Autos bald umweltfreundlicher als der öffentliche Verkehr?

Autos bald umweltfreundlicher als der öffentliche Verkehr?

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: zvg
Am Berner Verkehrstag wurde die Mobilität aus dem Blickwinkel von Energieverbrauch und Energieeffizienz beleuchtet. Experten präsentierten teilweise überraschende Thesen und kamen zu Schlussfolgerungen, die auch gewisse Dogmen der Verkehrsplanung infrage stellen könnten.
 
zvg
Quelle: 
zvg
Verkehrszukunft Individualverkehr? - Keine Utopie, wenn die Industrie energieeffiziente Dreiliterautos bereitsstellt.
 
Der Berner Verkehrstag konnte sich in den letzten Jahren von einer rein lokalen Veranstaltung zur wichtigen Expertentagung entwickeln, die für die Mobilitätspolitik in der ganzen Schweiz Bedeutung erlangt hat. Wenn die Veranstaltung in Medien und Öffentlichkeit dennoch nie allzu viel Aufmerksamkeit erlangt hat, so weil einerseits vor allem Fachthemen diskutiert wurden, die entsprechendes Wissen voraussetzen. Andererseits aber auch, weil unter den Teilnehmern meist übereinstimmende Einigkeit herrschte, was die generell gewünschte Ausrichtung der Verkehrspolitik und die grundlegenden Fakten, auf denen diese beruht, anbetrifft. Zu ernsthaften Kontroversen kam es selten.

Ein Drittel des Energieverbrauchs entfällt auf den Verkehr

Dass die diesjährige Durchführung nun aber mit einigen Tagungsergebnissen endete, die – wie den Reaktionen aus dem Plenum zu entnehmen war – nicht unbedingt der herrschenden Lehre in puncto Verkehrspolitik und -planung entsprechen, hatte mit dem gewählten Thema zu tun. Zwar versprach das Tagungsmotto «Energieeffizienz als Herausforderung für die Verkehrspolitik» zunächst wenig Überraschendes. Verkehr und Energieverbrauch gehören naturgemäss zusammen. Aber in ihrem Eröffnungsreferat zeigte die Bernische Verkehrsdirektorin Barbara Egger auf, mit welchen Dimensionen und auch welchen Einsparpotenzialen man es im Bereich der Mobilität tatsächlich zu tun hat.
 
So entfällt ein Drittel des Energieverbrauchs der Schweiz auf den Verkehr, der seit 1950 dermassen zugenommen hat, dass sich seine Energiekonsumption verzehnfachte. Ein Ende davon ist im Gegensatz zu den Bezügen von Industrie und Haushalten nicht abzusehen. Dort ist seit Anfang der 90er-Jahre eine Sättigung des Energiehungers feststellbar, der Verbrauch geht sogar etwas zurück. Nicht so beim Verkehr, wobei vor allem die Art der genutzten Energie von Bedeutung ist: 96 Prozent davon sind fossile Brennstoffe, das heisst Benzin und Diesel. Weltweit verbraucht der Verkehr sogar die Hälfte des konsumierten Rohöls, und auch hier ist die Wachstumsdynamik ungebrochen.
 
Dass andererseits die Förderung von Rohöl, die geografische Verteilung der vorhandenen Ressourcen und die Versorgung ökonomisch prekär sind, gehört zum Alltagswissen. Man braucht dabei nicht so weit zu gehen, wie der Basler Uni-Dozent Daniele Ganser, der an der Tagung das unmittelbar bevorstehende Austrocknen der letzten Erdölreserven vorhersagte. Diese sogenannte «Peak oil»-Hypothese ist allerdings durchaus umstritten. Unbestritten unter allen Experten ist jedoch, dass der sehr hohe Ölverbrauch des motorisierten Individualverkehrs nicht nachhaltig ist und in den nächsten Jahren markant gesenkt werden muss – und wird.

Die Zukunft: Sparsame und Umweltfreundliche Autos

Letzteres führte zu der überraschenden, aber mehrfach geäusserten Erwartung, dass der Energiespar- und Umweltfreundlichkeitsvergleich zwischen motorisiertem Individualverkehr (MIV) und öffentlichem Verkehr (ÖV) schon in absehbarer Zukunft zugunsten des Ersteren umschlagen könnte. Nicht zuletzt getrieben durch die aktuelle Wirtschaftskrise dürfte die Automobilindustrie den Treibstoffverbrauch künftiger Fahrzeuge auf deutlich unter drei Liter pro 100 Kilometer Fahrweg senken. Technikfachleute wie Lino Guzella von der ETH Zürich glauben, dass nicht etwa technische Hindernisse, sondern Präferenzen im Markt die Verwirklichung solcher Konzepte noch eine Weil verzögern werden, dass sie aber die realistische Zukunft des Autos darstellen.
 
Ab dann allerdings könnte das Dogma von stets umweltfreundlichen ÖV rasch ins Wanken geraten. Wie Peter de Haan vom Ingenieurbüro Basler+Partner darlegte, können bereits jetzt Vergleiche zwischen ÖV-Bussen und Personenwagen unerwartet ausfallen. Etwa wenn bedacht wird, dass der Bustransport eigentlich nur bei bester Auslastung umweltfreundlicher – zum Beispiel bezüglich Stickoxyden – und energieeffizienter ist, als wenn die gleiche Anzahl Personen sich auf einige Autos aufteilen würde; manche Postautolinien in der Schweiz sollten diesbezüglich lieber nicht allzu sorgfältig überprüft werden, soweit sie nicht durchwegs um die 20 Leute pro Fahrt befördern.
 
Der Vergleich dürfte vollends prekär für den ÖV werden, wenn das Auto dereinst tatsächlich massiv energieeffizienter wird. Das wird zumindest tendenziell durch andere Untersuchungen bestätigt. Hansruedi Kunz von der Energiefachstelle des Kantons Zürich ist zwar keineswegs bestrebt, einem weiteren ÖV-Ausbau in seinem Einflussbereich im Wege zu stehen. Aber am Schluss seiner Ausführungen über die vertiefte Energiebilanzierung von Siedlungen, in welche der Verkehr miteingeflossen ist, kam auch er auf einige Beobachtungen zu sprechen, die er als «provokativ» apostrophierte: Zwar ist die S-Bahn als Transportmittel heute noch energieschonender als der Personenwagen, aber wenn der ÖV weiter so bevorzugt ausgebaut wird wie bisher, muss dessen Mehrbedarf an Infrastrukturen – Trassen, Tunnels, Bahnhöfe – in Rechnung gestellt werden. Gegenüber dereinstigen Unter-3-Liter-Autos wird die Energiebilanz des ÖV dann aber nicht mehr sonderlich vorteilhaft ausfallen.

Vernetzung ist Voraussetzung für sehr sparsame Fahrzeuge

Experten des Fahrzeugbaus lassen sich natürlich nicht allzu weit auf Spekulationen ein, inwieweit eine neue Generation hoch energieeffizienter Autos blosse Utopie oder realistisches Zukunftsszenario sind. Sicher ist, dass zahlreiche Probleme gelöst werden müssen. Lino Guzella wies auf das selten genügend wahrgenommene Problem der Unfallträchtigkeit des MIV hin, welches sich durch treibstoffsparende Autos in einer Weise verschärfen wird, die ohne Gegenmassnahmen intolerabel sein dürfte. Energiesparautos sind nur durch eine Gewichtsreduktion zu realisieren, heute aber sind Personenwagen nicht zuletzt deswegen so schwer, weil sie das Überleben der Insassen bei Unfällen sicherstellen müssen. Um den Wegfall dieser Schutzmassnahme zu kompensieren, stehen Konzepte der elektronischen Vernetzung der Verkehrsteilneher im Vordergrund, mit deren Hilfe Unfälle durch automatische Brems- und Ausweichmanöver vermieden werden sollen.
 
Bis es soweit ist, dürften ebenfalls Vernetzungskonzepte den Weg zur nächsten Generation sparsamerer Personenwagen ebnen, voraussichtlich sogenannte Steckdosen-Hybridfahrzeuge (siehe Bild unten). Solche Autos laden nicht nur Strom für ihre Batterien aus dem Netz, sondern können solchen auch wieder abgeben, was die Gesamt-Energieeffizienz eines zu Hauptsache strombasierenden MIV optimieren wird.