Bald schon "Plus-Energie-Häuser"?

Bald schon "Plus-Energie-Häuser"?

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Teaserbild-Quelle: Schweizerische Energie-Stiftung
Die Marschrichtung ist klar: Langfristig will die Schweiz möglichst auf fossile Energiequellen verzichten. Das Potenzial, Energie zu sparen, ist im Bereich Bauen besonders gross. Vielfältig sind auch die Instrumente und Mittel, damit die Schweiz auf dem „nachhaltigen“ Kurs bleibt.
 
Der Bundesrat strebt in den nächsten Jahren die Vision der 2000-Watt-Gesellschaft an. Eine solche Vision ist keine Illusion», sagte Moritz Leuenberger bereits 2005. Seither hat sich einiges getan. Als erste Gemeinde der Schweiz verankerte die Stadt Zürich in einer Abstimmung vom 30. November 2008 die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft in der Gemeindeordnung. Für die langfristige Umsetzung einer 2000-Watt-Gesellschaft, bei der ohne Einbusse an Lebensqualität nur noch ein Drittel des heutigen Energieverbrauchs und eine Tonne CO2-Emission pro Kopf nötig sind, spielt das nachhaltige Bauen eine wichtige Rolle. Seit der Abstimmung mit einem Ja-Stimmen-Anteil von 76 Prozent wurden in Zürich diverse Leuchtturmprojekte realisiert, etwa das Stadtspital Triemli.

Weitere Gemeinden und Kantone ziehen in dieselbe Richtung. Kürzlich hat beispielsweise Graubünden ein neues kantonales Energiegesetz mit dem Fernziel einer 2000-Watt-Gesellschaft verabschiedet. Darin werden die Vorschriften bei Neubauten gegenüber 2008 schrittweise
verschärft, um 2011 den Verbrauch fossiler Energien um 40 Prozent zu senken, 2025 um
60 Prozent (Minergie-P Standard) und 2035 schliesslich um 80 Prozent. Das grösste Potenzial zur Senkung von CO2-Emissionen liegt in der Gebäudesanierung. Mehr als 40 Prozent des Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen fallen hier an. Bund und Kantone finanzieren das Gebäudesanierungsprogramm mit der CO2-Abgabe auf Brennstoffen (Öl und Gas). Sie ist 2008 eingeführt und 2010 auf 36 Franken pro Tonne CO2 erhöht worden. 

Sanieren und profitieren
Die Grundlage für das Gebäudeprogramm von Bund und Kantonen hat der Klimarappen geschaffen. Die 2005 gegründete Stiftung ist eine freiwillige Massnahme der Schweizer Wirtschaft für einen wirksamen Klimaschutz. Sie hat sich gegenüber dem Bund verpflichtet, im Zeitraum 2008 bis 2012 zwölf Millionen Tonnen CO2 zu reduzieren. Eine Zielsetzung des Klimarappens war das Gebäudeprogramm, das nun Bund und Kantonen übertragen wurde. «Anfang 2010 wurde das Programm gestartet», erläutert Thomas Jud vom Bundesamt für Energie. «Es dauert zehn Jahre und unterstützt in der Schweiz die energetische Sanierung von Gebäuden.» Ein sinnvoller Fokus, gelten doch rund 1,5 Millionen Häuser als dringend energetisch sanierungsbedürftig.
Jährlich wird aber nur gerade ein Prozent der bestehenden Liegenschaften erneuert.
Nach sechs Monaten zieht das Gebäudeprogramm eine erste Bilanz. Bis Juni 2010 sind rund 14 000 Fördergesuche eingegangen. Zirka 7500 Gesuche mit einer Gesamtförderungssumme von gut 61 Millionen Franken wurden bereits bewilligt. Der Gesuchseingang liegt gemäss den
Verantwortlichen über den Erwartungen. Ab 2010 werden erstmals auch die Globalbeiträge an die Kantone aus der Teilzweckbindung der CO2-Abgabe finanziert. 200 Millionen Franken pro Jahr fliessen so in die Kasse des Gebäudeprogramms. Die Zuschüsse vom Bund erhalten nur Kantone, die über eine entsprechende Rechtsgrundlage sowie ein Förderprogramm verfügen und hierzu einen finanziellen Kredit bereitstellen. 2010 erfüllen zum ersten Mal alle Kantone die Voraussetzungen für die Auszahlung von Globalbeiträgen. Das Budget für 2010 beträgt 67 Millionen Franken.

Auch die Zwischenbilanz bei den kantonalen Förderprogrammen fällt positiv aus. Die Studie «Wirkungsanalyse kantonaler Förderprogramme» vom September 2010 bescheinigt den vom Bund unterstützten kantonalen Förderprogrammen einen sehr guten Leistungsausweis. Die Reduktion des CO2-Ausstosses im Jahr 2009 betrug 108 000 Tonnen CO2 (2008: 69 000). Es wurden 445 Millionen Franken an energetischen Investitionen ausgelöst (2008: 227). Ein Erfolg, der nicht
zuletzt auf die massiven Budgetaufstockungen im Zuge des Stabilisierungsprogrammes von Bund und Kantonen für 2009 zurückgeht. «2009 wurden insgesamt 307 Millionen Franken verpflichtet, darin eingeschlossen sind kantonale Mittel inklusive Globalbeiträge des Bundes», sagt Thomas Jud. «Davon wurden 115 Millionen Franken ausbezahlt und unter anderem Sonnenkollektoren, Holzfeuerungen, Gebäudesanierungen sowie Photovoltaik-Anlagen unterstützt.»

Das Haus als Kraftwerk
Eine zentrale Rolle im Bereich Förderung des nachhaltigen Bauens spielt EnergieSchweiz. Nächstes Jahr beginnt die zweite Etappe, die bis 2020 andauern wird. Michael Kaufmann, Leiter von EnergieSchweiz, gibt sich ehrgeizig: «Wenn man zehn Jahre vorausdenkt, steht nicht einmal mehr das Null-Energie-Haus im Vordergrund, sondern das Plus-Energie-Haus – also ein Gebäude, das ein Kraftwerk ist. Jetzt müssen wir das aufgreifen, was in zehn Jahren Normalität sein wird,» ist Kaufmann überzeugt. Damit beschäftigt sich auch Minergie, einer der Partner von EnergieSchweiz. Geschäftsführer von Minergie, Franz Beyeler, erhofft sich eine weitere Sensibilisierung für das Thema. «Spricht man vom 20-Liter-Auto, wissen alle, was das bedeutet. Aber das 20-Liter-Haus kennt niemand.» Und erklärt, dass ein «normales» Haus rund 20 Liter Öl pro Quadratmeter und Jahr verbraucht, ein Minergie-P-Haus hingegen nur gerade 3 Liter. Oder es produziert gar mehr Energie, als es selbst benötigt. So lautet das Ziel, das vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt ist. (ka)