Autos müssen unten durch

Autos müssen unten durch

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Teaserbild-Quelle: zvg
Seit zwei Jahren laufen die Arbeiten am neuen Wankdorfplatz in Bern. Kernstück ist ein ungewöhnlicher Verkehrskreisel: Dieser hat rund 50 Meter Durchmesser und wird 10 Meter unter den Boden zu liegen kommen.
 
 
Eine der spektakulärsten Baustellen Berns bleibt dem Publikum verborgen: Bei der Neugestaltung des Wankdorfplatzes spielt sich das Beste unterirdisch ab. Da zudem während der Arbeiten der Verkehr weiter über den Platz muss, umzieht eine dreispurige Strasse die Baustelle. Passanten können also nicht einmal durch den Bauzaun linsen. Einziger Trost für die Tiefbaufans: Seit Beginn der Arbeiten kann man die Fortschritte über eine Webcam verfolgen.

65'000 Fahrzeuge täglich

Notwendig wurde die Neugestaltung, weil das Quartier rund um den Wankdorfplatz boomt (Siehe "Infos" unten). So muss der Platz beim Stade de Suisse täglich rund 65'000 Fahrzeuge verkraften, was in der Vergangenheit oft zu Staus und Ausweichverkehr im Quartier führte. Bis ins Jahr 2025 wird gar eine Frequenz von 80'000 Fahrzeugen am Tag erwartet.
 
Angesichts dieser enormen Zahlen entschloss man zum Totalumbau der Strassenkreuzung, der auch eine Neugestaltung der Zufahrten beinhaltet. Für den Wankdorfplatz selbst wurde entschieden, einen Teil des enormen Verkehrsflusses unter dem Boden durch zu leiten. Der überirdische Platz soll dagegen vom Autoverkehr entlastet und durch eine Neugestaltung für die Bevölkerung attraktiver gemacht werden.
 
Der unterirdische Kreisel, der in dieser Dimension eine Schweizer Premiere darstellen dürfte, hatte sich bei verschiedenen Studien als beste Lösung erwiesen. Der zweispurige Kreisel wird in der Mitte durch Tageslicht erhellt, was bessere Sichtverhältnisse schafft. Zudem ist der Kreiseldurchmesser so gestaltet, dass auch Lastwagen ihn befahren können und gleichzeitig die Fahrgeschwindigkeiten tief bleiben. In den Kreisel hinab führen vier kreuzförmig angeordnete Rampen. Über diese führen Brücken für die Fussgängerinnen und Fussgänger. Mit Hilfe von Lichtsignalanlagen an den Rampenköpfen wird gewährleistet, dass bei drohendem Stau die Autos ausserhalb des Kreisels angehalten werden und der Verkehr aus dem Kreisel abfliessen kann.

Herausforderung für Ingenieure

Der Bau dieses unterirdischen Kreisels bot für die Ingenieure eine ganze Reihe von Herausforderungen für die Ingenieure. Es galt, eine Stahlbetondecke mit vorgespannten Unterzügen und dazu die konisch geformten Kreiselwände in Sichtbetonqualität zu giessen und hierfür eine möglichst clevere Schalungslösung zu finden.
 
Die Wandschalungselemente für die gekrümmten Kreiselaußenwände wurden massgenau vorgefertigt, mit Radien von 30 bis 45 Metern und einer Wandneigung von 10:1. Die Herstellung der 1,80 m breiten, vorgespannten Unterzüge mit variablen Höhen zwischen 1,15 m und 2,70 m erfolgte auf einer zum Kreiselzentrum hin ansteigenden Trag- und Arbeitsebene. Diese wurde gebildet aus einem flexiblen Träger-Deckenschalungssystem, äusserst tragfähigen Doppeljochen mit passenden Querträgern. Die Alu-Deckenstützen der Firma Peri liessen sich dank Schnellwirbelmutter und des eingebauten Massbands einfach für die unterschiedlichen Höhen zwischen 5 und 6 Metern einstellen. Die aufgedoppelte Schalhaut wurde ausserdem rückseitig verschraubt, womit gute Betonoberflächen erzielt werden konnten.

Raffiniertes Schalungskonzept

Im Anschluss an die Unterzüge waren die vier Deckensegmente zwischen den kreuzförmig angeordneten Unterzügen herzustellen. Eine knifflige Aufgabe, denn die rund 1400 Quadratmeter der bis zu 1,20 m starke Stahlbetondecke verlaufen kegelstumpfförmig mit etwa drei Prozent Gefälle auf der Oberseite. Die Unterseite weist zudem fünf Höhenversätze und unterschiedliche Neigungen auf. Für diesen Guss musste ein raffiniertes Schalungskonzept entwickelt werden: Auf dem Lehrgerüst bildete das Träger-Deckenschalungssystem eine ebene, vollflächig abgedeckte Zwischenplattform. Auf dieser Arbeitsebene konnte das Baustellenteam die vorgefertigten Aufsatzelemente rasch montieren, so dass sich trotz der komplexen Geometrie eine präzise Formgebung erzielen liess.
 
Mit diesen schaltechnischen Kniffen konnte die Decke inzwischen fertig gegossen werden und im September feierte das 2008 begonnene Projekt Halbzeit. „Die Bilanz ist erfreulich", stellte Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer dabei fest. "Die Bauarbeiten schreiten gut voran und der Verkehr im Grosskreisel fliesst um den Wankdorfplatz." Obwohl auch auf der benachbarten Stadttangente gebaut werde, sei der befürchtete "verkehrliche Super-Gau" ausgeblieben.
 
Wichtig für die Baustelle war auch, dass die einzelnen Lieferanten das Just-in-Time-Management präzise umsetzen konnten: Da sich die Baustelle in der Mitte des verkehrsreichen Platzes befindet, konnte Material nur mit grosser Mühe hinein- oder hinausgebracht werden.

Spundwände werden herausvibriert

Nachdem die Betonarbeiten am Kreisel fertig sind, werden im Moment die Spundwände herausgezogen, welche die Baugrube sichern. Diese lärmige Arbeit versucht man so leise wie möglich zu gestalten, indem die einzelnen Metallelemente bis auf eine bestimmte Höhe einzeln „herausvibriert“ werden. So ziehen die Arbeiten insgesamt rund 7000 Quadratmeter Bohlen heraus, die sie anschliessend für den Bau der Rampen wieder in den Boden rammen.
 
Die Bauarbeiten am Wankdorfplatz selbst sollten Anfang 2012 beendet sein. Dann wird als letztes die Platzgestaltung und die Montage des Seiltragwerkes erfolgen. Zum Fahrplanwechsel Ende 2012, dies das Ziel der Verantwortlichen, sollen erstmals Tram und Bus über den rundum erneuerten Platz fahren. Während die Mehrzahl der Autos und Lastwagen in Zukunft beim Stade de Suisse unten durch muss. (bk)
 
 

Infos

Der Wankdorfplatz wird komplett neu gestaltet und dabei um einen Viertel kleiner, erhält neue Wege für Velofahrer und Fussgänger und eine Begründung. Dazu kommen Haltestellen für Tram und Bus. „Ein Vorzeigeprojekt, bei dem Zielsetzungen für den öffentlichen Verkehr, den Langsamverkehr und den motorisierten Individualverkehr gleichberechtigt verfolgt werden", wie Stadtpräsident Alexander Tschäppät bei Baubeginn unterstricht.
Den Platz überspannt ein Seiltragwerk, an dem die Beleuchtung und die Fahrleitungen hängen. Der Autoverkehr wird geteilt: Der Geradeausverkehr fährt oben, der Abbiegeverkehr benutzt den unterirdischen Kreisen. Rund um den Platz baut man Rampen, die auf die untere Verkehrsebene führen. Nebst den Arbeiten am Platz selbst werden auch die Zubringerstrassen an die neue Situation angepasst. Ausserdem verlängert man die Tramlinie 9, die bisher beim Guisan-Platz wendet, über den Wankdorfplatz bis zur S-Bahn-Station Wankdorf. Das Projekt kostet gemäss Budget 91 Millionen Franken, wovon der Bund aus dem Infrastrukturfonds einen Beitrag von 40 Millionen leisten wird. 
In Sichtweite des Wankdorfplatzes erhält auch die Autobahn A1 eine neue Ausfahrt. Diese ist Teil der Gesamterneuerung der Stadttangente Bern, welche vom Bundesamt für Strassen durchgeführt wird. Dieses Grossprojekt, in dessen Rahmen rund 50 Kunstbauten neu errichtet werden, dauert bis 2012 und kostet voraussichtlich rund 400 Millionen Franken.