Ausverkauf der Armutsviertel?

Ausverkauf der Armutsviertel?

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Teaserbild-Quelle: sebastiAnEb/flickr
Während sich die Architekturszene schon lange für das Phänomen der Favelas interessiert, locken die Siedlungen der Ärmsten nun auch Touristen an. Nach und nach mausern sich die Elendsviertel von Nairobi, Mumbai oder Rio de Janeiro zu trendigen Orten, was sich dort etwa auf die Immobilienpreise auswirkt. Einst in die Favelas gedrängt, weil sie das Leben in besseren Quartieren nicht bezahlen können, werden manche Bewohner ein neues Zuhause suchen müssen.
 
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Complexo-do-Alemão - eine der Favelas von Rio de Janeiro.
 
Die teils hochgefährlichen Stadtteile beginnen zum Sightseeingprogramm zu gehören wie Altstädte oder Strände, verschiedene Reiseveranstalter bieten auch Touren in die Elendsviertel von Rio de Janeiro und Co. an. Laut den Osnabrücker Sozialgeografen Andreas Pott und Malte Steibrink entwickelt sich der Slumtourismus vom Nischenphänomen zu einem touristischen Mainstreamprodukt und dürfte die jährliche Millionenmarke bald erreichen.

„Soziales Bungee-Jumping“

Woher kommt diese Favela-Faszination? „Aufs Erste erscheint es eine Art ‚soziales Bungee-Jumping’, als seien Touristen hier von der Angstlust getrieben, die mögliche Höhe des sozialen Falls mit eigenen Augen, Ohren und Nasen ausloten zu wollen, ohne dabei jedoch selbst hart zu landen", erklärt Steinbrink, der vor Kurzem mit Kollegen ein Buch zum Thema („Slum Tourism: poverty, power, ethics“ ) verfasst hat. Zwar dürfte der Nervenkitzel Teil der Motivation für das kurze Eintauchen in die Armut sein, als Erklärung des Phänomens reiche es jedoch noch nicht. Slumtouren versprächen oft das Erlebnis von „Echtheit“ und authentischer Kulturerfahrung. „Erwartungen prägen die Wahrnehmung dabei allerdings genauso wie die Inszenierung durch den Touranbieter. Allzu leicht verallgemeinern Touristen und denken nach dem kurzen Erleben, sie würden nun wissen, was Armut ist“, sagt Pott. So zeigen etwa Vergleiche vor und nach Besuchen südafrikanischer Townships, dass negative Assoziationen oft in den Hintergrund treten. „Viele Touren vermitteln das Bild von ‚arm, aber glücklich’.“ Darin sehen die beiden Experten eine Gefahr: Die Touristenbrille verkläre, statt dass sie aufkläre. „Der Blick wird unpolitisch und romantisierend, wenn nicht mehr hinterfragt wird, warum Menschen im Slum leben.“ Ob der Slumtourismus einen Beitrag zur Armutsreduzierung leisten kann, ist noch wenig erforscht. Sicher ist aber, dass statt den Bewohnern der Slums die externen Tourveranstalter finanziell profitieren, stellen Steinbrink und Pott in ihrem Buch fest.

Wohnungspreise steigen

Die Stadtpolitik steht dem Phänomen unterschiedlich gegenüber: Ist sie mancherorts stark abgeneigt, weil solche organisierten Ausflüge den Blick auf städtische Schandflecken lenken, ist diese Tourismusform andernorts politisch gewollt. „Aktuell fördert zum Beispiel Rio de Janeiro den Favelatourismus, um das Image der Favelas zu verbessern und es in das Samba-gesättigte und Zuckerhut-gesüsste Festivalimage der Gastgeberstadt der WM 2014 und Olympia 2016 zu integrieren“, sagt Steinbrink. Als Folgen dieser Aufwertung steigen die Wohnungspreise in den betroffenen Gebieten und arme Bevölkerungsschichten werden in städtische Randlagen verdrängt. "Wir haben es mit einer Globalisierung des Slumming zu tun: Heute boomt der Armutstourismus erstmals in Metropolen des globalen Südens, wobei Kapstadt, Johannesburg, Rio und Mumbai Vorreiter sind“, sagt Pott. „Sobald Tourenanbieter den Eintrag in Reiseführer schaffen, geht es los im großen Stil.“
 
Neu ist dieses Phänomen allerdings nicht: Schon im London des 19. Jahrhunderts besuchten Angehörige der Oberschicht die armen Stadtviertel im East End. „Unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit ging es damals vor allem um das Erlebnis eines unmoralisch, zügellosen Anderen“, berichtet Steinbrink. Ab 1900 wurden in den USA Migrantenviertel - vor allem China Towns und Little Italys, jedoch auch New Yorks Harlem - für Touristen als Orte eines vormodernen, ethnischen Gegensatzes zu den modernen Metropolen interessant. (mai/mgt)