entfernt, wird bald noch mehr Sportler anziehen. Und zwar aus der ganzen Welt. An der Sportstrasse wird derzeit am Velodrome gebaut, einem visionären und ehrgeizigen Projekt, das vom Unternehmer und Radsportfan Andy Rihs initiiert wurde. Die 250-Meter-­Radrennbahn wird die erste sogenannte Kate­gorie-1-Bahn der Schweiz sein. Nur auf solchen werden Weltcup- und Weltmeisterschaftsrennen durchgeführt. Ziel ist es, dem Schweizer Radrennsport Schub zu verleihen und eine neue Sportlergeneration zu unterstützen, die sich dank Velodrome an die Weltspitze des Radbahnsports ­vorkämpfen soll. «Sobald das Velodrome Suisse existiert, gibt es zwei Jahre später grosse Erfolge. Das ist eine einfache, mathematische Rechnung», lautet die Einschätzung von Robert Dill-Bundi, Bahnfahrer und ehemaliger Olympiasieger sowie Weltmeister.

Halle für alle

Dass alle Velosportler begeistert sind
von den Plänen eines Velodrome Suisse, ist klar. Doch auch andere Gruppierungen und Interessensgemeinschaften freuen sich, denn das Projekt ist als «Halle für alle» konzipiert. «Die Multifunktion war von ­Anfang an sehr wichtig», sagt Projekt­leiter Beat ­Zbinden. Die Mehrzweckhalle mit ­total 2000 Sitzplätzen auf der Tribüne und flexiblen 2000 Plätzen im Innenraum soll auch für andere Sportarten, für den Berufsschulsport, ­Konzerte oder Messen offen stehen. «Das Velodrome Suisse ist deshalb ein Win-­win-Projekt», sagt Zbinden.
 
Weil die Halle für ein breites Publikum gedacht ist, stiess das Projekt bei der Stadt Grenchen auf offene Ohren. «Das Velodrome Suisse ist eine grossartige Sache, ein Leuchtturm für unsere Stadt», sagt Boris Banga, Stadtpräsident von Grenchen. Auch die Einwohner bringen dem ­Velodrome viel Wohlwollen entgegen. In der ­Abstimmung über den 2-Millionen-Franken-Beitrag ans Projekt gab es eine einzige Nein-Stimme. Das freute den Stadtpräsidenten, der Stiftungsrat von Velodrome ist. Ebenfalls 2 Millionen steuert Andy Rihs selbst bei, der ebenfalls im Stiftungsrat sitzt. Der restliche Betrag von ­total 16,7 Millionen Franken stammt von Spendern und der öffentlichen Hand.
 
Geplant wurde das Velodrome von Juve ­Architekten und Ingenieure aus Stäfa. Sie bekamen den Zuschlag, weil sie Erfahrung haben im Bauen von Sporthallen und Mehrzweckgebäuden. ­Ihnen ist auch die Bauleitung übertragen worden. Für die Planung und Ausführung des Herzstücks, nämlich der Radrennbahn, holten die Architekten einen Profi ins Boot: Walter von Lütcken. Der deutsche Rad­rennbahnbauer ist eine Koryphäe auf dem hochspezialisierten Gebiet. Seit gut 20 Jahren beschäftigt er sich mit der Planung und dem Bau von Radrennbahnen. Weltweit  gibt es gerade mal drei ausgewiesene Fachspezia­listen für Radrennbahnen, und mit der Schweiz ist von Lütcken schon ­länger stark verbunden. Er baut jedes Jahr die flexible Rennbahn für das Zürcher Sechstagerennen. Zudem sind Schweizer Radrennfahrer wie Bruno Risi oder Franco Marvulli Testfahrer von Lütckens geworden. Jede Radrennbahn ist individuell und für sich ein Unikat. Deshalb ist auch die Bahn exakt auf das Velodrome in Grenchen zugeschnitten ­beziehungsweise entworfen worden. «Wir haben dabei das Grundstück bis auf den letzten Zentimeter ausgelotet», erläutert Walter von Lütcken.

«Den Baum hinunterfahren»

Die Bahn in Grenchen hat relativ lange Geraden und enge Kurven. Die Übergänge von den Geraden zu den Kurven müssen präzis passen, damit die Fahrer nicht ins Trudeln kommen, wenn sie in die Kurven rein- und rausfahren. Ebenso wichtig wie das Design ist das Material: das Holz. Es muss hart sein, um als ideale Rennunterlage zu dienen. Und Härte entsteht durch sehr langsames Wachstum. «Wenn es kalt ist, wächst ein Baum sehr langsam», erklärt der Spezialist den Einsatz von sibirischer Fichte als Belag. Die Vollholz-Unterkonstruktion hingegen besteht aus nordischer Fichte aus Finnland. Die Bäume ­wurden sorgfältig und eigenhändig vom Fachmann von Lütcken ausgewählt. Gesägt wurde das Holz in der eigenen Zimmerei im norddeutschen Bremerhaven. Um die Bahn schnell zu machen, müssen die Hölzer alle in der gleichen Richtung verlegt werden. «Der Fahrer fährt den Baum hinunter und nicht hinauf», so von Lütcken. «Dann gibt es noch weitere Geheimnisse, doch die behalte ich für mich». Sein Ziel ist jedenfalls glasklar: Es soll nicht ­einfach eine schnelle, sondern die schnellste ­Radrennbahn von Europa werden.

Zügiger Fahrplan

Rekordverdächtig ist auch der zeitliche Fahrplan des Projekts. «Von der ersten Idee bis zur Inbetriebnahme sind es gerade Mal zwei Jahre», sagt Projektleiter Zbinden. Anfang April war der Spatenstich, im kommenden Frühling soll die Halle fertig sein. «Das enge Terminprogramm ist eine grosse Herausforderung», so Zbinden. Und wie bei fast jedem Bauvorhaben gab es auch beim Velodrome Unvorhergesehenes, das den Bau ­verzögerte und den Terminplan durcheinanderzubringen drohte: Aufgrund des schlechten Baugrunds mussten 500 Betonpfähle à 13 Meter in den Boden gerammt werden. Eine Arbeit, die eineinhalb Monate dauerte. Und die nebenbei ein kleines Problem verursachte: «Ein Pfahl zerstörte das Abflussrohr des Turnvereins auf dem benachbarten Grundstück. Das Rohr war auf dem Plan nicht eingezeichnet», so Zbinden. Geflickt wurde es, indem das neue Rohrteilstück rund um den Pfahl geleitet wurde und so mit dem bestehenden verbunden werden konnte.
 
Beat Zbinden ist zu rund 80 Prozent mit dem ­Velodrome ­beschäftigt, die restlichen 20 arbeitet er für andere Projekte seiner Consulting-Firma. Der einstige Handballer ist seit einigen Jahren Hobby­radfahrer und deshalb mit Herzblut beim Projekt Velodrome dabei. Hier kommt sein breites Know-how als langjähriger CEO in der Druckbranche zum Zug. «Finanzen, Verkauf, Marketing, Planung, Kommunikation und ab und zu auch eine Prise Kreativität gehören zu meiner täglichen ­Arbeit für das Velodrome», sagt Zbinden. Be­sonders wichtig sind ihm die Flexibilität und die Freiheit, noch während der Bauphase Änderungen vorzunehmen. Und dies tut er auch. So wurde erst allmählich entschieden, dass nicht nur eine simple Backstation zum Velodrome gehören sollte, sondern ein voll ausgestattetes Restaurant. Und dass das Hotel 14 Zimmer, Einer-, Doppel- und Dreibettzimmer, beherbergen sollte. «Genau deshalb haben wir uns gegen ein Generalunternehmen entschieden und stattdessen den Architekten die Bauleitung übertragen.» Denn mit ­einem GU hätte jede noch so kleine Änderungen Zusatzkosten verursacht.
 
In der Schweiz gibt es Rennbahnen in Aigle und in Zürich-Oerlikon. Grenchen liegt genau ­dazwischen, und so wird das Velodrome Suisse von allen Landesteilen aus gut erreichbar sein. Bald füllen sich die Tribüne und die Bahn mit sportlichem Leben. Und dann sind Bronze, Silber und Gold schon fast zum Greifen nah. (ka)
 
 

Übrige Beteiligte

  • Bauherr: Velodrome Suisse, Grenchen