Bau kann die Krise gut überstehen

Bau kann die Krise gut überstehen

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Die Bauwirtschaft wird als vergleichsweise privilegiert betrachtet; sie ist von der Krise nur wenig betroffen. Die Herbstprognosen der Schweizer Konjunkturinstitute für die kommenden zwei Jahre sind unterschiedlich bezüglich der Intensität des anhaltenden Abschwungs ausgefallen.
 
Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) hat für einiges Aufsehen gesorgt, als sie die Prognosegrundlagen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) in Frage stellte und dessen jüngste Wirtschaftsprognose für das laufende und das nächste Jahr als zu optimistisch bezeichnete. Die Experten des Seco haben für 2009 einen Rückgang des Bruttoinlandprodukts um 1,7 Prozent und für 2010 eine Zunahme um 0,4 Prozent vorhergesagt. Die KOF hingegen senkte ihre eigene Prognose vom Sommer noch einmal ein wenig auf ein Minus von 3,4 Prozent und rechnet für 2010 nur mit einem minimalen Wachstum von 0,1 Prozent. Allerdings beschränken sich die Diskrepanzen der Institute auf die Intensität der Wirtschaftskrise, während die grosse Linie der Vorhersagen übereinstimmt.

Bauinvestitionen werden nur sehr langsam reduziert

Was die Bauwirtschaft anbetrifft, wird diese von der Rezession vergleichsweise wenig beeinträchtigt und bis 2011 eher als konjunkturelle Stütze wirken – der Bau wird sozusagen mit einem blauen Auge davonkommen. In der KOF-Analyse wird sehr ausführlich hergeleitet, was der Branche zu dieser bevorzugten Stellung verholfen hat. Während die realen Bauinvestitionen nach der letzten Krise von 2002 bis 2005 laufend angestiegen sind, kam es 2006 und 2007 zu leichten Rückgängen, denen 2008 wiederum ein Anstieg von knapp einem Prozent folgte.
 
Die KOF rechnet nun damit, dass auch im laufenden Jahr die Investitionen in Bauprojekte weiter ansteigen werden, mit einem Plus von 2,7 Prozent sogar kräftig. In den kommenden zwei Jahren ist mit einer Seitwärtsbewegung zu rechnen, was angesichts der schlechten Gesamtprognose aber immer noch sehr gut ist. Die KOF geht von einer Zunahme um 0,6 Prozent im Jahr 2010 und einer kleinen Abnahme von 0,4 Prozent im Jahr 2011 aus.
 
Bereits 2008 zeigte sich das Bild einer zunehmenden Dynamik im Tiefbau gegenüber den Hochbausparten. Nach vorläufigen Berechnungen des Bundesamts für Statistik (BfS) betrug das nominale Wachstum im Tiefbau damals 6,6 Prozent, während die Hochbauinvestitionen um 0,4 Prozent sanken. Im Wohnungsbau wurde 2008 erstmals ein Rückgang bei den fertiggestellten Wohnungen gegenüber dem Vorjahr registriert, der 5,3 Prozent betrug. Allerdings wuchs wiederum die Zahl der erteilten Baubewilligungen im gleichen Zeitraum an, während 2007 noch ein Rückgang verzeichnet worden war. Solche für den Bau derzeit wohl typische Schwankungen und Gegensätzlichkeiten machen Prognosen naturgemäss schwierig.
 
Für das laufende Krisenjahr stellt die KOF fest, dass sich die Baubranche als «erstaunlich krisenfest» erwiesen habe. In den bereits überblickbaren ersten beiden Quartalen haben vor allem die Konjunkturstützungsmassnahmen des Bundes stabilisierend gewirkt, von deren Gesamtumfang von rund einer Milliarde Franken der grössere Teil in den Bausektor und dort in Verkehrsinfrastrukturprojekte fliesst. Die treibende Kraft des Tiefbaus hält damit weiterhin an. Im Hochbaubereich dürfte die Entwicklung wie schon im vergangenen Jahr von der Wohnungssparte geprägt bleiben. Es sind die bei allen Krisensymptome weiterhin günstigen Rahmenbedingungen, die für eine stetige Nachfrage sorgen: Die Einwanderung hält an, die Beschäftigungslage wurde bisher noch kaum von der Rezession getrübt, die Hypothekarzinsen sind tief.
 
Zwar zeigen sich auch hier Abkühlungstendenzen. Die Zahl der neu erstellten Wohnungen ging im 2. Quartal gegenüber dem Vorjahr zurück, und nach Beobachtungen des Schweizerischen Baumeisterverbandes (SBV) flaute der Wohnungsbau schon im ersten Quartal 2009 ab. Aber diese Entwicklungen werden teils kompensiert, teils finden sie von einem sehr hohen Niveau aus statt. Die Rückgänge bei den fertig gestellten Wohnungen wurden durch Zunahmen bei solchen, die sich im Bau befinden, weitgehend wieder ausgeglichen. Und der SBV betrachtet mit Verweis auf die vorangehenden Wohnbauspitzen die aktuellen Rückgänge lediglich als eine Normalisierung.

Schwierigkeiten im Wirtschaftsbau

Die Krisenfestigkeit der Baubranche geht demnach auf mehrere Ausnahmesituationen zurück: Die vom Bund gesprochenen Konjunkturpakete mit dem gleichzeitig gegebenen hohen Ausbaubedarf bei den Verkehrsinfrastrukturen und die ausgesprochen starken Migrationskräfte. Dem Druck der aktuell sehr ungünstigen konjunkturellen Entwicklung ausgesetzt bleibt damit eigentlich nur der Wirtschaftsbau, wo denn auch die Vorhersagen am ungünstigsten ausfallen. Bis ins zweite Quartal 2009 kam es bei Büro-, Industrie- und Lagerflächen bereits zu Investitionsrückgängen, die KOF rechnet im Wirtschaftsbau insgesamt mit einem Minus von 2,3 Prozent bis Ende Jahr. Dass der Einbruch bislang nicht grösser ausfiel, ist auf Grossprojekte zurück zu führen, die noch in Zeiten der Hochkonjunktur geplant wurden, darunter Einkaufzentren und prestigeträchtige Hochhausbauten.
 
Mit einem spürbaren Abflauen der gesamten Baukonjunktur, verursacht von Rückgängen im Wirtschaftsbau, aber auch vom teilweisen Auslaufen staatlicher Tiefbauinvestitionen, muss erst in den kommenden beiden Jahren gerechnet werden. Die KOF erwartet Einbrüche vor allem bei den Bürobauten, zumal die Wirtschaftskrise wohl auch die Nachfrage drücken und sogar die Weiterentwicklung geplanter Objekte schwierig gestalten dürfte. Eine Stabilisierung wird frühestens 2011 für möglich gehalten. Eine anhaltende Dynamik im Wirtschaftsbau wird immerhin in den Bereichen Gesundheit und Bildung sowie im Energiesektor für einen gewissen Ausgleich sorgen.
 
Bei den Infrastrukturen wird die Entwicklung in den kommenden Jahren sehr unterschiedlich ausfallen. Im Strassenbau ist nach den hohen Investitionen im laufenden Jahr ab 2010 mit einer Stagnation zu rechnen, denn zahlreiche Projekte wurden jetzt vorgezogen, was in absehbarer Zukunft Lücken in den Auftragsbüchern verursachen wird. Auch die Investitionen in den öffentlichen Verkehr dürften nächstes Jahr wieder rückläufig sein; bei der NEAT steigen die Ausgaben im kommenden Jahr nur verhalten, erst im Jahr 2011 ist mit einem stärkeren Anstieg zu rechnen. Insgesamt ist die Prognose deshalb nicht eben günstig, weil die Verkehrsausgaben des Bundes in den kommenden Jahren eher unter dem langjährigen Durchschnitt bleiben werden. (Paul Batt)